Denn ich will finden, verdammt.

Ich suche zwischen den Tellern vom Vortag und den Fast-Food-Schachteln vom Wochenende nach einem Platz für das Essen von heute. Da ist er. Irgendwo ist doch immer Platz. Man muss nur die Fähigkeit besitzen, die Probleme von damals einfach aufeinander stapeln zu können. Ich schalte den Fernseher ein, starte Netflix und habe die Jalousien heute noch kein einziges Mal geöffnet. Das dunkle Orange meiner Rollos lässt wieder einmal nur eine gedämpfte Stimmung zu. Keinen Sonnenstrahl zuviel. Das hier ist meine Welt, mein kleiner Kosmos, meine Universum nach dem Urknall, vollkommen chaotisch und eben doch meins. Ich hasse es hier.

Manchmal, in den letzten Wochen, war ich ungern hier. Und bin trotzdem nicht rausgegangen, an die frische Luft, hinaus in die Welt, die neben Sonnenstrahlen noch ein paar weitere schöne Sachen bietet; aber so sehr ich mich nach ihnen sehne, ich wage diesen Schritt nicht. Ich bleibe im Chaos, sehe auf der Couch fern, sitze am Schreibtisch vorm Computer und träume vor mich hin. Irrationalität ist die Devise, nicht am Versuchen zerbrechen, sondern am Nichttun und am Nichtstun. Lieber das Leben der anderen nur streifen, als Teil davon zu sein – immer mit der Gefahr, nicht mehr hineinpassen zu können. Meistens, in den letzten Wochen, war ich ungern hier.

Und meistens arbeite ich. Bis spät nachts arbeite ich, manchmal auch bis früh morgens. Ich zähle nicht alle Stunden, aber in den vergangenen Wochen waren es regelmäßig eindeutig zu viele; und selbst wenn es so aussieht, als würde ich nicht arbeiten, arbeite ich doch insgeheim. Meine Mama hat letztens zu mir am Telefon gesagt: „Denk doch einfach nicht so viel nach!“ und ich habe traurig gelacht und gesagt: „Seit ich ungefähr elf bin hat mein Kopf zu denken begonnen und nie wieder aufgehört.“ Natürlich denke ich zuviel, lasse mich treiben, obwohl ich mich nicht treiben lassen will, natürlich kämpfe ich ununterbrochen, dass ich meinen Zielen, dass ich meinen verdammten Träumen etwas näher komme, natürlich gebe ich alles und gebe manchmal auch einfach nichts.

Und dann erwische ich mich beim Gedanken, dass ich erst eine Pause haben würde, wenn da jemand wäre. Wenn ich nicht, so wie an manchen Tagen, meinen zweiten Polster umarmen müsste, um mir vorzustellen, dass jemand da wäre, der meine Umarmung braucht. Wenn da eine Person ist, eine Verliebtheit, eine Liebe, ein Vergessen und ein Schmerz. Ich wäre zu nichts anderem mehr zu gebrauchen und wäre glücklich darüber. Doch auch hier scheint die Theorie mir etwas vorzulügen, denn es war nie leicht und das wird es auch nicht sein. Liebe ist dieser wohlwollende Untergang, diese betrunkene Autofahrt, dieser etwas zu lange Trip, von dem man glaubt, nie wieder runtergekommen zu sein. Sie ist, macht und zerstört voll und ganz.

Aber das ist wohl dieses Fernweh, dass ich manchmal spüre. Dieser Traum, das alles besser wird, wenn es endlich besser ist. Dass das Chaos in meinem Kopf, das Chaos in meinem Leben, ja selbst das Chaos an der Kreuzung, das ich von meinem Fenster aus beobachten kann; dass all dieses Chaos ein für allemal, zumindest für den Moment eines Kusses, oder einer Nacht oder eines Lebens verschwinden würde. Dieses Fernweh nach einer Utopie, die mich mitreißt, die mir Mut macht, mich aufrichtet und hofft. In der ich nicht immer Stimmen höre, die mir sagen, dass ich nicht genug oder manchmal zu viel bin und eine, in der diese Stimmen nicht immer denselben Klang haben wie meine.

