Aqua Faber.

Sie starteten in Wien Schwechat, Niederösterreich, mit 3-stündiger Verspätung infolge Sandstürmen. Sie alle waren zusammengekommen, um einem erneuten Tourismusgipfel im Herzen Tirols beizuwohnen. Der Sprecher der Seilbahnen hatte nur Stunden zuvor in einem verzweifelten Hilfeschrei während des Interviews in der Zeit im Bild 2 bei Martin Thür danach verlangt. So lange „habe man den Klimawandel negiert“, jetzt „müsse man dafür doch auch mit Unterstützung belohnt werden“ hatte er mit zitternder Stimme erklärt und mit zuckendem Auge direkt in die Kamera geblickt.

In dem Flugzeug, es ist eine Embraer ERJ-190, saßen sie alle, der Herr Kanzler, die Frau Landwirtschaftsministerin, die Frau Landeshauptmann (weil sie ja gerade der Landeshauptleutekonferenz vorsitzt). Sie alle saßen in diesem Flugzeug und verbrachten nach den 180 Minuten Wartezeit am Rollfeld von Schwechat ganze 30 Minuten in der Luft, nur um dann weitere 25 Minuten warten zu dürfen, bis sie das Flugzeug wieder zu verlassen hatten. Aber ganz ehrlich: 30 Minuten Flugzeit von Wien nach Innsbruck? „The future is now!“, sagte der EU-Kommissar zum Kanzler, nachdem er ihm den Ellbogen in die Seite stieß und meinte dann noch „Wär doch toll, wenn Brüssel oder Straßburg auch so nah wären.“ „Aber dann würden wir dich ja gar nicht mehr in die EU wegloben“, schmunzelte der Kanzler.

Alle waren also in diesem Flugzeug, nur nicht Faber. Kevin Faber, hat nicht den CAT oder die S7 oder gar einen Chauffeur gebraucht, um zum Flughafen zu kommen. Er sitzt nun schon seit drei Stunden im Zug und feilt noch an den letzten Folien seiner Präsentation. Er hat die Lösung, er kann den Tourismus retten, kann Skifahren wieder zum Österreichsport Nummer 1 werden lassen. Eigentlich müssen sie ihm nur zuhören, dann kann schon der nächste Winter wieder so sein wie damals.

Das Flugzeug landete zur angekündigten Zeit, wie immer sprang der Kanzler als Erster auf, während der Büroangestellte der Landwirtschaftsministerin noch euphorisch applaudierte und mit bösen Blicken beschenkt wurde. Schnell nahm der Kanzler sein Handgepäck aus den dafür vorgesehenen Ablagen, damit er ja zügig das Flugzeug verlassen konnte. Die Presse wartete sicher schon am Flughafen, und da machte es sich natürlich gut, ganz vorne rauszugehen. er sei ja der Macher, er packe an, er sei ja einer, der vorangeht, wie man so schön über ihn zu sagen pflegte, wenn die Message Control passte.

„Und in Zeiten von Ressourcenknappheit und Klimakrise bietet mein Vorschlag die Möglichkeit zur Zeitenwende. Sind Sie bereit dafür?“ So endet Fabers Vortrag, zumindest in seinem Kopf. Er ist sich sicher, diese Worte werden nachhallen, tosender Applaus wird ausbrechen, sie werden ihn auf Händen durch die Innsbrucker Congress-Halle tragen, weil noch niemand davor auf diese Idee gekommen ist und man nachher nur mehr Begriffe mit seinem Namen dafür verwenden wird. Bald ist es so weit und er wird den Bahnhof verlassen und sich auf den Weg machen. Nichts kann ihn mehr aufhalten.

(Außer natürlich Angst.)

Während der Kanzler schon als Erster durch die Schiebetür schritt und von zwei Blitzen begrüßt wurde, hatten sich die Freiheits-Menschen mit den blauen Kapperln und den Kornblumenansteckern im Hofgarten, gleich neben dem Congress, platziert. „Unser Schnee für unsere Leut“ skandierten sie da auf weißen Leintüchern und erklärten den fehlenden Schnee somit mit falscher Verteilung. Mit „Klimawandel-Lüge – Tourismus-Rüge!“ wagten sie sich dann ins Spezialgebiet dieser vielen Männer und wenigen Frauen: Hauptsache dagegen, auch wenn man nicht einmal wusste, wogegen jetzt eigentlich genau.

