Sommer.Pause

Wir haben das ganze verdammte Jahr daran gearbeitet und versucht uns immer neu zu erfinden, haben uns abgestrampelt und geplagt, damit wir das, was wir hatten weiterhin behalten können. Dass wir wieder das werden, was wir waren. Einfach großartig. Einfach witzig. Einfach Rock’n’Roll vom Feinsten und doch schaut im Ende nichts raus.

Sommer.Pause

Und du und ich wir haben so getan, als wäre niemals etwas gewesen, haben uns schlauerweise als Freunde ausgegeben, aber das sind wir nicht, oder? Definitiv sind wir keine Liebenden, das schon gar nicht. Aber Freunde auch nicht. Oder etwa doch?

Wochenlang plauderten wir, lästerten ein wenig über die schrägen, jungen Neuen und freuten uns über die paar alten Füchse, die uns erhalten blieben und blickten hoffnungsvoll in das kommende Jahr. Der Herbst ist für unsere kleine Gruppe der Oldies, dem „Inneren Zirkel“, immer ein Neustart, immer interessant und aufregend. Und plötzlich das alles. Es geht dahin, aber nicht wirklich gut, es läuft gar nicht mehr so. Die Arbeit geht schleppend, ebenso die Arbeiter. Es wird ruhiger und ruhiger. Und wir müssen uns plötzlich selbst beschäftigen, hart den Hampelmann machen, um zu überleben, uns was einfallen lassen.

Dazwischen rennt dann das mit uns oder rennt eben eher nicht.

Und jetzt … da ist Chaos, da ist Scham, da ist einfach nichts mehr, was uns normal miteinander umgehen lässt, drum ignorieren wir uns einfach. Oder scherzen oberflächlich und sprechen außerdem hauptsächlich immer über die Arbeit. Das ist gut so. Das macht es uns leicht.

Wir machen uns Sorgen, um das „Baby“, in das wir unser aller Herzblut gesteckt haben, reden, motivieren uns, hoffen und hoffen und hoffen und es tut sich im Laufe der Zeit etwas mehr. Es geht wieder voran. Weit nicht so gut wie früher, aber es geht voran, der „Innere Zirkel“ freut sich, hat sich mittlerweile auch schon an die Newbies gewöhnt und diese herzlich aufgenommen.

Die Alteingesessenen und die Neuen fügen sich zusammen, ziehen an einem Strang, jeder tut, was er kann und freut sich immer auf die Wochenenden. Und dann… wieder nichts. Es geht gerade so dahin und es tröpfelt so leicht vor sich hin.

Und du versuchst mir immer wieder näher zu kommen, eine ganz, ganz schlechte Idee. Es entsteht ein Vertrauensverhältnis, eine Kommunikationsbasis, die wir noch nie hatten und doch, versuchst du mich an dich zu ziehen, entschlüpfe ich dir und haue ab, entweder eile ich nach Hause oder gehe in ein anderes Zimmer, um Luft zu bekommen.

Zu Beginn bin ich verwirrt, endlos, denke mir, das ist nur der Alkohol oder das bisschen Gras oder du hast gerade Probleme mit deiner Freundin, die auch meine Freundin ist. Da ist dieses Prickeln auf meiner Haut und dann lässt du mir wieder etwas Zeit zur Beruhigung, um zur Besinnung zu kommen, durchatmen zu können und plötzlich schlägst du wieder zu und erwischt mich richtiggehend „off guard“.

Es ist Fasching, wir haben Erfolg, es geht wieder etwas besser und es reißt und wieder raus, ich habe mich als böse Stiefmutter aus Schneewittchen verkleidet und verteile Äpfel beim Eintreffen in der Arbeit. Mein Liebster kommt diesen Abend auch mit seinen Jungs und wir haben viel Spaß, wir bleiben, obwohl mein Dienst früher beendet ist, bleiben wir. Wir versuchen einen der Jungs zu verkuppeln, weil Fasching ist und weil’s ja eh um nichts geht.

Du alberst mit deiner Freundin herum, ich genieße die Nähe zu meinem Liebsten und freue mich darüber, dass wir heute tatsächlich Erfolg hatten. Es tut so gut Leben in der Bude zu sehen, alle haben Spaß und du und ich wir plaudern, freuen uns gemeinsam, planen ein bisschen und gehen dann mit unseren Partnern nach Hause, glücklich, zufrieden.

In den Wochen darauf versumpfe ich gerne mit den Kollegen nach der Arbeit, komme immer erst mittags nach Hause und habe so viel Spaß wie lange nicht, zuhause kriselt es ein wenig, sei es die Aufregung und Nervosität, ob des neuen Lebensabschnitts in der Partnerschaft, das offizielle Zusammenleben oder mein Lebenswandel, dass ich wieder länger sitzen bleibe und Zeit mit den netten Menschen verbringe und vielleicht auch etwas zu viel trinke.

Und nach einer Riesendiskussion Zuhause und einem besonders miesen Abend, bleiben nach und nach nur noch du und ich über und wir reden. Ich erzähle dir, dass es gerade nicht so klappt, dass es schwierig ist, weil ich weiß, dass ich meinen Liebsten liebe, aber er versucht hat, mir etwas vorzuschreiben. Ich hasse das.

