Nicht loslassen.

Der Mief des Vergessenen liegt in der Luft. Immer wenn ich den Schlüssel im Schloss umdrehe, die Türklinke runter drücke und die sich öffnende Tür mir den Weg ebnet, ist es der erste Gedanke, der mir in den Kopf kommt. Das haben Dachböden wohl so an sich, aber dieser Dachboden ganz besonders. Das Haus meiner Eltern ist alt. So richtig alt. Wäre es irgendein besonderes Gebäude, hätte man in einem der vergangenen Jahre wohl die 150-Jahr-Feier zelebriert. Weil das Haus hier aber nichts Besonderes ist, bekommt es lediglich hin und wieder ein paar neue Risse, die sich vom Dachstuhl bis zum Fundament durchziehen. Über die Jahre ist es leerer geworden, wir Kinder sind ausgezogen und jetzt gibt es da nur mehr meine Eltern, beide kurz vor der Pension und diese unzähligen leeren Zimmer. Manchmal mache ich mir Sorgen um meine Eltern, manchmal aber auch um das Haus.

Der Dachboden ist der unbeliebteste Platz des ganzen Hauses, zumindest seit wir vor ungefähr fünfzehn Jahren den Keller zugeschüttet haben. Hierher kommt man nur, wenn man etwas loswerden will; oder aber auch, wenn man verzweifelt versucht, etwas wiederzufinden. Doch an diesem Punkt wird es heikel: Denn in Wahrheit stehen die Chancen nur bei 50 Prozent, dass ein am Dachboden abgelegtes Ding auch immer noch dort auffindbar ist. Einmal im Jahr rückt meine Mutter an, will Ordnung schaffen und wirft unliebsame Dinge aus dem Dachbodenfenster im zweiten Stock. Auf dem kleinen Rasenfleck unten zerbersten sie, verdrehen sich fast bis zur Unkenntlichkeit und werden von dort schließlich weggebracht. So wie damals die Katze, die plötzlich nicht mehr „bei uns leben wollte“. Mal eben einfach so weggebracht. Am liebsten geht meine Mutter dieser Arbeit nach, wenn sie vollkommen allein ist. Niemand kann sich dann an geliebte, aber verstoßene Dinge ketten. Sie hat die Macht, zu richten über die zu Verstaubenden und die Toten. Jedes Mal, wenn ich bisher etwas suchte, hoffte ich inständig, dass es meiner Mutter noch nicht aufgefallen war. Oder dass sie erkannte, dass es würdig war, aufbehalten zu werden.

Ich gehe zum Fenster, zerre am gedrehten Griff und öffne schließlich die Luke zur Welt. Hier kommt nicht häufig Frischluft rein. Der gesamte Staub gerät sichtlich in Bewegung und die einzelnen Sonnenstrahlen machen diesen seltsamen Platz ein kleines bisschen freundlicher. Wenn Häuser reden könnten, würde sie wahrscheinlich langweilige Geschichten erzählen. Aber Dachböden? Die würden solche Geschichten liefern, wo sich der Enkel ganz fest an den Großvater kuschelt und unbedingt noch eine weitere Erzählung hören möchte, bevor er ins Bett gehen muss. Ich blicke mich um. In der hinteren Ecke steht sie immer noch, die Vase, für die sie meine Mutter hält, die aber in Wahrheit eine vergessene Bong meines Bruders ist. Und dort oben bin ich früher raufgeklettert, als ich immer mal wieder Hundert Schilling aus den Geldbörsen meiner Eltern geklaut hab um mir Computerspielzeitschriften zu kaufen. Ja, ich war, jetzt im Nachhinein gesehen, ein wirklich langweiliges Kind. Kein Alkohol, keine Kondome, sondern Hefte über Computerspiele kaufte ich mir damals von meinem gestohlenen Geld. Aber auch mein erstes und bisher einziges Pornoheft hatte ich dort oben versteckt. Diese Einblicke in die weibliche Welt wollte ich ungestört genießen und das war nur an diesem Platz möglich. Ich sehe zwar jetzt nicht hinauf, aber wahrscheinlich liegen noch immer ein paar angewichste, aber schon vor Jahren eingetrocknete Taschentücher rum. Wobei das, zugegebenermaßen, wohl keine gute Geschichte wäre, die ein Großvater seinem Enkel erzählen sollte.