Fünfzehn Minuten nachdem er den Flughafen verlassen hatte, war er schließlich im Congress Innsbruck angekommen, zwei Minuten später war er dann auch aus dem Auto gestiegen, damit die Fotografinnen und Fotografen wieder ihren Platz einnehmen konnten. Denn sein NLP-Trainer hat ihm damals eingebläut: Ein Bundeskanzler, den niemand aus dem Auto aussteigen gesehen hat, ist der überhaupt jemals ausgestiegen? Gebetsmühlenartig wiederholte er im Kopf die zahlreichen Merksätze und war sich sicher, dass dieses Training ihn überhaupt erst hierhergebracht hatte. Die Macht der Wahrheitsgestaltung … aber jetzt lächeln.

Faber wandert die 20 Minuten vom Bahnhof zum Congress. Die paar Dutzend pfeifenden, tourismusliebenden Klimakrisenleugner lassen ihn nur kurz aufblicken. Der Galgen mit der Stoffpuppe erschreckt ihn nicht mehr; die durchgestrichenen Namen – vom ehemaligen und jetzigen Bundeskanzler, dem Gesundheitsminister und Barbara Karlich (um gegen das neue Format ihrer Serie zu demonstrieren) – schwächen diese Drohung von roher Gewalt gegen eine andersdenkende Person etwas ab. Als er den Eingang zum Congress findet, sind keine Fotografen mehr vor Ort, sie sind alle schon dem Kanzler gefolgt, nur um dann die Staffel an die Damen und Herren mit den Mikrofonen und Videokameras zu übergeben. Natürlich hat er sich akkreditieren lassen, als Sprecher. Sein Vortrag lautet „Muss es denn echter Schnee sein?“. Wie er jetzt erfährt, hat er nur eine kleine Nebenbühne bekommen, aber es ist ja besser als nichts. Es wird sich schon herumsprechen, und dann werden sie alle begeistert sein. Es kann gar nicht anders sein.

Im großen Saal eröffnete der Sprecher der Seilbahnen im tiefsten Tiroler Dialekt den Gipfel. Viel freier konnte er jetzt reden, in seiner Muttersprache, wenn er sich nicht für den Thür verstellen musste. Dass alles ein Wahnsinn sei, dass ja niemand damit rechnen hätte können, dass Wintersport ja sicher ein kleines bisschen zum Klimawandel beigetragen hat, aber dass sie doch nicht die größten Verursacher seien. Er zeigte in Richtung Brenner, aber nur kurz, um ja nicht die Autolobby gegen ihn aufzubringen. Dann orientierte er sich neu und rief ganz laut die Chinesen in Verantwortung, und weil er sich nicht ganz sicher war, wo jetzt eigentlich Osten und Westen war, wagte er einen Fingerzeig in die andere Richtung, um zur Sicherheit auch noch die USA abzuwatschen. Tosender Applaus. Der Bundeskanzler hatte seine Simultanübersetzungskopfhörer nicht eingesetzt, daher kapierte er erst nach der zweiten Bitte, dass nun Platz für ihn auf der Bühne sei. Hoffentlich hatten ihn die Filmkameras bei diesem Fauxpas nicht gefilmt. Hoffentlich musste er nicht schon in einer halben Stunde davon in einem Boulevardonlinemedium darüber lesen. „Keine Macht dem Klimawandel!“ rief er deshalb laut, fast so, als würde dieser Satz irgendeinen Sinn machen und wurde ebenfalls mit tosendem Applaus belohnt. „Wir lassen uns das Skifahren nicht verbieten!“ sagte er, auch wenn niemand den Österreichern (Frauen waren eh immer schon mitgemeint) das Skifahren verbieten wollte. „Das sind wir. Das ist normal für uns. Sind wir normal? Bist du eigentlich normal?“, startete er sein Best-of-Programm und schaute dabei ganz gezielt ins Publikum.

