Ich folge ihr.

Hektisch zittern meine Augen, ich kann mich kaum noch ruhig halten, mein Herz klopft, es pocht sogar schon in Kopfhöhe. Meine Atmung wird ganz ruhig, sie soll mich nicht verraten, dass ich hier gerade dabei bin. Langsam geht sie die Treppe hoch, zu dieser Tür, klopft an. Es ist verrückt, das zu tun, es ist verrückt, um diese Uhrzeit an diese Tür zu klopfen. Sie macht es trotzdem. „Sei vorsichtig.“, flüstere ich. Die Türe knarzt, als sie der alte Mann öffnet, und sie bittet, einzutreten. Als sie wieder ins Schloss fällt, sehe ich kurz auf, bin mir nicht sicher, ob ich hier noch alleine bin, greife ins Gras, suche Halt.

Ich folge ihr, hinein in dieses düstere Haus, lausche ihren Worten. „Der Herr erwartet sie bereits.“, sagt der Pförtner und sie entgegnet ihm nonchalant mit einem „Das weiß ich doch.“ Er führt sie die große Treppe hinauf, doch sie scheint den Weg zu kennen. Die große Pendeluhr am Ende der Stiege zeigt an, dass sie erst kurz vor Mitternacht hier eingetreten war. Ich steige in der Dunkelheit ebenfalls empor, höre den Pförtner noch sagen „Monsieur, entschuldigen Sie, Ihr Besuch ist da.“, als sie schon an ihm vorbeihuscht und sich auf einen der Stühle setzt, noch bevor der Pförtner oder der alte Mann in diesem alten Ledersessel reagieren konnte. „Sie können gehen. Vielen Dank.“, murmelt der Mann und der Pförtner verschwindet, sich verneigend, aus dem Zimmer.

Sie kramt in ihrem Rucksack, ignoriert ihr respekteinflößendes Gegenüber, ein alter Mann von stattlicher Figur und offenbar großem Reichtum, zieht etwas hervor und legt es auf den Tisch mit der Marmorplatte: „Das ist es. Sehen Sie es sich an, das ist es, was Sie von mir wollten, nicht wahr?“ Und er griff es sich, begutachtete und mir rutscht ein „Was?“ heraus. Was soll das? Hatte ich sie vollkommen falsch eingeschätzt? Hat sie sich mit den Falschen eingelassen, arbeitete sie die ganze Zeit im Auftrag dieses dubiosen Mannes? Was ist seine Geschichte, woher kam er? Woher kannten sich die beiden. Ich war überrascht, überfordert. Hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit. „Jetzt erwarte ich mir aber auch die versprochene Gegenleistung.“, sagt sie und sieht ihn verschmitzt und doch erwartungsvoll an. Er erhebt sich, etwas träge, geht zu seinem wahrscheinlich ein paar Tonnen schweren Schreibtisch und holt aus einer Schublade eine sehr wertvoll aussehende Schatulle hervor. „Endlich.“, murmelt sie. „Hier bitte, Sie haben sie sich verdient.“ Und mit fast zittriger Hand, ihre Coolness ging irgendwo verloren, nimmt sie ihre Belohnung entgegen, legt es auf ihre Knie und ganz langsam öffnet sie es.

Mein Herz pocht viel zu schnell, ich bin neugierig, blicke über ihre Schultern, als ich von Weitem bekannte Stimmen höre, an mich gerichtet. Ich blicke auf, winke ihnen zu, schlage das Buch zu und sitze zwar immer noch erwartungsvoll im Arbeitszimmer des alten Mannes, aber irgendwie bin ich auch wieder hier. Herausgeschlüpft aus dem Sog dieser Geschichte, nicht mehr Seite an Seite mit der Hauptprotagonistin. Sondern wieder hier im richtigen Leben.

Bildquelle: kshelton / Pixabay

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