Ich gehe zu der großen Holzkiste. Bis heute weiß ich nicht, wer sie hier hochgebracht und wie sie damals eigentlich durch die Tür gepasst hat, aber in ihr liegen wahre Schätze. Die fast vergilbten Seiten der Kronen Zeitung, die vom Untergang des Unsinkbaren berichten oder vom Tod des Thronfolgers mitsamt Frau. Oder eine Hochzeitsausgabe von „Mein Kampf“. Hier hat sie ihren Platz gefunden, schimmelt genüsslich vor sich hin und die Bakterien fressen jeden einzelnen dummen Gedanken in sich auf. Direkt darauf liegen sie, die Liebesbriefe meiner Großtante. Ihre Geschichte hat mich immer schon berührt.

Sie war verliebt und es war Weltkrieg. Ihre Liebe musste einrücken, während sie am Land, auf einem Bauernhof zurückblieb, immer in der Hoffnung, er würde wiederkommen. Er würde diesen Scheißkrieg überleben, damit sie gemeinsam das Leben genießen können, wie sie es sich in ihren Briefen erträumt haben. Dutzende Briefe von ihm, die er schon vor Beginn des Krieges zu schreiben begonnen hat, dann die kleinen Postkarten direkt vom Schlachtfeld. Zärtliche Worte, die von Liebe und Tod berichten. Und irgendwann die Nachricht, dass er gefallen war, verfasst von seiner Mutter, überbracht an meine Großtante. Das ist der Punkt, wo zwar logischerweise keine Briefe mehr ankamen, aber stattdessen ihre Briefe erhalten sind. Jede einzelne Zeile eine Zeile des Verlangens, des Vermissens und des Schmerzes. Jedes Wort ihrer Trauer hebt dabei die Besonderheit ihrer Verbindung hervor. Ihr Herz war gebrochen, ihre Liebe tot. Sie hat geschrieben, obwohl oder vielleicht gerade weil der Empfänger tot war. Vierzig Jahre würde es dauern, bis sie schließlich heiraten würde. Aber es kann nie diese Form von Liebe gewesen sein, da bin ich mir sicher.

Eine große Kiste voll längst vergangener Erinnerungen. Schon als Kind habe ich es genossen, einfach mal reinzugreifen und etwas Neues herauszuholen. Eine leichte Brise hat sich die Mühe gemacht, durch das offene Fenster hereinzukommen und einen kleinen Staubnebel zu verursachen. Ich huste, und werde mit einem Mal unglaublich melancholisch. Was sind das nur für Dinge, die man an einen solchen Ort verstaut? Zu schade und zu kostbar, um sich davon zu trennen, aber warum hier? Warum findet man keinen Platz dafür an Orten, an denen man lebt? Warum schaffen wir immer diese Distanz zu unseren Erinnerungen, anstatt der Gefahr ins Auge zu blicken, in ihnen zu schwelgen? Sich fallen zu lassen, in der Vergangenheit, so schmerzhaft oder wunderschön sie auch gewesen sein mag?

Wenn ich früher allein war, habe ich immer mal wieder Schritte gehört. Ich war im Wohnzimmer auf der Couch und die Schritte direkt über mir, eindeutig vom Dachboden kommend. „Alles nur Einbildung“, sagte ich mir damals vor, einfach, weil dort niemand sein konnte; wer sollte auch, es war doch nur eine Person in diesem Haus, ich allein war es und wer sonst sollte sich den Weg an mir vorbei die Treppen hoch zum Dachboden machen, nur um durch das oberste Geschoss zu wandern. Als ich ein paar Jahre älter war, waren sie immer noch da, diese Schritte. Irgendwann fasste ich schließlich den Mut und ging die Treppe hoch, öffnete die Tür, die Hose längst voll vor lauter Schiss, nur um in das dunkle Nichts zu blicken. Hier war niemand, hier ist niemand und hier wird auch nie jemand sein. Einzig Erinnerungen liegen hier, und manchmal, so war es meine Theorie damals, beginnen sie zu wandern, suchen Verknüpfungen, suchen Anknüpfungspunkte, um ihre Existenz zu bewahren.