Und diese, diese meine, meine Utopie, sie tut mir aus der Ferne weh. Weil sie wieder nur eine Lüge ist, aber so eine verdammt schöne, so eine erstrebenswerte und eine, in der ich glücklich wäre. Ich bin jetzt nicht traurig, nein, nicht wirklich, aber dieses Glück, dieses Überglück, das hatte ich schon lange nicht mehr und obwohl ich mich so sehr nach ihr sehne, nach dieser Lüge, will ich sie nicht suchen.

Bleibe zuhause, in diesem Chaos, suche zwischen den Tellern vom Vortag und den Fast-Food-Schachteln vom Wochenende nach einem Platz, um den Mist von morgen hier zu platzieren. Mit geschlossenen Jalousien will ich die Ferne, will ich das Fernweh von mir fernhalten und kann es doch nicht.

Nachts liege ich manchmal im Bett, öffne Tinder und wische nach rechts bei Frauen, die mit ihren ein bis sechs Bildern einen Eindruck bei mir hinterlassen. Von den besonders hübschen mache ich sogar Screenshots, einfach zum Erinnern. Einer Mischung aus ihnen werde ich dann in meiner Utopie begegnen. Wenn es dann ein Match gibt zwischen der einen Unbekannten und meiner eigenen Unbekanntheit, dann springt mein Herz für eine Millisekunde, bis ich weiter nach rechts oder nach links wische, weil ich es nicht schaffe, nicht kann, weil es einfach nicht möglich ist, die richtigen Worte zu finden, weil ich nicht suchen will; denn ich will finden, verdammt.

Diese verdammte Suche, ich hasse sie, ich will nicht danach streben, ich will es haben. Ich will nicht auf dem Weg klüger werden, sondern erst am Ziel und den Rest bitte überspringen.

Wenn es doch nur so einfach wär. „Einmal Fast Forward für mich“ zu rufen, die Augen zu schließen, durch ein Flohnetzwerk zu reisen um endlich dort zu landen, wo ich sein soll, wo meine Bestimmung ist, wo diese Scheiß Utopie Realität ist.

Wir planen schon wieder kleine Reisen für dieses Jahr, ganz kleine, meine Freunde und ich und ich will überall dabei sein und dann doch nicht. Weil mein Leben so verdammt aufregend ist und unaufregend zugleich. Erzählt mir doch von eurem Leben, lasst mich teilhaben, bei mir gibt es nichts, aber danke der Nachfrage. Ich warte. Mehr mache ich nicht. „Wo ich denn hinmöchte?“ fragen sie mich und ich schweige nur, denn niemand versteht die Utopie eines anderen, auch nicht Freunde, auch nicht Familie. Nur du und ich verstehen es. Nur du und ich, nur dass du noch in der Utopie gefangen bist und ich hier sitze, mit Schmerz in meiner Brust und Fernweh in meinen Augen, weil ich so gern schon bei dir wäre.

Gestern bin ich mal wieder raus, aber erst als es Nacht war. Habe zu viel getrunken und Worten gelauscht, die ich nicht verstehen konnte, habe Verständnis gezeigt, wo es mir fehlte und habe mir Pflaster über all die Wunden geklebt, damit mich niemand darauf anspricht. Mein Kopf war im Chaos, niemals endende Gedanken, niemals enden wollendes Unbehagen, unter Menschen zu sein, die so ähnlich und doch so anders sind als ich. Ich habe zu viel getrunken, um nicht zu verdursten, um nicht mit trockenem Hals nach dir zu rufen, um alles wegzuschwemmen, was von diesem Hier noch da ist, um endlich im Dort zu landen. Ich habe zu wenig getrunken, gestern. Heute arbeite ich wieder. Arbeite, um zu vergessen, um Ziele zu erreichen, die mir nicht mehr wichtig sein werden, arbeite um zu verlieren. Um mich zu verlieren in der Idee, das alles gut wird, wenn man nur lange genug darauf hinarbeitet. Um zu verlieren, was ich bin.

Morgen kümmere ich mich dann um meinen Chaos. So wie jede Woche. So wie jeden Mittwoch. So wie jedes verdammte Mal, als ich versuchte, mein Glück selbst in die Hand zu nehmen. Morgen kümmere ich mich dann endlich darum.

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