Herr Leitner und die All-Inclusive-Sexträume

Damals, am Ende unserer Schullaufbahn, stieß plötzlich jemand die Tür auf und offenbarte uns damit eine vollkommen neue Welt. Wir waren endlich groß geworden, wir haben mit dem Ablegen unserer Reifeprüfung wahrhaftig bewiesen, wie reif wir doch waren. Ich damals zwar nur zu 80 Prozent, aber immerhin. Nichts konnte uns mehr aufhalten, jetzt kam das wirkliche Leben auf uns zu. In Form einer All-Inclusive-Abschlussreise in der Türkei.

AllInclusive1

Diese grandios durchorganisierte Fickwoche, wie sie uns schon viele Monate zuvor regelmäßig in der Schule von den verschiedensten dubiosen Anbietern schmackhaft gemacht wurde. Ich war am Höhepunkt meiner Fruchtbarkeit: Zwei Monate zuvor noch ein friedliches Auseinanderleben mit meiner damaligen, meiner ersten Freundin, dann ein feuchtfröhlich und bedeutungsloses Schmusen mit einer langjährigen Schulkollegin. Ich war sowas von bereit, packte voller Vorfreude Kondome in den Partykoffer ein, ohne zu wissen, dass die tägliche Ration Verhüterli uns vom Anbieter selbst aufs Nachtkästchen gelegt wurden.

Aber gleich einmal vorweg: Für einen jungen Mann, damals 19, der eben nicht mehr ganz dem Normalgewicht entsprach (aber immerhin noch knapp dran war), schien diese Abschlussreise zwar die Erfüllung aller Träume. Doch in Wahrheit haben es nur ganz Wenige wirklich leicht und meine furchtbare Schüchternheit, was Frauen und „erste Schritte“ angeht, tat noch ihr Übliches dazu.

Eigentlich war ich damals fast so etwas wie ein Traumtyp: Als langgedienter Klassenclown hatte ich die wichtigste Komponente für Liebe stets im Gepäck. Immer einen flotten Spruch auf den Lippen, nie um einen Blödsinn verlegen. Außer wenn es eben ernst wurde. Ansonsten vielleicht nicht der Adonis in Reinform, aber ein blonder Brillentyp, mit ehrlichem Dauerlächeln, den man einfach gern haben musste. Und wenn ich Alkohol getrunken hatte, war ich ja sowieso kaum mehr zu bremsen. In der Hoffnung auf einen leichten Fang waren meine Freunde und ich überall dabei. Lagen tagsüber am Strand und landeten nachts vor der riesigen Bühne, vor welcher bei furchtbarer Musik (inklusive dem damaligen Sommerhit „Umbrella“ auf Dauerrotation) wild herumgebalzt wurde. Doch wie geht man die Sache nun an?

Ein Freund wurde von einer Unbekannten auf die Schulter getippst und schon landete sein Speichel in ihrem Mund. Der konnte das, der hatte damit viel mehr Übung und wohl auch keinerlei Scham. Ich hätte wohl zerst einmal ein verlassenes Plätzchen am Strand mit ihr aufsuchen müssen, hätte sie vorfreudig angesehen, bis sie mich mit den Worten „Küss mich doch endlich“ überzeugt hatte. Das hat beim ersten Kuss mit meiner Exfreundin so gepasst, und so sollte es auch wieder sein. Und so wartete ich darauf, angetippst zu werden. Doch die Hauptsache war: Wir hatten alle unseren Spaß, die zwei Schulkolleginnen, die es sich bis zur Abschlussreise aufgespart haben, ihre erste Zigarette zu rauchen, das befreundete Paar, das es darauf ausgelegt hatte, erwischt zu werden, und ich, stets mit ekelhaftem Wodka-Irgendwas und einer Zigarette in der Hand, der die Meute bei Laune hielt. Doch hier war nichts zu holen. So einfach, wie sie es zuvor stets angepriesen haben, war es nicht, zumindest nicht für mich.

AllInclusive2

In einer Nacht jedoch, ich hatte den Abend in einem Zimmer voll Schulkolleginnen verbracht und ihnen mit meiner Anwesenheit ihren Mädelsabend versüßt, geschah das Unglaubliche. Ich schloss die Zimmertür auf, mit der ich eigentlich mit zwei Freunden wohnte, wollte noch durch das erste (kleine) Zimmer, dann durch das große Schlafzimmer (oder wie wir es nannten „Die Sexhöhle“) hindurch auf den Balkon um noch zigaretterauchend auf die Rückkehr der wahrscheinlich viel erfolgreicheren Aufreißer zu warten. Doch plötzlich lag sie da, mitten auf unserem gemeinsamen Boden, nur in einem Spitzen-BH und einem String. Ich – Experte für eh alles – schleiche nochmal hinaus, zurück zum Zimmer meiner Schulkolleginnen und forderte Meinungen ein: Ich solle hierbleiben, meinte die eine, ich solle sie nach Hause begleiten, meinte die andere, ich sollte sie zumindest ins Bett legen die Dritte und zu guter Letzt wurde mir noch nahegelegt, sie aufzureißen. Vier potentielle Möglichkeiten, ich war zufrieden und machte mich auf den Weg zurück. Insgeheim hatte ich ja die Hoffnung, dass sie vielleicht schon weg wäre.

Sie war es nicht. Immer noch lag sie da, regungslos, mit hübschen Kurven und echt sehr reizvoller Wäsche. In diesem Zustand von „aufreißen“ zu sprechen, wäre falsch, vielmehr wäre es wohl eine Vergewaltigung eines wehrlosen Menschen gewesen. Der letzte Rat schied also schon mal aus. Sie heimbringen? Dazu fehlte mir einerseits die Kraft, sie quer über das Gelände der Anlage zu tragen und andererseits die Info, wo sie denn überhaupt wohne. Also: Liegen lassen oder ins Bett bringen? Natürlich wurde es Letzteres.

Ich hockte mich zur ihr hin, tippste sie auf die Schulter:
„Hey, hallo. Magst du nicht lieber ins Bett?“
– Stille.

Sie atmete, roch nach Alkohol und Erbrochenem, war also noch am Leben. Nächster Versuch:

„Hey? Alles okay bei dir? Magst du dich nicht lieber ins Bett legen?“
„Mmmmmm.“ (Man kann es schlecht verschriftlichen, es war eher ein unverständliches Murren.)
„Magst du dich ins Bett legen?“, wiederhole ich mich, mit ganz ruhiger Stimme.
„Mmmmmm.“

Doch jetzt kam Bewegung ins Spiel. Sie öffnete ihre Augen ungefähr einen Millimeter weit und hob ihren Kopf ums Doppelte.

„Hi, ich bin Dominik. Soll ich dir helfen, damit du dich ins Bett legen kannst?“

Ich hätte irgendwer sein können. Aber mit ihrem Millimeterblick hatte sie wohl schon erkannt, dass von mir keine Gefahr ausging. Ich griff ihr unter die Arme, versuchte ihr auf die Beine zu helfen und hätte nie gedacht, dass eine so zierliche Frau doch so viel Gewicht haben kann. Irgendwann war sie aber wieder auf zwei Beinen, stand in BH und String-Tanga vor einer ihr unbekannten Person und richtete sich natürlich zuallererst … den Haarreifen. Der war mir schon aufgefallen, so schief wie er auf ihrem Kopf hing. Wir stolzierten wankend zum großen Doppelbett, ich setzte sie hinein. Versorgte sie noch mit einer Flasche Wasser und einem Kaugummi, um den ekelhaften Geschmack aus ihrem Mund zu bekommen. Als der Gang zum Balkon schließlich wieder frei war, verabschiedete ich mich mit den Worten: „Wenn du was brauchst, melde dich. Ich rauch noch ein paar.“ Und die hatte ich auch bitter nötig.

Wahrscheinlich verging eine halbe Stunde, bis einer meiner zwei Schulkollegen wieder eintrudelte. Lachend erfreute er sich, dass sie offenbar den Weg wieder zurück ins Bett gefunden hatte, bevor er mich am Balkon bemerkte. „Ähm, was war das denn?“, forderte ich eine Erklärung ein. „Naja, ich habe mit ihr rumgemacht, als sie auf einmal kotzen musste. Und da habe ich sie vom Bett geschubst, damit sie nicht hier reinkotzt. Als sie dann eingeschlafen war, bin ich nochmal zurück zur Bühne, Party machen.“ Die Worte, die mir auf der Zunge lagen, Arsch oder Trottel, sprach ich wahrscheinlich sogar aus und erzählte ihm, wie ich ihr bei der Herbergssuche behilflich war. Er war es übrigens auch, der den Speichelaustausch durch einfaches Umdrehen herbeiführte.

Mit drei Paar Schuhen und zwei Paar Flip-Flops habe ich damals die Reise bestritten. Man werde ja viel unterwegs sein, in dieser Anlage, so die Annahme. Was mir aber vorher, bei der Anpreisung der Reise niemand verraten hatte: Schuhe, die man am Strand im Sand zwischenparkt um in den Genuss von Sand auf den nackten Füßen zu kommen sind für immer verloren. Und so verringerte sich von Tag zu Tag die Zahl meiner Beschuhungen – und das Schöne daran war: Es wir mir vollkommen egal.

AllInclusive3

Aber Sex hatte ich immer noch keinen. Immer mal wieder machte ich jener Schulkollegin Avancen, der ich mein erstes Post-Beziehungsschmusen verdankte, doch den Alkoholpegel der Abschlussfeier bekamen wir mit diesen gepanschten Alkoholikas nie wieder zusammen. Während wir aber auf den Weg zu einer der Bühnen am Strand waren, kamen wir in Kontakt mit zwei Typen aus einem anderen Viertel meines Heimatbundeslandes, zwei Leute mit der richtigen Scheiß-drauf-Attitüde, die mir offenbar fehlte.

