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Mitten ins Gesicht • Kluun

Stijn ist ein Arschloch und verliert seine Frau. 

Sie sind wie das perfekte Vorzeigepaar aus den 90er Jahren. Irgendwo in der Medien- und Marketingszene in Amsterdam unterwegs, erfolgreich und glücklich. Carmen und Stijn fühlen sich unbesiegbar, lieben sich, gründen eine Familie, setzen Luna in diese Welt. Alles scheint perfekt – doch Stijn betrügt Carmen. Ständig und überall. Selbst als sie die Diagnose Brustkrebs vorgesetzt bekommt, selbst als sie die Chemotherapie beginnt, selbst als sie all ihre Haare verliert. Und obwohl man Stijn die ganze Zeit für einen unglaublichen Vollidioten halten will, spürt man zwischen den Zeilen doch die Verzweiflung, die Angst und die Aussichtslosigkeit. Man ist hin und hergerissen, von den Erfahrungen, die diese junge Familie machen muss, verspürt mehr und mehr Hass gegen Stijn und als sie sich beschließen selbst den Zeitpunkt des Todes festzulegen, landet die Geschichte wirklich da, wo man es nicht erwartet: Mitten ins Gesicht.

Kluun

Kluun
geboren 1964 in Tilburg (Niederlande)

Weitere Werke:

  • Ohne dich (2007)

Kluun erzählt hier keine fiktionale Geschichte. Kluuns Frau selbst ist an Krebs verstorben – und somit wurde „Mitten ins Gesicht“ eine zum Teil autobiografische Geschichte. Ob Kluun ein ähnliches Arschloch wie Stijn war, weiß ich nicht. Aber er schafft es, Stijn, der so Unausstehliches macht, trotzdem in seiner Person irgendwie zu akzeptieren. Schließt ihn ins Herz, so wie Carmen, Luna, wie Frenk, Maud, Anne, Thomas, Roos und so viele andere. Eine Reise durch das Amsterdam von heute, ein Schicksal wie für unsere Zeit. Keine Goethe’sche Sprache, keine schrecklichen Floskeln. Einfach, wie das Leben ist. Manchmal vulgär, manchmal einfach nur heftig. Mit dem Wissen, dass all dies so oder so ähnlich geschehen ist, wirken die Worte noch viel stärker, als man vielleicht möchte.

Kluun nimmt uns mit auf eine Reise, wo wir gerne das Ticket vergessen hätten, wo wir gerne auf einer Autobahnraststätte vergessen worden wären. Es ist eine Achterbahnfahrt, zwischen Mitgefühl, Angst, Empathie und Hoffnung. Trotz allem Hoffnung. Man liest weiter, möchte das Ende gar nicht erreichen, und man weiß doch, wie alles enden wird. Und dann kommt man zum Ende und man spürt nichts mehr. Die Heftigkeit dieser letzten Abschnitte des Buches machen einen sprach-, machen einen atemlos.

Gott, lasse es einen Himmel geben, wo wir einander wieder sehen werden.
Bitte.
Bitte.
Bitte, Gott.

„Mitten ins Gesicht“ habe ich 2008 gelesen – es war und ist bis heute das einzige Buch, das mich zu Tränen gerührt hat. Aber nicht nur das: Es hat mich fertig gemacht. Ich war am Ende, als ich die letzten Seiten gelesen habe, habe aus tiefstem Herzen heraus geheult. Und das trotz oder vielleicht sogar wegen Stijn. Weil es, obwohl des ungesunden Sex-Lebenstils, doch eine sehr nachvollziehbare Familie ist. Weil das Kluuns Schicksal war und es das Schicksal von Tausenden anderen Familien sein kann und leider auch ist. Weil die Geschichte nicht fern der Realität stattfindet, sondern in einer Großstadt, wie es sie überall gibt. Dieses i-Pünktchen, dass dieses Buch auch mit sich bringt, ist, dass man sich Gedanken über die aktive Sterbehilfe macht. Darüber, ob und warum man die Macht über die Krankheit nicht verlieren will. Ein großartiges Buch. (Und eines kann ich euch auch sagen: Das Nachfolgebuch „Ohne dich“ ist zwar nicht schlecht, aber kann nicht in diesem Ausmaß überzeugen wie „Mitten ins Gesicht“).

MitteninsGesicht

Kluun

Mitten ins Gesicht

Fischer Taschenbuch

Preis: 9,20 Euro (ebook: 8,49 Euro) (Info zu Partnerlinks)
368 Seiten
ISBN: 978-3-596-16911-5

Veröffentlicht in Literaturheld

2 Kommentare

  1. […] hat mich gefesselt und ich war beinahe davor, eine Träne zu produzieren. Und das hat bisher nur ein einziges Buch geschafft, aber das heißt natürlich schon was. Was mich an dem Buch am meisten stört? Dass ich […]

  2. […] Kritik – “Mitten ins Gesicht” musste auf dieses Liste, weil es das erste und bisher einzige Buch war, wo ich während der letzten 100 Seiten und vor allem danach richtig bitterlich weinte (und es so nicht mehr wagte, die letzten Seiten in der Öffentlichkeit zu lesen). Das hat mir gezeigt, welche extreme Emotionen Literatur erzeugen kann. […]

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