In meinem alten Schrank aus meinem ersten Kinderzimmer finde ich neben ein paar alten Micky-Maus-Heften, die jeglichen rebellischen Fenstersturz durch meine Mutter überlebt haben, auch das Ziel meiner Suche. Bilder, Zettel, Briefe und Tagebücher meines früheren Ichs. Ich könnte sie natürlich mitnehmen, könnte sie in meiner Wohnung fernab des Elternhauses aufhängen und meinen One-Night-Bekanntschaften vorlesen, wie das damals war, als ich das erste Mal verliebt war, aber schließlich alles anders kam, als ich es mir ausgemalt hatte. Oder was es Weihnachten 1994 zu essen gab, denn das war mit gerade einmal sechs Jahren der Hauptinhalt meines ersten Tagebucheintrages. Es ist also schon gut, dass sie hier liegen, aber anstatt sie mit ins Wohnzimmer zu nehmen, setze ich mich einfach auf den dreckigen Boden und ziehe einen Zettel nach dem anderen heraus. Da ist er, der Papagei, den ich als kleines Kind achtzig Mal auf einem 80-Seiten-Block gezeichnet habe. Und da ist auch das Geständnis, warum ich meinen Vater hasse. Ich habe es damals sogar in mein Bett reingeritzt, damit er es irgendwann bemerkt und sich darüber so richtig schön ärgert. Er hat es schließlich entdeckt und war nicht ärgerlich sondern traurig. Ich natürlich auch. Dieser verflucht frühpubertäre Hass, der plötzlich da ist, aber auch genauso schnell wieder verfliegt. Während man Zettel in Kästen legen und vergessen kann, bleiben eingeritzte Worte in Holzbetten viel zu lange. Heute würde ich nicht mehr „Ich hasse Papa“ irgendwo reinritzen, vielmehr würde da jetzt „Ich verstehe Papa nicht“ stehen. Und daneben wahrscheinlich auch noch „Ich verstehe Mama nicht.“ Müssen Kinder eigentlich ihre Eltern verstehen?

Meine Eltern waren für mich nie das Traumpaar Nummer Eins. Dafür gibt es zahlreiche Einträge in meinen Aufzeichnungen, zum Beispiel am Stefanitag 1998. Ein Streit, so sinnlos und laut. Ich will nicht sagen, man gewöhnt sich daran; man sollte das nie tun, aber ich hab es eben trotzdem gemacht. Mich daran gewöhnt, dass sich meine Eltern immer wieder streiten, es aber nie wirklich in Betracht gezogen haben, dass sie sich scheiden lassen. Sie haben so ein verqueres Verhältnis zueinander, dass ich nie im Leben mit einem Menschen an meiner Seite haben möchte, aber sie lieben sich offenbar doch irgendwie. Ich glaube, ich muss sie gar nicht verstehen. Ich glaube, ich kann es auch einfach nicht.

Ich sitze vor meinen gesammelten Werken. Was wäre es denn, was von mir bleiben würde? Oder ist es vielleicht bereits all das hier? Wenn ich jetzt weg wäre, verschwunden, tot oder was auch immer … was bleiben würde, wären diese Tagebücher und Briefe, diese Hassbotschaften und Liebesbeweise und natürlich meine Papageien. Nicht einmal Bongs stehen von mir rum. Die Aufbewahrung meines Lebens endete vor ungefähr fünfzehn Jahren, als ich dreizehn war. Alles danach war offenbar nicht mehr relevant. Oder wurde bereits von meiner Mutter aus dem Dachboden verbannt. Nicht würdig, um es zu aufzubewahren. Wie lange würde es dauern, bis auch das irgendwann aus dem Dachboden verschwinden würde? Wahrscheinlich nicht mehr zu Lebzeiten meiner Mutter, vielleicht erst, wenn in fünfzig Jahren fremde Menschen in dieses Haus einziehen werden und sie wieder den Fehler machen, die alten Mauern nicht einfach niederzureißen, um sich ein neues, wohliges Eigenheim zu bauen, sondern erneut versuchen, aus dem dann schon über zweihundert Jahre alten Haus etwas möglichst Modernes herauszuholen. Es ist unmöglich. Aber das wird der Punkt sein, wo alles, was hier zurückbleibt, alles, was nicht von meinem Bruder oder mir mitgenommen wurde, in unsere eigenen Wohnungen oder Häuser, die wir bis dahin vielleicht schon haben, dass all das hier der nicht enden wollenden Entrümpelung durch fremde Hände zum Opfer fällt.

