Ich werde sterben, weil mich ein fremder Mensch vor die U-Bahn stoßen wird.

Ich werde sterben, weil mich ein fremder Mensch vor die U-Bahn stoßen wird. Ich werde sterben, ohne ihm in die Augen gesehen zu haben. Ich werde nur seine Hände spüren, wie sie am unteren Ende meiner Schulterblätter Druck auf meinen Rücken ausüben und ich zu stolpern beginne. Ich werde mich nicht bremsen können, weil ich den Überraschungsmoment genießen muss. Die Passanten werden entsetzt in meine Richtung blicken, aber es wird schon zu spät sein. Der Mensch hat auf den richtigen Moment gewartet, kurz bevor sie einfährt, kurz bevor man hinter die gelbe Linie zurücktreten muss. Eben dort werde ich gestanden sein, kurz bevor mich zuerst der Stoß und dann die U-Bahn erfassen wird. Es wird nur eine Sekunde sein, mehr nicht, ich werde nicht mal mehr die Zeit finden, nach Worten zu suchen. Ich werde vielleicht noch stumm schreien.

Heute schon blicke ich mich immer noch ein, zwei Mal um, wenn die Bildschirme die Ankunft der nächsten U-Bahn ankündigen. Damit ich zumindest irgendwie gewappnet sein kann. Oder ich lehne mit dem Rücken zur Wand, sammle Bakterien anstatt in der Gefahr zu leben, vor einer U-Bahn zu landen. Manchmal versucht man seine Ängste zu verstehen. Aber gibt es da überhaupt etwas zu verstehen?

Ist das nicht einfach nur eine Angst vor dem Irrsinn? Vor der Unberechenbarkeit? Vor der Sinnlosigkeit mancher Existenzen?

Ich werde sterben, weil mich ein fremder Mensch vor die U-Bahn stoßen wird. Und ich werde daran nichts ändern können. Weil es einfach passiert. Wenn ich am wenigsten damit rechne. Gibt es da überhaupt etwas zu verstehen?

Bildquelle: Amely / Pixabay

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