… und die verlorene Zeit.

DieverloreneZeitTimi

Langsam öffnet Timi seine müden kleinen Augen.

Ihm ist kalt, obwohl er bis zur Nase mit dieser riesigen Bettdecke zugedeckt ist. Und obwohl er nun mit offenen Augen umher blickt, sieht er nichts. Es ist noch viel zu früh, die Nacht hatte sich noch nicht verabschiedet. Doch als er sich, scheinbar reflexartig, die Sandkörnchen aus den Augen wischen will, die das Sandmännchen heute Abend über ihm verloren hatte, spürt er nichts. Hat er etwa noch nicht geschlafen? Er kann es sich nicht erklären, dreht sich aber einfach um, und versucht wieder zu schlafen.

Doch plötzlich schreckt er hoch. Hat er da gerade etwas gehört. Und als Timi seine kleinen Ohren zu spitzen versucht, hört er es schon wieder. Eine Stimme, als würde sie gegen einen Polster sprechen. Ein Murmeln. Nein. Es sind Hilfeschreie.

„Hilfe! Hilf mir, Timi!“

„Wer spricht da?“, fragt Timi, in die Dunkelheit blickend und sich fragend, woher dieses unbekannte Wesen seinen Namen wusste. Als er endlich den Knopf findet, mit dem er seine Lampe einschalten kann, kann er auch sehen, von wo diese Hilferufe kamen. Zwar kann er es anfangs nicht glauben. Doch sein Wecker, ja, sein Wecker spricht zu ihm.

„Ähm. Was ist denn los?“ Timi ist ratlos. „Hilf mir, Timi! Man hat uns die Zeit gestohlen.“ – „Aber das geht doch gar nicht.“, meint Timi. Was ist das auch nur für ein alberner Gedanke. Eine gestohlene Zeit. „Doch, glaube es mir. Wer sollte es besser wissen, als ich. Ich weiß immer genau, wie spät es ist.“

„Na dann sag mir doch mal die Uhrzeit, lieber Wecker“ – „Das ist es ja, Timi. Ich kann es nicht. Ich kann nichts mehr. Die Zeiger drehen sich am Tage nur mehr ganz eilig rund um meinen Mittelpunkt herum. Ich kann sie nicht aufhalten.“ Und nachdem sich Timi ein weiteres Mal mit der Hand die Augen ausknubbelt, kann auch er es sehen.

„Und was heißt das? Was passiert denn jetzt mit uns?“ „Verstehst du nicht? Die Zeit läuft. Tage werden zu Minuten, Jahre zu Stunden. Wir alle werden viel schneller älter. Und verlieren so viel von unserem Leben.“ Und während Timi noch länger darüber nachdenkt, findet auch er diese Vorstellung schrecklich. „Aber da muss man doch noch etwas machen können, oder? Lieber Wecker, so sag mir doch, wie ich das alles aufhalten kann!“

„Ich weiß es doch auch nicht. Ich hör dich nur jeden Abend mit dir selbst reden, wie toll es wäre, größer zu sein. Viel älter. Wenn du das und das machen könntest. Und dabei vergisst du, wie toll dein jetziges Leben ist. Mach dir keinen Stress. Bleib lieber noch länger klein. Lass dir von niemandem einreden, du wärst zu klein für irgendetwas. Diese Menschen sind einzig und allein nur schon viel zu groß, um überhaupt richtig leben zu können.“

Aber Timi ist schon viel zu müde. Selbst diese ganze Aufregung hält nicht länger wach. Er hört zwar noch die Worte, aber seine Augen sind schon wieder geschlossen, und das Sandmännchen kommt ein zweites Mal in dieser Nacht zu unserem kleinen Timi.

Doch als er am nächsten Tag aufwacht, kitzelt die Sonne ihn schon an der Nase. Und während er sich aufrichtet und über diesen verrückten Traum der letzten Nacht lachen will, blickt er auf den Wecker. Die Zeiger stehen still.

Dieser Beitrag wurde erstmals am 14. Oktober 2007 veröffentlicht. Fünfzehn Tage später ist er nicht mehr aufgewacht. Erschreckend, wie makaber der Text heute klingt: „Bleib lieber noch länger klein.“ Er bleibt es. Heute vor sieben Jahren wurde er geboren.

Bildquelle: AttributionNoncommercialNo Derivative Works Some rights reserved by ToniVC

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