Auch Erinnerungen haben nur eine gewisse Lebensdauer. Manche erschafft man sich bereits in der Kindheit, behält sie bis zum Tod, hat sie vielleicht schon seinen Kindern erzählt, die sie noch etwas weiter mit sich herumtragen, aber irgendwann sind sie schließlich verschwunden. Vor einigen Jahren mal, im Sommer, habe ich im Garten unsere damaligen Kinderbetten in kleine Stücke gesägt, gerade groß genug, damit sie in unseren Kachelofen passen. Das Hass-Stück habe ich damals selbst in Brand gesetzt und war glücklich darüber. Mein Vater weiß wahrscheinlich bis heute nicht, dass mein auf ewig festgehaltener Hass nun schon vor Jahren in den uns wärmenden Flammen verschwunden ist.

Immer noch blättere ich in einem meiner Tagebücher, auf der Suche nach der Wahrheit, auf der Suche nach dem Beleg. Ich muss zwölf gewesen sein, also irgendwann zwischen 1999 und 2001, irgendwo müssen noch meine seltenen Worte sein, die mein Innerstes mit Kugelschreibertinte verewigen. Regelmäßig, wenn ich ein Buch nach dem anderen durchblättere oder gar schüttle, finde ich dabei auch Briefe. Ich war mutig genug sie zu schreiben war, aber stets viel zu feig, um sie den damals angehimmelten Personen zu übergeben. Beinahe habe ich Tränen in den Augen, wenn ich meine eigenen Zeilen lese, obwohl noch so viel Kindliches aus mir spricht. Ich war damals vielleicht gerade mal zehn Jahre alt. Es ist also nichts Neues, denke ich mir. Ich habe immer schon voll und ganz geliebt. Aus tiefstem Herzen heraus. Indem ich den Kopf einfach ausschalte und das dumme Ding in der Brust zum Oberbefehlsführer erkläre. Wie oft habe das eigentlich nur ich gewusst? Wie oft war es mir schon genug, selber zu wissen, dass ich zu lieben bereit war? Wie oft verzichtete ich darauf, der von mir Verehrten von meiner Liebe zu erzählen, nur um meiner Verliebtheit kein zwangsläufiges Ende zu geben. Dieses intensive Lieben, das habe ich vielleicht von meiner Großtante geerbt, nur dass ich nicht vierzig Jahre bis zur nächsten Liebe wartete. Aber nein. Vielleicht war die Liebe meiner Großtante auch etwas, das ich bis heute nicht verstehe. Etwas so Großes, so Ultimatives, und durch den Verlust so unvorstellbar Schmerzhaftes. Wahrscheinlich darf ich das gar nicht. All meine Lieben mit ihrer einen großen vergleichen.

Aber was macht diese Lieben so unterschiedlich? Fehlt mir das Elend und der Krieg, fehlt mir diese brutale Form des Vermissens? Die Zeit damals hat wohl jede Liebe noch besonderer gemacht. Es müssen schon mindestens drei Stunden vergangen sein, Pia und meine Mutter werden wahrscheinlich bereits bei Kaffee und Kuchen sein, während mein Vater auf der Couch liegt und schläft. Früher gab es selten Kuchen zum Kaffee, aber ich habe gelernt, dass es offenbar hilft, sich etwas rar zu machen. Und meist genügt es auch schon, Pia auf meinen Besuchen im Elternhaus mitzunehmen. Meine Eltern lieben sie, oder zumindest hoffe ich das und fühle es auch genauso. „Ich brauch kurz etwas Zeit“, habe ich gesagt, „Will nur eben was suchen.“ Aber in einem Dachboden kann man nicht nur kurz etwas suchen, weil man ständig mit dem Finden beschäftigt ist. Vor allem solch ein Dachboden, ein über mehr als ein Jahrhundert herangewachsener Erinnerungsfriedhof, dem man nicht entkommen kann.

