Ist dir nicht kalt?

„Ist dir nicht kalt?“, fragt er, als er sie da draußen in der Kälte stehen sieht. „Komm, nimm das.“ Er legt ihr seine Jacke auf ihre Schultern, und obwohl sie nicht sagt, bedankt sie sich. Mit einem Blick und einem kleinen Lächeln, zwischen dem Klappern der Zähne und dem Zittern ihres Körpers. „Auf was wartest du hier denn?“ Sie schweigt immer noch, hüllt sich noch tiefer in seine Jacke ein und möchte wahrscheinlich unter ihr verschwinden. „Du musst nicht reden, ist schon okay. Aber darf ich kurz neben dir stehen bleiben?“ Sie nickt.

Schon seit Tagen plagt sich diese Stadt durch die stark gefallenen Temperaturen. Als er nach einem langen Tag den Weg nach Hause in Angriff nahm und schließlich bibbernd ankam, hat er sogleich die Winterkleidung herausgesucht und war seither bestens ausgerüstet. Sie aber nicht. In einer dünnen Jeans, einem wohl nicht sehr wind-resistenten, dünnen Pullover, ohne Mütze oder Schal. Als wär sie überrascht worden, vom Wintereinbruch, von der Kälte, vom Eis. Und das schon vor Wochen.

Sie stehen da, wie zwei Fremde, die sich gegenseitig Kleidung leihen, um durch den Tag zu kommen. „Er hätte mich abholen sollen.“ – „Wer?“ – „Mein Freund.“ Er nickt. „Welche Uhrzeit war denn ausgemacht? Wann hätte er dich abholen sollen?“ – „Schon vor einer Stunde.“ Oh, verdammt. Entweder ihr Freund hatte voll und ganz auf sie vergessen, dann wäre er es nicht wert. Oder ihm ist etwas zugestoßen. Und auch wenn die Gedanken durch seinen Kopf schießen, versucht er ruhig zu bleiben. „Erreichst du ihn nicht?“ Sie schüttelt den Kopf. Wieder zum Schweigen zurückkehrend bietet er ihr eine Zigarette an. Da stehen sie, zwei Unbekannte, die zur Überbrückung des Nichts sich gegenseitig Feuer geben, um das Nikotin zu spüren.

„Danke“, sagt sie, als sie ihm die Jacke zurückgibt. „Nicht nur dafür.“ – „Wo willst du jetzt hin?“ – „Heim, weg. Ich weiß nicht.“ Er will sie so gar nicht gehen lassen. „Er meldet sich bestimmt. Und hat einen triftigen Grund parat, warum er dich in der Kälte stehen gelassen hat. Wetten?“ Sie lächelt. „Danke nochmal“, sagt sie, winkt ihm zu, und biegt um die nächste Straßenecke. Er schlüpft wieder in seine eigene Jacke und denkt sich nur: „Wehe, du meldest dich nicht bald. Wehe, es ist dir etwas zugestoßen.“ Die Kälte hat noch nicht nachgelassen und insgeheim ist er froh, die Jacke wieder zurückzuhaben.

Bildquelle: jarmoluk / Pixabay

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