Diesmal kommen wir uns näher. Diesmal haue ich nicht ab. Und dann schlafen wir ein. Der nächste Morgen verwirrt mich endlos. Ich halte Krisenstab mit meiner besten Freundin und habe Herzrasen, weiß nicht mehr, was ich in meinem Leben will. Außerdem ist da ja immer noch meine Beziehung, meine Freundin/deine Freundin. Idiot.

Wieder reden wir nicht miteinander, wir machen nur aus, dass es keinen Unterschied mache, weil nichts passiert ist und vielleicht hätte man vor ein paar Jahren noch anders darauf reagiert, weil man noch jung war.

Es geht voran, der Frühling richtet alles, ich bleibe nicht mehr nach der Arbeit sitzen, Zuhause läuft es großartig, ich konzentriere mich auf all das, was wichtig ist und komme gut mit allem klar. Bin aktiv, unterwegs, auch in der Arbeit geht es auf einmal wieder besser voran und es vergehen zwei Monate, in denen es wieder weniger wird, immer wieder weniger zu tun, weniger Arbeit und der Sommer kehrt ein.

Die Belegschaft wird ruhiger, unkonzentrierter und zwei Wochen vor dem Ende müssen wir schimpfen. Der „Innere Zirkel“ erklärt den Leuten, was Sache ist, welche Leistung sie bringen müssen, egal, ob etwas los ist oder nicht, sie bekommen immerhin Geld dafür.

Wir müssen uns anhören, dass sich die Leute angegriffen fühlen, weil sie Kritik bekommen, zugegeben harte, aber detaillierte, wir haben darauf geachtet, dass wir sachlich bleiben und ruhig bleiben. Und trotzdem herrscht bei manchen betroffenes Schweigen, sie wollen sich wirklich bemühen und es besser machen und bei anderen vollkommenes Unverständnis, das in Kündigungsdrohungen endet.

Du sitzt da, wie ein Häufchen Elend, dein Kumpel und ich unterstützen dich und hören dir, nachdem alle weg sind noch zu. Wir beschließen noch ein Bier zu trinken und entscheiden uns für drastische Maßnahmen.

Nächste Saison neu. Alles neu. Neues Innenleben, neue Kollegen, neue Leute, einfach nur neu. Neu.

Wir bleiben noch länger. Es wird geblödelt, auf den Couchen gelümmelt. Du und ich teilen uns eine Decke und du beginnst meine Beine zu streicheln. Ich sehe dich irritiert an, aber du nuckelst glücklich an deinem Bier und scheinst wieder um einiges zufriedener mit der Welt als noch 15 Minuten zuvor. Der Dritte im Bunde singt noch Fußballlieder bevor er umkippt und einschläft.

Bämm, dein Auftritt, du nützt die Chance, dass ich schon halb am Schlafen bin sehr gut, denn ich bin zu faul, um dich wegzuschubsen und es ist zu angenehm, als dass ich es überhaupt möchte.

In diesem Moment bist du mir zu viel und ich atme durch, setze mich auf und rücke an das andere Ende und wispere ein: „Blöde Idee.“ „Nein, gerade die beste Idee“, flüsterst du heiser. Ich versuche Abstand und Zeit zu gewinnen, zünde mir eine Zigarette an, trinke einen Schluck Bier, rücke noch näher an die Couchlehne und es ist dir egal, als ich wiederhole: „Blöde Idee.“

Sommer. Pause.

Ich brauche Ruhe von dem ganzen harten Jahr, das hinter uns liegt und dem vermutlich noch härteren vor uns, in dem wir mit Pauken und Trompeten und Rock’n’Roll untergehen wollen, um es allen zu zeigen, dass wir noch nicht tot sind und dass wir bis zu unserem letzten Atemzug kämpfen und alles geben.

Ich brauche die Ruhe vor dir. Ich liebe dich nicht, aber ich respektiere dich und rede mit dir unglaublich gerne über die Welt, über das Leben, über unser kleines Paradies, dass wir uns geschaffen haben, dem wir noch mal zu Ruhm und Glanz verhelfen wollen, der alten Zeiten wegen, aus Respekt und Ehrfurcht vor 43 Jahren Geschichte.

Das ist es, was uns verbindet. Wir sind Idealisten und verdammte Träumer. Das zieht uns an, wir vertrauen uns und sind ehrlicher zueinander, als zu irgendjemandem sonst.

Du bist gar nicht so der coole Typ, dem alles egal ist und ich bin nicht das immer freundliche und gut gelaunte, brave Mädel. Wir sind anders und du holst das Schlechteste aus mir hervor. Und ich genieße das.

Aber Sommer.Pause muss sein. Ich brauche eine Auszeit, Ruhe und neuen Schwung und Elan mich von dir fern zu halten, denn das was ich bin, diese Seite die nur du von mir kennst, die will ich nicht zeigen, die will ich verstecken und tief in mir begraben.

Ich brauche diesen Sommer und diese Pause. Mehr denn je.


SarahSarah

hatte früher ihren eigenen Blog, ist mittlerweile am Zieleinlauf zum 30er und hat literarische Ambitionen auf ein paar wenige, außergewöhnliche Ausnahmen beschränkt. Sie liest, putzt und kocht gerne. Auf Twitter als @lambovichka. Und ganz frisch wieder im Blogbusiness: oceanporn.wordpress.com

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