Diese kleinen Abenteuer.

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„Weißt du“, sagt sie, während sie sich aufrichtet und ganz langsam einen Schritt nach dem anderen macht, „dass ich es vermisse?“ Behutsam hebt sie dabei langsam ihren linken Fuß vom Grund, schwingt ihn tänzelnd von sich weg, um ihn dann wieder vor sich ankommen zu lassen. „Pass auf“, sage ich, „pass bitte auf. Gib mir doch wenigstens deine Hand.“ Doch sie weigert sich und lacht. „Entspann dich.“ Doch ihr Wunsch ist mir nicht Befehl. Sie könnte ja stolpern, ausrutschen, könnte den Halt verlieren. Sie könnte fallen. Und ich sie nicht mehr erwischen.

Doch sie lacht, lacht immer noch, seit sie dieses Geländer erklommen hat, tanzt auf ihm herum, lacht und lässt sich von meinen Gedanken nicht unnötig stören. In der Leichtigkeit ihres Seins versuche ich mich loszulösen. Von den Was-könnte-Seins in meinem Kopf. Von der Fantasie vor meinem inneren Auge. Immer wieder reiche ich ihr aber meine Hand, und senke sie wieder, wenn ich mich für einen kurzen Moment wieder einmal entspannen möchte. Ich gehe neben ihr her, blicke zu ihr hoch, wir bleiben stehen, sie dreht sich um: „Schau dir nur diesen verdammt schönen Sonnenuntergang an.“ Der Himmel ist in Pastellfarben getaucht, von Orange bis Zartrosa. „Du solltest den Ausblick von hier oben genießen“, sagt sie.

„Warte, was wolltest du mir nochmal sagen? Was vermisst du?“, frage ich sie. Sie lacht, setzt sich und sieht mir ganz tief in die Augen: „Das da! Diese kleinen Abenteuer, dieses Austesten der Konsequenzen, dieses Sich-selbst-in-unnötige-Gefahr-Bringen. Das braucht man manchmal, weißt du. Das hat mir so sehr gefehlt.“ – „Aber was, wenn-…“ Sie legt mir ihren Zeigefinger auf meinen Mund und unterdrückt damit eine weitere Ausformulierung meiner Ängste. „Ja, was denn?“, fragt sie mich, „Was soll denn passieren? Ich könnte fallen und ich könnte sterben.“ – „Und ist das nicht Grund genug-„, presse ich aus meinem Mund hervor. „Es nicht zu tun?“, sie sieht mir vollkommen ernst in die Augen, „Nur weil die Möglichkeit besteht, zu sterben? Denkst du wirklich so? Dann bist du nicht für dieses Leben geschaffen. Dann vergeudest du doch eigentlich nur deine Lebenszeit. Manchmal muss man es nämlich herausfordern, dieses Leben. Um es endlich wieder spüren zu können.“ Ich nicke. „Und ja, ein kleiner Fehler könnte großes Unheil auslösen, ich weiß. Aber deshalb Dinge erst gar nicht in Angriff zu nehmen? Immer auf Nummer Sicher gehen? Ich bitte dich. Dafür bin ich nicht da, und du, mein Lieber,  genauso wenig.“

Dieser Text ist mein Beitrag zum 1. Wort von Projekt *.txt, nämlich: Gratwanderung.

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