Herr Leitner und der 11. September 2001

Weißt du noch, was du am 11. September 2001 getan hast? Natürlich weißt du das. Jeder weiß es. Ich habe es auch fünfzehn Jahre später nicht vergessen – damals, als der Terror noch nicht per WhatsApp-Breaking-News-Nachricht einlangte und es noch kein Twitter gab, auf dem man erste Fakebilder sehen konnte, nur Sekunden nach dem Ende der Tat. Damals war vieles noch anders – aber der 11. September ist mir nicht nur wegen des Terrors in Erinnerung geblieben. Sondern auch wegen meines Papas und der Macht der Medien.

Mit meinen dreizehn Jahren war ich nur mittelbeliebt, eine wandelnde modische Sünde und aus irgendeinem Grund unglaublich an (Computer-)Technik interessiert, ohne auch nur einen blassen Schimmer davon zu haben. Ich verschlang so viele Zeitschriften wie möglich, solange sie sich mit Computerspielen oder dieser Computerwelt beschäftigten. Unter anderem e-media, das einzige österreichische Magazin, das ich zu dem Zeitpunkt kannte. Dort wurde auch über die „ifabo 2001“ geschrieben – eine, wie ich heute lese, „Wiener Fachmesse für Informations- und Kommunikationstechnik“, eine reine Business2Business-Messe und, das überrascht mich am meisten, eine Messe, die eigentlich erst ab 18 war.

Und weil die E3 (die größte Computerspielmesse der Welt) in den USA stattfand und die Cebit (die größte IT-Messe der Welt) in Hannover immer noch zu weit weg war, bettelte ich schließlich meine Eltern an. Ich wollte unbedingt da hin, einfach nur, weil ich mir einbildete, dort die Zukunft sehen zu können. Es war schließlich mein Papa, der mir diesen Wunsch erfüllte. Ich hatte auch gute Argumente, u.a. jenes, dass wir ja auch auf dieser dummen Pferdemesse waren, nur weil meine Schwester für ein paar Wochen Pferdefan war. Ich habe mich damals sehr gefreut darüber, aber heute hat dieser Ausflug einen noch größeren Wert bekommen. Es war das erste Mal, dass mein Papa sich in diesem Ausmaß für meine Interessen interessiert hat. Und eine Messe besuchte, die ihn wohl nur sehr wenig interessiert hat.

Als schließlich der 11. September gekommen war, packte ich frühmorgens meinen Rucksack, unter anderem auch mit meinem vermeintlichen „Weltradio“, den es wenige Wochen zuvor bei Eduscho um ein paar Euro gegeben hat. Meine Eltern haben mich noch belächelt, aber ich meinte: Man weiß ja nie! (Für die jungen Menschen hier: Ihr müsst verstehen, der allererste iPod würde erst 42 Tage später erstmals vorgestellt werden.) Vollgepackt mit umfangreicher Jause fuhren wir also zweieinhalb Stunden in die Bundeshauptstadt. Neben allem Drumherum war das mein allererster Ausflug nach Wien, in jene Stadt, die nun mein Lebensmittelpunkt ist.

Die Messe? War einerseits furchtbar langweilig (weil ich so viele Dinge einfach nicht verstand), andererseits natürlich unglaublich aufregend. Hier entstand auch erstmals die Hoffnung, dass wir zuhause Internet bekommen würden – ein Wunsch, der erst drei (!) Jahre später in Erfüllung gehen würde. Aber alle schönen Tage mit Papa in Wien haben mal ein Ende und schließlich landeten wir wieder im Zug, in einem Großraumwaggon auf einem gemütlichen Vierersitz.

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Während der Fahrt rief schließlich meine Mama an. Sie erzählte was passiert sei, von Flugzeugen, von Hochhäusern, von Terror, von bis zu 30.000 Toten, wie sie im Fernsehen gerade sagten. Die ersten Gesichter in diesem Waggon wandten sich um, man konnte nicht glauben, was man nur bruchstückweise aufschnappte. Man fragte nach, und wir gaben wieder, was meine Mama uns häppchenweise erzählte. Bis ich mich an mein belächeltes Weltradio erinnerte, das auf einem lahmen Bildschirm die Zeitzonen der Welt abbildete (Welt-!) und zumindest die österreichischen Radiosender wiedergeben konnte (-radio!). Nachdem ich halbwegs guten Empfang gefunden hatte, versammelten sich immer mehr Menschen umuns.

Sie alle hörten die ersten richtigen Nachrichten zu dem Thema aus meinem kleinen Radio. Ich, der zwar mit 13 schon politisch interessiert war (pro Al Gore, contra George W. Bush), mir war mir vieles unbekannt. Zum Beispiel die Sache mit dem Terror. Vor allem an den Gesichtern der umstehenden Personen, ihr Entsetzen, manchmal auch ihre Tränen, zeigten mir, dass das eindeutig keine normalen Nachrichten waren. Dass hier etwas Schlimmes passiert sei, dass hier etwas aus den Fugen geraten sei. Bis zum Ende der Zugfahrt saßen und standen die Menschen rund um uns herum, hörten die durchgehenden Nachrichten, völlig ohne Musik.

Im Nachhinein gesehen hat mir diese Zugfahrt, dieses „Weltradio“ gezeigt, wie wichtig Medien sind. Vielleicht verfestigte sich der damals bereits geborene Wunsch, Journalist und Schriftsteller zu werden und hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.

Übrigens: Ein Beitrag vom 13. März 2011, zur Welt und ihren Fugen und eine kurze Erinnerung an 9-11 am 12. September 2011.

Bildquelle Titelbild: Bestimmte Rechte vorbehalten von masm60
Bildquelle Bild 2: 
Bestimmte Rechte vorbehalten von jasonepowell

2 Kommentare

  1. Natürlich weiß ich noch was ich am 11.9.2001 gemacht habe, obwohl meine Geschichte bei weitem nicht so spannend ist, wie deine! Ich war nach der Arbeit zuhause, bevor ich abends aufs wifi zum Vorbereitungslehrgang für meine konzessionsprüfung musste. Eine politisch gänzlich desinteressierte Freundin hat mich angerufen und mir geraten den Fernseher einzuschalten. Den Einsturz des towers habe ich live gesehen und immer wieder auf dieses kleine Wort „live“ gestarrt, weil ich es nicht glauben konnte. Dann musste ich los und habe die Menschen in der u-Bahn beobachtet und mich gefragt, ob sie es schon wissen.

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