Gibt es eigentlich noch etwas anderes von meinem Bruder hier? Diese Frage beschäftigt mich, ich lege meine Dinge beiseite, stehe auf und sehe mich um. Da hinten ist seine Bong, aber ansonsten? Doch, ein Gegenstand noch, seine Gitarre. Die er sich unbedingt gewünscht hat, an der er noch freudig an seinem Geburtstag die Saiten gezupft hat, nur um sie nicht einmal eine Woche später vollkommen zu vergessen. Aber von ihm gibt es hier keine Notizen. Würden Historiker damit beauftragt, anhand der hier aufzufindenden Utensilien unsere Geschichten zu erforschen, würden sie allesamt kläglich scheitern. Ich wäre der unkreativ zeichnende Junge mit einem Hang zum Verlieben, der spätestens mit dreizehn, vierzehn Jahren gestorben oder verschwunden ist. Mein Bruder hingegen wäre der kiffende Gitarrist und das war es auch schon. Dabei hat er eigentlich nur gern gekifft, ganz ohne Gitarre. Meine Eltern hingegen waren in Wahrheit gar nicht existent. Es fällt mir erst jetzt auf, aber bis auf eine Eismaschine (ein Geschenk zum Hochzeitstag), die nie angerührt wurde und nach zwanzig Jahren vermutlich gar nicht mehr funktioniert, gibt es hier keine Deponien meiner Eltern. Wenn sie etwas nicht mehr haben wollen, werfen sie es offenbar weg. Keine Zeit für Erinnerung, keine Zeit, irgendetwas festzuhalten. Vielleicht sind sie sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst und wollen uns Kindern ersparen, ihren Ramsch irgendwann beseitigen zu müssen. Oder sie haben dieses Gefühl nicht. Dieses Nicht-Loslassen-Können, diese Sehnsucht nach einem Bad in der Erinnerung. Für sie fallen Erinnerungen einfach einmal pro Jahr aus dem Fenster des Dachbodens im zweiten Stock. Dafür beneide ich meine Eltern und bemitleide sie aber auch zugleich schon wieder.

Ich setze mich wieder hin, die Gitarre habe ich nur kurz gezupft und mich vom schiefen Ton sofort wieder abgewendet. Hier sind sie, meine Notizen aus der Kindheit. Ich habe bereits alles durch: Zuerst das König-der-Löwen-Tagebuch zum Einstieg, dann ein paar bunte Bücher voller Blumen, die irgendwann mal ein Angebot in einem Supermarkt waren, bis zu meinen ersten gefakten Moleskine-Büchern. Ich wollte offenbar damals schon hip sein, konnte es mir aber nicht wirklich leisten. Jetzt sollte es nicht mehr lange dauern, und wirklich: Ein paar Minuten später stehe ich auf, lasse den offenen Kasten aus meinem ersten Kinderzimmer zurück, die Briefe meiner Großtante, die achtzig Papageien, „Mein Kampf“ und Bong und Gitarre meines Bruders, öffne die Tür, klopfe mich ab und laufe die Treppe hinunter. Hinein ins Wohnzimmer, wo alle schon auf mich gewartet haben. Oder nein, vielmehr sieht es so aus, als hätten sie mich bereits vergessen.

„Siehst du?“, sage ich und lege mein Tagebuch aus dem Jahr 2000 vor Pia hin, zwischen ihrem Kaffee und dem Kuchen, „Da wo die Papageienzeichnung herausragt.“ Sie schlägt es auf, liest ein paar Zeilen und ich merke schon, wie sie sich fragt, worauf ich jetzt eigentlich hinauswill. „Ich versteh’ noch nicht. Was willst du mir denn damit sagen?“, fragt sie und ich lächle, weil ich auf diese Frage schon den ganzen Tag gewartet habe. „Du hast mich dich vor Monaten mal gefragt, seit wann ich dich eigentlich mag. Damals musste ich kurz nachdenken, dann lachen und dann habe ich dir gesagt, dass wir beide damals wohl zwölf Jahre alt waren.“ Ich zeige auf eine Zeile in dem Buch und fordere sie erneut auf: „Lies.“

