Du verschwindest.

Ich habe Angst, weißt du?

Ich habe Angst, wegen dir, wegen meiner Erinnerungen an dich, wegen deines Nicht-mehr-da-Seins seit genau neun Jahren.

Ich habe Angst, dass irgendwann alles verloren geht. Habe Angst, dass ich zu dumm bin, mir dich zu merken, mit all deiner Einzigartigkeit. Mein Bild von dir verschwindet einfach. Deine Konturen werden weicher, dein Gesicht nur ein Gesicht unter vielen. Wenn ich dann ein Foto von dir sehe, bin ich immer wieder überrascht, weil ich dich nicht so in Erinnerung habe. Weil ich eigentlich gar kein wirkliches Bild mehr von dir in Erinnerung habe. Weil da im Laufe der vergangenen Jahre irgendetwas zu verschwinden begann.

Ich wollte dir damals Geschichten schreiben, mit dir in der Hauptrolle. Fünfzehn Tage vor deinem Tod habe ich dir in einer Geschichte den Rat gegegeben, lieber noch länger klein zu bleiben, nicht nach dem raschen Heranwachsen zu streben, sondern das Kindsein zu genießen. Ich würde mir nichts mehr wünschen, wenn ich dich beim Heranwachsen beobachten hätte können, dich begleiten, dir die Hand reichen und dich mit so manch ehrlichem Rat gehörig nerven hätte können. Seit genau neun Jahren bist die nicht mehr da. Bist nicht mehr aufgewacht und hast alles in Trümmern hinterlassen. Aber nein, du hast nichts kaputt gemacht. Es war dein Verschwinden, das Krater hervorrief, dein Verschwinden, das sich wie eine depressive Decke über mein ganzes weiteres Leben gelegt hat. Und da kann ich noch so viel strampeln, kann versuchen, dass sie in der Wäsche irgendwann gehörig eingeht, aber sie bleibt. Ist strapazierfähig, geduldig und schwer. So verdammt schwer, dass sie immer noch auf den Schultern meiner ganzen Familie liegt.

Du hast in diesem Jahr einen kleinen Bruder bekommen, ich einen weiteren Neffen. Er ist ein wunderbares Wesen, ein Schatz, genauso wie du es damals warst und doch ganz anders. Ich würde auch für ihn gerne Geschichten schreiben, aber ich habe Angst, weißt du? Weil das damals, du weißt doch, weil alles plötzlich viel zu wahr wurde. Er wurde von uns allen schon seit gewühlten Ewigkeiten mit großer Freude erwartet. Vielleicht hatten wir die Hoffnung, dass er diese Decke wegziehen könnte, aber es wäre unfair, das von ihm zu verlangen, nicht wahr? Er ist nicht du und das ist auch gut so. Er ist einzigartig, sein Lächeln ein Zauber, seine Nähe ein Geschenk. Er wird geliebt, so wie du damals geliebt wurdest, nur ganz anders.

Aber wenn ich ihn sehe, wenn ich ihn auf meinem Arm trage, erinnere ich mich manchmal an dich, erinnere mich, wie du mir mal deine kleinen Arme um meinen Hals gelegt hast, die schönste Umarmung meines Lebens, nur zwei Tage vor deinem Tod. Oder als wir beide einmal allein waren und ich eine ganze Stunde für dich getanzt und mich zum Affen gemacht habe, damit du ja nicht weinst, sondern immer etwas zu lachen hattest. Er weckt Erinnerungen an dich. Das könnte wehtun, natürlich. Aber das tut es nicht. Denn es sind die schönen Erinnerungen. Ich denke jetzt nicht mehr so oft an deinen Tod (immer noch viel zu oft, aber du weißt, was ich meine). Ich denke an unsere schöne, viel zu kurze Zeit miteinander. Und ja, du verschwindest dabei, dein Gesicht, deine Augen, dein Lächeln, alles verschwindet immer mehr.

Du wärst heute zehneinhalb Jahre alt. Manchmal versuche ich mir vorzustellen, wie du aussehen würdest, wärst du noch hier. Oder was wir tun würden, wenn du heute deinen Onkel in Wien besuchen würdest, welche coolen Attraktionen ich dir zeigen würde. Das sind dann wieder diese Momente, wo ich mir diese depressive Decke bis zur Nasenspitze hochziehe. Manchmal brauche ich das, das ist okay. Das gehört dazu, alles andere wäre ein Weg in das Vergessen. Und das darf nicht passieren.

Auf gar keinen Fall.

Und so leb ich in einer Welt ohne dich. Es ist okay hier, weißt du. Ich schlag mich so durch, stolpere, falle und versuche mehr oder weniger regelmäßig wieder auf die Beine zu kommen. Du fehlst mir fast jeden Tag, aber so soll es sein. Damit du eben nicht verschwindest, packe ich diesen Schatz, diese schönen Erinnerungen, ganz fest ein, sticke sie in die Decke, um sie nicht zu vergessen, so weh es auch tut. Irgendwie bleibst du auf ewig, obwohl du seit ewig schon fehlst.

Es wäre schön hier mit dir, aber es muss eben auch schön sein ohne dich.

 

7 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: