Halt.

Wenn man die kleine Buchhandlung von außen sieht, kann man sich kaum vorstellen, dass darin irgendwann einmal drei Menschen gleichzeitig Platz finden können. Deshalb fällt sie mir sofort ins Auge, als die kleine Glocke über der Tür ihr Eintreten ankündigt.

Sie grüßt den Verkäufer und auch mich, weil wir ja nur zu dritt sind und sie wahrscheinlich nicht unhöflich sein möchte. Ich nicke ihr zu, blättere aber weiter in dem Buch, das ich schon die ganze Zeit in der Hand halte. Ich will es nicht kaufen, will es schon gar nicht lesen, will es gerade einfach nur halten, will, dass es mir Halt gibt. Langsam lasse ich meine Augen über die einzelnen Zeilen wandern, während ich den Verkaufsvorgang zwischen der jungen Frau und dem Verkäufer verfolge. „17,99 Euro“, sagt er und seine Kasse klingelt, als wäre sie noch aus dem vergangenen Jahrhundert. Sie beginnt in ihrer großen Geldbörse nach dem nötigen Kleingeld zu suchen. Die beiden verabschieden sich und sie sich schließlich auch noch von mir, was mich erneut hochblicken, wieder nicken und ein kleines bisschen lächeln lässt, auch wenn das nicht meine Absicht ist.

Ich sehe ihr nach. Viel zu lange wahrscheinlich. So wie sie in mein Leben getreten ist, so rasch ist sie auch schon wieder verschwunden. Das Buch in meinen Händen gibt mir nun nicht mehr diesen Halt, den ich von ihm erwartet habe. „Suchen Sie etwas Bestimmtes“, fragt mich der Verkäufer und ich lege das Buch verlegen beiseite, schüttle den Kopf und komme doch seiner Verkaufstheke entgegen. „Nein. Nur … das hier“, sage ich und lege ein metallenes, magnetisches Lesezeichen auf die Theke, gemeinsam mit der Gewissheit, dass ich es aufgrund der fehlenden Sinnhaftigkeit niemals verwenden werde. „Kennen Sie sie?“, frage ich und wundere mich selbst über diese Offensivität, die ich nur an den Tag legen kann, weil ich nicht sie selbst anspreche und ich in Wahrheit die Antwort schon weiß. Er schüttelt den Kopf. „3,99 Euro.“

Ich verabschiede mich vom Verkäufer und verlasse die Buchhandlung, mache somit Platz für eine oder in Ausnahmefällen sogar zwei Personen, die sich dort treffen können, nur um ebenfalls Grußworte auszutauschen. Die kleine Seitenstraße überfordert mich mit ihrer Eintönigkeit und dem unbändigen Verkehr. Beinahe möchte ich wieder zurückstolpern, zu diesem Buch mit den vielen Seiten, das mir so lange Zeit nun Halt gegeben hat, aber ich möchte doch lieber wieder leben. Meine Schritte folgen meinen Gedanken und nach wenigen Minuten sehe ich sie wieder. Wie sie da in diesem Kaffeehaus sitzt, im Gastgarten, mit ihrem Latte Macchiato und auf ihrem Handy herumspielt.

„Das ist sicher ein tolles Buch, dass Sie sich gerade gekauft haben“, würde ich sagen und „Kommen Sie auch aus der Stadt?“ Oder vielleicht sollte ich mich erst einmal selbst vorstellen und sie dann sogleich nach ihrem Namen fragen. Vielleicht sollte ich mich auch am Riemen reißen und mit überbordender Coolness (oder ist es Zuversicht?) einfach den zweiten Stuhl an ihrem Tisch in Angriff nehmen. „Sie haben mich verzaubert“, liegt mir auf der Zunge, doch ich bleibe stumm, weil sie mich nur gegrüßt hat, einmal beim Hereinkommen und einmal beim Hinausgehen. „Ich musste lächeln, wissen Sie?“

Ich setze mich an einen anderen Tisch im Café, wo ich sie zwar noch sehen kann, ich jedoch nicht direkt für sie sichtbar bin. Ich will sie nicht verstören mit meiner Verstörtheit, will ihr nicht gleich zeigen, was mit mir nicht stimmt. Ich würde sie gerne küssen, würde sie umarmen, mit ihr tanzen. Ich würde ihr gerne „Ich liebe dich“ ins Ohr flüstern. Ihr dabei ganz langsam über ihre Arme streicheln, bis sich ihre feinen Härchen aufgrund der aufkeimenden Gänsehaut aufstellen. Ich wäre so zärtlich zu ihr, so aufmerksam und zuvorkommend, wie man es sich nur wünschen kann. „Eine Melange, bitte“, sage ich dem Kellner, sehe kurz zu ihr rüber und korrigiere mich sogleich: „Nein, doch lieber einen Latte Macchiato.“ Auch wenn wir uns jetzt nicht gleich kennenlernen, so kann ich ihr zumindest irgendwann einmal sagen: „Weißt du, damals, als du in der Buchhandlung warst und nachher in diesem Café, da war ich auch. Wir haben sogar dasselbe getrunken. Du hast ein Sackerl Zucker auf den Milchschaum gegeben und ihn langsam hinuntersinken lassen. Ich habe es dir gleichgetan.“ Und dann wird sie lachen, weil ich so verrückt bin und so verliebt und mich in den Arm nehmen und bei ihren Freunden prahlen, dass ihr Freund all das noch weiß. Aber es ist doch nichts dabei, meine Liebe. Wie könnte ich es denn jemals vergessen?

Sie kramt in ihrer Handtasche und holt zuerst ein Päckchen Zigaretten heraus, kramt weiter und wird nicht fündig. Ich möchte mich zu ihr hinstürzen, möchte ihr Feuer geben. Mit einem Feuerzeug oder vielleicht noch stilvoller mit einem Zündholz, das ich mit meiner Hand vor dem Erlöschen bewahre. Das könnte die erste Möglichkeit einer Berührung zwischen uns beiden sein. Meine Fingerspitzen ganz zart an ihren Wangen. Sie würde es bemerken und nicht zurückzucken, um des Feuers wegen und weil von mir doch keine Gefahr ausgeht. Doch ich bleibe sitzen. Als der Kellner das nächste Mal bei ihr vorbeigeht, stellt sie ihm eine Frage und bekommt das Feuer von ihm. So beschenkt sie ihn schließlich mit einer ersten Berührung. Dieser Glückspilz.

Ich mag ihr Lächeln. Es liegt so viel Freiheit darin, soviel Zuversicht und vielleicht auch ein bisschen Naivität. Ich könnte ihr stundenlang dabei zusehen, wie sie lächelt, würde sie nur zu gerne selbst zum Lachen bringen. Ich würde sie in den Schlaf streicheln, würde ihr leise Lieder vorsingen und ihr sagen, wie schön sie ist. Sie blickt von ihrem Handy auf, etwas Asche fällt auf den Boden, nicht weiter schlimm und ich versuche rasch ein neues Ziel ins Auge zu fassen. Hauptsache beschäftigt wirken und keine Aufmerksamkeit erregen. Ich wette, sie hat einen schönen Namen. Einen Namen, in dem irgendwo ein L versteckt ist. Wahrscheinlich hat sogar schon jemand ein Lied über sie geschrieben und wenn nicht, dann müsste ich es tun, auch wenn ich es nicht kann. Ich würde es versuchen und versuchen, tagein, tagaus und wahrscheinlich am Versuch scheitern; aber trotzdem habe ich es versucht und ich weiß, sie würde es sehen und mich dafür lieben.

Mein Kaffee ist noch fast unberührt, der Zucker auf der Milchschaumkrone ist bereits eingesunken. Ich nehme einen Schluck und als ich wieder aufblicke ist da ein Mann. Er setzt sich zu ihr an den Tisch, sie lächelt, lächelt viel mehr, als sie es vorher schon getan hat. Er tätschelt ihr Knie, sie streicht sich eine Strähne hinters Ohr und ich nehme noch einen Schluck meines Kaffees. Wann hat sie diesen anderen Mann kennengelernt? Warum hat sie es vor mir verheimlicht? Hat nie auch nur irgendwie versucht, es mir zu sagen? Nun sitze ich hier, am Boden zerstört und muss dabei zusehen, wie sie ihren Kopf beim Lachen zurückwirft, er ihr bei der nächsten Zigarette das Feuer gibt und sie ihm das Buch schenkt, das sie eine halbe Stunde davor erst gekauft hat.

Voller Wut stehe ich auf und werfe dabei fast meinen Tisch um. Ich gehe zu ihr, sie sieht mich an und ich sage ihr wie sehr sie mich verletzt hat. „Ich dachte, wir wären etwas Besonderes“, schreie ich sie an. Meine Stimme ist flehend. „Wer ist er denn? Warum er, wo du doch mich hast. Mich, der bereit ist, alles für dich zu tun. Was ist nur los mit dir?“ Den Tränen nah blickt sie mich an und sieht langsam ihren Fehler ein, aber in Wahrheit ist es schon längst zu spät. Ich hasse und liebe sie zugleich, will sie in den Arm nehmen und von mir wegstoßen. Alle Besucher des Cafés haben uns im Blick und am liebsten würde ich sie verletzen, so wie sie mich verletzt hat.

Ich wische mir Tränen von meinen Wangen. An meinem Hals spüre ich den rasenden Puls. Immer noch sitze ich an meinem Tisch, vor mir der Latte Macchiato und etwas entfernt sie, mit diesem Mann, dem Buch und der Zigarette. Meine Blicke haften an den beiden, als ich dem Kellner mit zittriger Stimme sage: „Zahlen, bitte“.  „Gerne, der Herr“, antwortet er, holt sich den Bon von der Kasse und sagt: „3,20 Euro“. „4“ antworte ich, reiche ihm einen Fünfer und gehe einfach. Lasse sie zurück. Sie, die mich so unendlich enttäuscht hat und ihn, der doch hätte sehen müssen, dass sie ihr Herz längst an mich verloren hat und weg von dem Kellner, der mir die erste Berührung gestohlen hat, weil ich wieder einmal nicht mutig genug war.

Heute ist nicht mein Tag, denke ich mir so wie jeden Tag. Heute ist nicht mein Tag und wird es nie werden und als ich die Buchhandlung erneut betrete, gehe ich sofort wieder zu dem einen Buch, dessen Inhalt mir vollkommen unbekannt ist, schlage es auf jener Seite auf, in der ich das Lesebändchen zurückgelassen habe und hoffe wieder einmal, dass es mir Halt gibt, so wie bisher, so wie vorhin noch, nur vielleicht jetzt noch ein bisschen mehr. Weil es die Welt nicht gut mit mir meint und weil die Liebe meines Lebens anderen Menschen Bücher schenkt. „Entschuldigung, suchen Sie wirklich nichts Bestimmtes?“, fragt mich der Verkäufer wieder und ich schüttle den Kopf. „Das was ich suche, das haben Sie leider nicht.“

Meine Einreichung für den Wiener Werkstattpreis 2016.

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