Du wirst fehlen.

Duwirstfehlen

Heute Nacht bist du nicht mehr aufgewacht. Wir haben damit gerechnet, es war nur mehr eine Frage der Zeit, das wussten wir alle. Als ich heute morgen auf mein Handy sah, erhoffte ich mir gar schon einen verpassten Anruf von meiner Mama. Eine Nachricht, dass du es geschafft hast, dass du keine Schmerzmittel mehr brauchst, du tot bist.

Ich habe dich am Sonntag vor zehn Tagen besucht, im Krankenhaus. Da saßt du noch im Bett; meine Mama, du und ich, wir haben noch Spaß gehabt. Haben dir noch versichert, dass dir dieser kurze Krankenhausaufenthalt nicht schaden wird. In den Tagen darauf verschlechtert sich dein Zustand, Organe beginnen schön langsam zu versagen. Vergangenen Sonntag bin ich noch einmal zu dir gefahren, auf die Überwachungsstation. Tief schlafend, an zahlreiche Geräten hängend, laut den Ärzten dank starker Mittel von jeglichem Schmerz befreit. Ich habe lange gehadert, ob ich dich noch einmal, in diesem Zustand sehen möchte. Ob dieses Bild nicht all meine schönen Erinnerungen an dich verschwinden lässt. Heute bin ich froh, dass ich es doch noch gemacht habe.

Es war genauso wie du wolltest: Einschlafen und nicht mehr aufwachen. Genauso hast du es dir gewünscht. Nicht in der Idealversion ohne jeglicher Schmerzen, aber doch rasch und ohne großes Aufsehen. Du hast es dir verdient. Hast verdient, nicht als Pflegefall dahinzuvegetieren. Mit deinen achtundachtzig Jahren hast du schon so viel Leben hinter dir, dass dein Abgang von der Bühne wohlverdient ist. Ich wünsche dir, dass du nun alle wiedersiehst, die bereits vorgegangen sind. Deine Freundinnen und Freunde, die in den vergangenen Jahren um dich herum wegstarben und die du manchmal darum beneidet hast. Deinen Mann, meinen Opa. Deinen Sohn, deinen Enkel und deinen Urenkel, die allesamt wohl schon sehnsüchtig auf dich warten.

Denn in den vielen Gesprächen in den letzten Jahren wurde mir immer mehr bewusst, dass du, obwohl deine Familie immer für dich da war, einsam warst. So vermissend einsam, als wärst du schon längst bereit gewesen, diese eine Welt zu verlassen, um in die andere zu gehen. Um das Vermissen zu stillen. Um dort zu sein, wo du dich wohlfühlst.

Ich war wütend, als ich hörte, dass keine weitere Behandlung, keine lebensverlängernde Maßnahme ergriffen werden würde. Ich war wütend, weil du darauf bestanden hast, gehen zu dürfen und ich nicht bereit war, dich gehen zu lassen. Danke, dass du dir Zeit gelassen hast, die paar Tage. Danke, dass du gewartet hast, bis ich mich von dir verabschieden konnte, bis ich es akzeptieren konnte.

Dieses Jahr habe ich einen Text über dich geschrieben, ich habe ihn soeben wieder gelesen. Es ging um deinen häufig geäußerten Wunsch, endlich auch gehen zu können.

„Warum hat er jetzt auf mich vergessen?“, fragt sie. Wie konnte Gott gerade auf sie vergessen, wo sie ihm doch immer vertraute. In allem Sinnlosen seinen Sinn zu sehen bereit war.

Und:

Theresia ist 88 Jahre alt und möchte sterben. Vielleicht muss sie noch darauf warten, bis auch ihre Familie die Angst vor dem Tod verliert. Bis man sie gehen lassen kann. Vielleicht aber schläft sie auch irgendwann einmal ein und wacht nie wieder auf. So, als wäre ihr unbändiger Wunsch in Erfüllung gegangen. Als würde Gott endlich versuchen, sie zu besänftigen. Sie würde ihm dafür danken.

Damit endete der Beitrag. Nicht einmal ein halbes Jahr ist seither vergangen. Und ich glaube, wir haben die Angst verloren. Wir alle. Danke, dass du gewartet hast.

Bildquelle: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Florian Schwalsberger

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