Vermissen ist eine Tätigkeit.

Vermissen ist eine Tätigkeit
und ich bin doch längst aufgebraucht.

Deine Hand kreist um meine Gedanken. Du willst sie fassen und ich dich. Doch wir verfehlen uns beide, finden nur unsere Fehler, die wir sorgsam in unsere kleinen Listen eintragen. Meine Liste für dich mit einem Plus und deine für mich mit einem Minus. Wir notieren all unsere Nachteile, um im ewigen Streit einen Vorteil daraus zu gewinnen. Du bist in Führung. Ich habe auf halber Strecke schon aufgegeben, aber die Stoppuhr läuft weiter. Niemand von uns wird am Ende das Ziel erreichen. Weil wir den Weg nicht kennen und in Wahrheit auch gar nicht danach suchen.

Dein Buch liegt auf meine Nachtkästchen und erinnert mich daran, wie du mir daraus vorgelesen hast. Ungefragt hast du dich eines Morgens einfach aufgesetzt, mit dem Buch in der Hand und hast begonnen, der Druckschwärze etwas Leben einzuhauchen. Deine Stimme schob sich wie eine Decke über meinen nackten Körper, den Hals hinauf, bis sie sich sanft daran machte, Höhlenmalereien auf meinem Trommelfell zu hinterlassen. Deine Postkarte liegt immer noch zwischen den Seiten. Es ist alles vorbereitet. Vorbereitet, für das nächste Mal, wenn du mir daraus vorlesen willst.

Ich glaube, dein Butter ist abgelaufen. Immer wenn ich den Kühlschrank öffne, fällt er mir entgegen. Ich fange ihn auf und stelle mir vor, dass er du ist. Dass ich dich auffange, während du nur fallen wolltest. Und dann lege ich ihn zurück, stelle ihn genau so hin, damit er auch beim nächsten Mal wieder zu kippen droht. Ich werde da sein, die ganze Zeit. Werde auf ihn warten und ihn niemals aufkommen lassen. Du solltest frischen Butter mitnehmen, wenn du das nächste Mal kommst.

Es war noch eine Unterhose von dir in der Wäsche. Ich habe sie aufgehängt, habe sie zusammengelegt und in deiner leeren Lade verloren. Da kannst du noch so gut aufpassen, irgendetwas bleibt doch immer. Auch wenn es nur ein dünner Stoff ist, für deine Scham und für meine Gedanken. Wie ich mit meinen Händen ganz sanft deinen Rücken hinunterstreiche und dich die meiste Zeit nur nichtberühre; als wären es deine feinen Härchen, die sich mit meinen Fingerabdrücken spielen. Und ich dann mit einer Hand unter deine Unterhose hineinhusche um deinen Po zu greifen und dir auch das letzte Stückchen Stoff von deinem Körper zu ziehen. Wenn du dich an einem deiner nächsten Morgen anziehen willst, schau in deine Lade nach; dort hab ich dich verloren.

Vermissen ist eine Unendlichkeit
und ich steh wohl immer noch am Anfang.


Bildquelle: DeathtotheStockPhoto / Lizenz (in Plain English)

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