Herr Leitner vermisst unbekannte Verwandte

Ich nehme ungern Abschied. Das ist gemeinhin bekannt. Und ich habe auch Angst vor diesem verdammten Tod. Aber was ist mit diesen Menschen, die zwar gestorben sind, aber die ich nicht kennenlernen durfte? Von denen ich mich nie verabschieden konnte, weil es keine Chance auf eine Begrüßung gab? Die gibt es in meiner Familie zur Genüge. Dort stirbt man gerne, bevor man mich überhaupt kennenlernt.

Weg

Da gibt es zum Beispiel meinen Bruder. Er wäre jetzt 30 Jahre alt, wäre er nicht vor 30 Jahren bei seiner eigenen Geburt bereits tot gewesen. Ein Baby, dass noch wenige Stunden vor der Geburt Lebenszeichen von sich gab und durch reinen Pfusch auf der Geburtenstation nie das Licht das Lebens erfahren konnte. (Dieses Wissen nervt.) Florian war das erste Kind meiner Eltern. Ein Jahr darauf, sogar im gleichen Monat, kam meine Schwester zur Welt, zweieinhalb Jahre später schließlich ich.

Ich habe ihn nie kennengelernt, habe lange Zeit nicht mal seinen Namen gewusst, weil meine Eltern und vor allem meine Mama nicht darüber sprach. Wenn es mal ein Gesprächsthema wurde, war es früher immer nur „das Kind vor Michaela“. Es war namenlos, weil es nie getauft wurde. Es war namenlos, weil es nie gelebt hat. Aber er heißt Florian, das hat mir meine Mama schließlich einmal erzählt, so wollten sie ihn nennen und auch wenn er in seiner Sterbeurkunde als „namenlos“ angeführt wird, sein Name ist Florian. Florian wäre ein cooler Bruder gewesen, das weiß ich. Weil er meiner Schwester wohl besser Konter gegeben hätte als ich es jemals konnte. Weil er mir mit seinen dreieinhalb Jahren Vorsprung so vieles hätte erzählen können. Und weil ich ihn mir oft so sehr an meine Seite gewünscht habe, habe ich meine Tagebücher an ihn adressiert. Um mein Leben nicht einem Buch, sondern einem Menschen zu erzählen. Der könnte auch Antworten liefern, mir helfen oder einfach nur da sein.

VerschwommeneErinnerungen

Und dann ist da noch mein Onkel. Er ist vor zweiunddreißig Jahren gestorben, also knapp sechs Jahre bevor ich erstmals nach Luft schnappte. Im Alter von gerade einmal 19 Jahren. Meine Mama schwärmt heute noch oft von ihrem kleinen Bruder, er, der es irgendwie viel besser schaffte, dieser Rebell zu sein. Coole Musik zu hören, aufregende Dinge (Interrail!) zu machen und wunderbare Fotografien zu machen. Vor ein paar Jahren haben wir uns die Bilder in einer ganz klassischen Diashow angesehen und ich war begeistert. Habe den Entschluss gefasst, dann ein ganz bestimmtes Bild irgendwann einmal das Cover eines meiner Bücher schmücken sollte. Er wird oft recht ruhig beschrieben, nachdenklich, ein stiller Denker, ein cooler junger Mann. Bis er schließlich damals mit 19 Jahren betrunken am Steuer aus der Kurve flog und er (glücklicherweise) als Einziger eines vollen Autos mit dem Leben dafür bezahlte.

Ich habe ihn nie kennengelernt und bin ihm trotzdem immer irgendwie nahe. Oft sehe ich mir das Bild mit den lockigen braunen Haaren an, interessierte mich für sein Leben, so kurz es auch war. Als einmal meine Cousine zu meiner Mama meinte, dass sie manchmal ein sehr ähnliches Gefühl habe, wenn sie neben mir sitzt, wie damals, als sie als kleines Kind neben ihrem jugendlichen Onkel saß, dann fasste ich das als Kompliment auf. Er ging seinen Weg, machte tolle Sachen, machte Blödsinn und scheiterte an einer Kurve. Das perfekte Leben sozusagen.

Und um zu meinem Bruder zurückzukommen: Ich habe mich sehr lange Zeit gefragt, ob ich die Chance zum Leben nur bekam, weil sie einem anderen verwehrt blieb. Ob meine Eltern in Wahrheit immer nur zwei Kinder wollten, und ich als inoffizielle Nr. 3 nur geschaffen wurde, weil es mit Nr. 1 nicht geklappt hat. Vor ein paar Wochen habe ich schließlich meine Mama danach gefragt. Was sie dann sagte, machte mich glücklich: „Ich habe eigentlich nach dir noch weitere Kinder gewollt.“ Also selbst wenn Florian da wäre, ich würde trotzdem leben.

Manchmal ist es schon irgendwie gut, mal einfach nur am Leben zu sein.

Bildquellen: Bild 1 – NamensnennungKeine kommerzielle NutzungKeine Bearbeitung Bestimmte Rechte vorbehalten von ScypaxPictures, Bild 2 – NamensnennungKeine kommerzielle Nutzung Bestimmte Rechte vorbehalten von Larry He’s So Fine

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