„Pia ist cool. Irgendwie komisch, aber voll hübsch. Und nett. Sie spricht sogar manchmal mit mir.“

Sie lächelt, ganz leicht befeuchtet etwas Tränenflüssigkeit ihre Augen. So ist Pia eben. Und in Wahrheit habe ich mir eine solche Reaktion auch erhofft. „Und das hat du vor drei Monaten immer noch gewusst? Also, was du vor mehr als fünfzehn Jahren in ein Tagebuch geschrieben hast?“

Natürlich, wie könnte ich es denn nur vergessen? Ich weiß doch noch so vieles. Als wir damals in der Schule plötzlich in derselben Klasse waren, ein jeder von uns voller Angst, weil man sich eigentlich bereits auf seine Schulkameraden eingestellt hatte, es aber plötzlich eine neue Zusammenlegung geben musste. An Turnen, wo wir manchmal gemeinsam Unterricht hatten, und ich immer hoffte, dass ich in dieselbe Mannschaft wie sie gewählt werde, weil sie schon immer unglaublich gut im Völkerball war. An die Nächte, als wir später mal außen an der Schule hochgeklettert waren und uns ein Picknick unter den Sternen gegönnt hatten. Und sie mich in einer weiteren Nacht schließlich zum ersten Mal geküsst hat, ja, sie machte den ersten Schritt, wie dankbar ich ihr dafür war, weiß sie wahrscheinlich bis heute nicht. Wie wir dann aber an uns selbst scheiterten, sich unsere Wege trennten, nie wirklich, aber doch weit genug, damit jeder von uns ein paar Jahre seines Lebens ganz privat zugrunde richten konnte, nur um uns schlussendlich gegenseitig wieder aufzuhelfen. Wie könnte ich all das auch nur irgendwie vergessen?

Muss man eigentlich seinen eigenen Dachboden, seinen Kopf voller Erinnerungen auch entrümpeln? Oder fallen alte, nutzlose Dinge irgendwann automatisch raus? Und wer entscheidet über die Nutzlosigkeit der Dinge? Ich will all das niemals vergessen, selbst die schlimmen Dinge nicht. Sie sind ein Teil von mir, sie haben mich zu diesem komischen achtundzwanzigjährigen Typen gemacht, der fast drei Stunden damit verbringt, ein Tagebuch aus seiner Kindheit zu finden, um seine Freundin zu beeindrucken. Ich will es für immer in mir behalten und habe jetzt trotzdem Angst. Vielleicht muss ich all das aufschreiben, vielleicht muss ich es abspeichern, archivieren, irgendein System entwickeln. Ich weiß nur: Sollte einmal jemand die Tür zu meinem ganz persönlichen Dachboden betreten, soll ihm der sanfte Geruch des Unvergessenen entgegenfliegen.

Ich küsse Pia auf die Stirn und mache mir Gedanken, so wie damals schon und so wie immer.

Meine Einreichung zum fm4 Wortlaut-Wettbewerb 2016.

2 Kommentare

  1. <3 was für ein wunderschöner text. sovieles davon erinnert mich an mich selbst. 1996, als das essen der hauptinhalt des tagesbuchs war (gut, bei mir war es wohl 94, aber das ist ja eigentlich egal). und bei uns ist das haus nicht so alt und es ist der keller, aber auch wenn das rundherum bestimmt nicht so stimmungsvoll und staubig ist, das, was man darin findet, ist es. mit dem finden beschäftigt sein während dem suchen. ein toller satz. großes ja von mir dafür. und viel glück mit pia!

    1. Ach, Pia lerne ich doch erst kennen. 😉

      Vielen lieben Dank für dein Lob! 🙂 Ja, Dachböden und Keller sind etwas ganz Besonderes. Man möchte nicht ewig dort verbringen, aber es ist immer mal wieder schön, wenn man sich durch die Vergangenheit wühlt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: