Kehraus

klujiohil

Er saß dort jeden Tag als ein fester Bestandteil meines Heimwegs. Seit ich weiß nicht wie vielen Jahren, drei vielleicht oder vier. Manchmal rückte er ein paar Meter nach hinten, manchmal hatte er seine Decke etwas weiter links oder rechts ausgebreitet, aber immer mit Blick auf das Wasser. Im Schneidersitz, einen Stapel Blätter im Schoß.

Anfangs dachte ich, er würde den Teich malen, mit den Tieren darauf und drumherum. Oder die Menschen, die zwei Steinwürfe entfernt auf der anderen Seite vorbei spazierten, oder spielende Kinder. Dann blieb ich eines Tages stehen, blickte ihm über die Schulter und sah, dass er etwas vollkommen anderes malte, nichts was ich kannte, nichts von heute, sondern Bruchstücke aus seiner Vergangenheit.

“Setz dich zu mir.”, sagte er eines Tages und ich dachte, die lehrreichsten Geschichten beginnen mit “Bleib bitte noch eine Weile” oder mit “Ich will dir was zeigen”, vor allem aber mit “Setz dich zu mir.” Immer wenn ich kam, rückte er umständlich zur Seite und ich fasste für ihn meinen Alltag zusammen und er erzählte mir aus seinem Leben. Als hätten wir von Anfang an eine Vereinbarung darüber getroffen. Als wüssten wir beide, dass es andersherum nicht funktioniert.

Manchmal konnte ich einen Blick auf seine Zeichnungen werfen, die früher mal kleine Kunstwerke gewesen sein mussten und heute mehr wie Skizzen aussahen. Wenn ich neben ihm saß, wusste ich nie so genau, ob ich mehr Dankbarkeit oder mehr Trauer empfinden sollte.

Das Rascheln und das Kratzen wurden dann irgendwann weniger. Das Rascheln der Blätter, meine ich. Und das Kratzen des Bleistiftes auf dem Papier. “Ich will etwas neues ausprobieren.”, murmelte er schließlich. Und dann sank er langsam zurück und legte sich ins Gras. Und schaute. Und sagte lange nichts.

“Ich habe mal wochenlang versucht, den Grünton des Wassers zu treffen.”, murmelte er leise. “Das ist schon eine Weile her, da gab es dich vielleicht noch gar nicht. Jedenfalls war ich damals noch kräftiger, ich bin durch die halbe Stadt spaziert und immer hat es mich in diesen Park verschlagen und da habe ich wirklich lange Zeit versucht, den Grünton des Wassers zu treffen.”

Ein Mundwinkelzucken. Ein leises Geräusch aus seiner Kehle, wie ein kurzes Lachen.

“Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich bis vor kurzem nicht aufgehört damit. Das ist albern, ich weiß. Ich bin ja schon alt.” Er schämte sich, das konnte ich sehen. Schämte sich für seine Bemühungen und seine Einsamkeit, die er nicht abschütteln konnte, auch jetzt nicht.

“Heißt das, wenn man alt ist, darf man nicht mehr hartnäckig sein?”
“Es heißt, dass man sich mit dem Gedanken anfreunden muss, dass die Natur ihr Mischverhältnis nicht preisgibt. Sie gibt dir ein paar Vorgaben, mehr nicht. Und manchmal kommt man nahe heran, aber eben nicht nahe genug. Also hört man auf. Legt das Werkzeug beiseite. Und übt sich in Wertschätzung, auch wenn man darin nie gut war, auch wenn man sich darin nicht so sicher fühlt.”
“Und nun?”
“Nun schaue ich und warte ab.”
“Mehr nicht?”
“Das ist mehr als genug. Du wirst schon sehen.”

Er schloss die Augen für einen kurzen Moment und sagte nach einer Weile leise, ich konnte es kaum hören: “Ich bin froh, dass ich es wenigstens versucht habe.“


IMG_3075Franzi

Jahrgang 1985, macht beruflich irgendwas mit Farben, Förmchen und Fähnchen und versteht nicht, wie man weiße Schokolade ernsthaft gut finden kann. Seit 2005 schreibt sie Dinge ins Internet, aktuell auf http://soldier-soldier.com/.

Wenn sie viel Geld hätte, würde sie jedem Bundestagsabgeordneten eine eigene Bauchtänzerin kaufen. Weil… die haben ja sonst nix. An freundlichen Tagen sagt sie zu ihren Mitmenschen gerne mal Dinge wie „Wenn Krieg ausbricht, dann will ich in der Turnhalle neben dir liegen.“ Sie kennt den Unterschied zwischen Freizeitaktivität und Freizeitpassivität und findet Leute seltsam, die durch Einrichtungshäuser laufen, ohne da die Kissen und Kuscheltiere neu anzuordnen. Man findet sie außerdem auf twitter und auf instagram.

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