Kevin Faber ist sich zu einhundert Prozent sicher, dass der Kanzler genau ihn angesehen hat. Eine Antwort kennt er nicht darauf, aber darum geht es nicht. In einer Stunde kann er seinen Vortrag halten, in einer Dreiviertelstunde wird er den Tourismus ganz alleine retten. In einer halben Stunde wird er gegen den Finanzminister in der großen Halle ankämpfen müssen. In fünfzehn Minuten ist es so weit, gleich werden sie große Augen machen. In Wahrheit braucht man nur etwas Bad Ischler Salz, das Wasser von Kichererbsen oder von Bohnen und einen großen Schneebesen. Und Österreich wäre wieder weiß. Es wäre so einfach.

„Und Sie meinen ganz im Ernst, dass wir mit dem Rezept von Veganem Eischnee das Ruder herumreißen können, Herr Faber?“

„Ich meine das nicht nur, ich weiß es. Nichts ist fluffiger als veganer Eischnee. Und in der richtigen Dosierung kann er auch in Schneekanonen eingesetzt werden. Er passt für das Hahnenkammrennen genauso wie für das Schlittenfahren ihrer Enkelkinder“, sagt Faber aus voller Überzeugung.

„Jetzt wollen uns diese Scheiß Veganer also auch noch den richtigen Schnee verbieten?“, ruft ein junger Mann, von dem Faber sicher ist, ihn vor kurzem noch draußen beim Demo-Galgen gesehen zu haben. Er hat Recht behalten, sein Vortrag hat die Gemüter erhitzt, und seit kurzem steht die Flügeltür vollkommen offen und immer mehr Leute eilen herbei.

„Was kommt als Nächstes? Darf ich meinen Germknödel auf der Skihütte nur mehr mit veganer Butter essen?“, ruft die eine. „Was passiert mit den armen Schweindln, wenn ich beim Einkehrschwung keinen Schweinsbraten mehr essen darf?“, die andere.

„Es geht hier doch nicht um Veganismus“, antwortet ein junger Zuhörer seines Vortrags. Es ist noch nicht alles verloren, denkt Kevin.

„Des ist sicha ana von de Grünen. Und schau da nur an, wie er redet. Oiwei diese großkopferten Weaner. Desch is unsa Tirol, verdammt nochamol!“

Danach beginnt es weiter zu eskalieren, immer mehr Demonstrierende aus dem Hofgarten strömen herein, die Bierdose in der Hand und rufen „Schleich dich, Gschissena!“, ohne zu wissen, welche Revolution Kevin Faber da gerade präsentiert hat. „Scheiß veganer Scheiß“ ist dann noch das freundlichste, das Faber zu hören kriegt, bevor die Polizei ihn von der Bühne geleitet und ihn zu einem Hinterausgang bringt.

„Haben’s echt glaubt, das würd hier funktionieren?“, fragt eine junge Polizistin. „Sie wissen schon, in welchem Land sie leben, oder?“

„In einem schneefreien, leider.“, denkt sich Faber.

Währenddessen beruhigte sich die Lage wieder, alle Teilnehmer*innen des Tourismusgipfels haben sich wieder eingekriegt, weil sie den einen Widersacher beseitigt hatten. Dass für Schneekanonen nur mehr jede dritte kWh verrechnet wurden, galt als Revolution. Die Medien bejubelten den starken Auftritt des Kanzlers und die starken Worte des Sprechers der Seilbahnen. Auf dem Weg zurück, im Flugzeug, wieder eine Embraer ERJ-190, saßen sie wieder alle gemeinsam. Dann las der Kanzler zufrieden die Artikel, verstand zum ersten Mal, worüber der Sprecher der Seilbahnen jetzt eigentlich genau geredet hatte, und war froh, dass nur ein, zwei Zeilen über den Störenfried geschrieben stehen. Zu sehr hatte er Angst, dass das seinen Auftritt verdrängt hätte, aber er war richtig abgebildet. Als Macher, als Anpacker, als einer, der noch normal denkt.

„Ich bin nicht normal“, murmelt Faber. Er hat sich in dem Altstadtrestaurant, direkt vorm Goldenen Dachl, noch einen Apfelstrudel mit Vanillesauce bestellt. „Normal, das sind die anderen.“ Es ist die Hölle, denkt er. Faber hat natürlich Recht. In der Hölle gibt es auch keinen Schnee. So wie in Österreich.

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