Der Eine, sein Spitzname war glaub ich „Frosch“ (ausgesprochen hörte man dabei sogar ein oder zwei stumme Hs nach dem o) war auf der Suche nach seiner Ersten und der andere, dessen Name wohl vollkommen irrelevant war, war sein Wingman. (Ein Begriff, den ich erst viele Jahre später kennenlernen sollte.) Sie waren wahrlich keine Schönheiten, eher unterer Durchschnitt und mit einem Alkoholpegel, wie ich ihn mir die ganze Woche bereits wünschte. Sie erklärten uns, dass sie schon irgendwo eine heiße Frau finden würden für den Frosch, sozusagen eine, die aus ihm endlich zum ersten Mal einen Prinzen machen würde. Wir haben darüber viel gelacht, die Amphibie stolperte dabei stets über ein paar liegengebliebene Liegestühle, aber als wir ein oder zwei Stunden später (ein Paar Schuhe war wieder einmal in die ewigen Jagdgründe verschwunden) den selben Weg wieder zurück nahmen, zeigte uns der Namenlose, dass da draußen, am Meeresrand, der Frosch mit einer (aus der Entfernung und in der Nacht) scheinbar sehr hübschen Frau zugegen war. Gut, dass ich mein erstes Mal damals bereits hinter mir hatte, weil ich, der alte Romantiker, hätte es mir zwar sehr gut am Strand vorstellen könnten, aber nicht mit Froschs Promilleanteil und einer wildfremden Frau. Und all den Menschen rundherum natürlich.

Schlussendlich, beim Frühstück am letzten Tag der ach so herbeigesehnten Reise, tauchte die Frau mit der BH-String-Haarreifenkombo wieder auf und hatte die Sache mit dem Arsch-Trottel-Freund bereits wieder vergessen oder ihm verziehen. Um es kurz zusammenzufassen, bekam ich von ihm ein Feedback von ihr für meine gute Tat: Es sei unglaublich nett von mir gewesen, meinte sie und ich sei ein lieber Mensch und sie möchte sich bedanken. Nach all dem Fast-Food-Fraß der vergangenen Tage schmeckte somit der allerletzte Kaffee doch um einiges besser. Irgendwie war ich stolz. Weil ich schon damals nicht der Typ, der Frauen billig anbaggerte oder Situationen ausnutzte. (Auch wenn ich mir diese Fähigkeit zuvor und danach viel zu oft noch herbeisehnte.) Ich war eher der, auf den man sich verlassen konnte, der sich Hals über Kopf verliebte und erst Monate oder gar Jahre später bemerkte, dass er schon längst sein Friendzone-Ticket hätte lösen sollen.

Und so flogen wir alle wieder nach Hause, ich in meinen ausgelatschten (und allerletzten) Flip-Flops voller Sand und mit farbigen Zehennägeln, rötlich-braun gebrannt, mit mehr Kondomen im Gepäck, als ich eine Woche zuvor eingepackt hatte, unbefriedigt und doch irgendwie zufrieden. Zuhause erzählte ich übrigens lange Zeit, sozusagen als Intro, wie ich mit einer wildfremden Frau auf dem Zimmer war, halbnackt, und ich sie ins Bett manövrierte. Die ganze Wahrheit servierte ich danach gleich im Anschluss auf dem Silbertablett.  Aber für einen flotten Spruch auf den Lippen war ich ja immer schon zu haben.

Beim Titel habe ich mich ganz bewusst von Herrn Kofler und Frau Moosmann inspirieren lassen. Ihre Erzählungen aus dem Leben sind immer wieder eine großartige Lektüre, lassen einen Schmunzeln und regen auch viel zu oft zum Nachdenken ein!

Bildquellen: Bild 1 – Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Ömer Ünlü, Bild 2 – Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von ilkerender, Bild 3 – Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Zemlinki!

4 Kommentare

  1. Erstens: Super-eins-A-Verschlagwortung – damit wirst du auf Google vermutlich häufiger als so manche Sex-Seite angeklickt, oder?! ;D Und zweitens: Lustiger Text, da werden Erinnerungen an die eigene Maturareise wach (ach, diese unbeschwerte, völlig verdrehte Zeit, in der so unwichtige Dinge eine Riesenbedeutung hatten…) – habe herzlich gelacht! 🙂

    1. Hey! Bisher kommen die Besucher vor allem noch direkt auf den Beitrag – aber ich hab mir gedacht: Wenn ich schon so einen Text schreibe, dann auch mit den richtigen Schlagwörtern. 😉 Und schön, dass ich dich zum Lachen bringen konnte. Das freut mich. 🙂

  2. Sehr schön, genau so stellt man sich das auch vor. Was ich sehr gut nachvollziehen kann (neben der ganzen Geschichte (mal abgesehen von dem Maturadings als Zweck der Reise)):

    Zitat:
    „Als langgedienter Klassenclown hatte ich die wichtigste Komponente für Liebe stets im Gepäck.“

    Ha! Das dachte ich auch immer. Aber scheinbar sind Klassenclown-Sprüche mehr was für „Oh, du bist so süß, lass uns Freunde sein!“ – zumindest in dem Alter 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: