Sand im Getriebe

Sand im Getriebe

Mein Name ist Linda Salieri, und ich bin tot.

Seit – sollte meine Zeitrechnung stimmen – sechzehn Tagen, sieben Stunden und 48 Minuten. Beschwören kann ichs nicht, denn ich musste selber mitzählen. Sobald ich nämlich auf eine Uhr schaue, verschwinden die Zeiger oder, im Falle einer digitalen Anzeige, spielen die Zahlen verrückt.Fuer mich gibt es also keine Zeit mehr. Punkt fuer dich, Jenseits.

Ich nenne es einfach so, auch wenn das, was ich hier sehe, noch zu groß ist, als dass ich es schon in Worte fassen könnte.

Nur so viel – egal was ihr euch vorstellt oder woran ihr glaubt – vergesst es wieder.

Wenn wirklich noch irgendwann die himmlische Kavallerie eingeritten kommen sollte, dann lässt sie aber schon ganz schön lange auf sich warten. Außer natürlich, ich hätte irgendwo eine Nummer ziehen müssen.

Ich bin seit sechzehn Tagen nicht mehr auf der Welt, und ungefähr genauso lange habe ich gebraucht, um damit klar zu kommen.

Die erste Zeit war eine Katastrophe, wirklich. Als hätte man einen besonders spannenden Film geschaut und irgendwer hätte den Stecker vom Fernseher gezogen. Schwarz. Du kommst auf diesen Sachverhalt erst einmal überhaupt nicht klar.

Wenn ihr die Theorie der fünf Stadien kennt, die im Bezug auf den Tod, auf Trennungen und eigentlich auch auf jeden dringenden, aber aufgrund des Preises zum Scheitern verurteilten Wunsch angewendet wird – so ging es mir, als ich begriffen hatte, dass es aus war.

Verdrängung: Haha, der war gut. Ich habe auch gelacht, wirklich, aber ihr könnt das Licht jetzt wieder einschalten. Hallo?
Wut: Hat euch jemand ins Hirn geschissen?! Das wars doch wohl jetzt noch nicht! Oh nein. OOOH NEIN, ich kann jetzt nicht. Ausgeschlossen, nein, das passt mir jetzt noch überhaupt nicht.
Handel: Kämpf, Mädchen. Wenn du nicht zulaesst dass es das schon war, dann wars das auch nicht. Denk nach, du musst hier raus. There is no defeat – only late victory.
Trauer: Tod 1 : Linda 0.
Akzeptanz: jetzt ist es halt so.
Wenn man mich fragt, die Phasen 2 und 3 haben sich konstant überlagert. Phase 2 sogar bis jetzt, bis heute, bis zu dem Tag dessen Namen ich nicht kenne und dessen Datum ich nicht weiß.

Wenn du tot bist, glaubt jeder, er hat keine Sorgen mehr – das ist kompletter Schwachsinn. Dann hast du sie erst recht, und zwar alle auf einmal. Wie wenn du im Bett liegst und dein Gehirn mal wieder seine Klappe nicht halten konnte, weil du Person A schon lange nicht mehr angerufen hast oder Person B schon lange nicht mehr gezeigt hast wie wichtig sie dir ist. Tja, blöd jetzt! Jetzt kannst du weder jemandem sagen dass du ihn liebst, noch dass er scheißen gehen soll. Jetzt geht gar nichts mehr.

Und den Arsch besonders offen hast du, wenn du ein Geheimnis hattest – du hast es mit ins Grab genommen, bravo wenns das Geheimnis eines anderen Menschen war, aber sollte es dein eigenes gewesen sein, dann kannst du jetzt nicht mal mehr verhindern dass es jemand lüftet. Du bist jetzt machtlos. Nicht nur machtlos, sondern auch besitzlos, körperlos, elternlos, kinderlos, und planlos. Nicht mal vogelfrei, denn sogar dann würde dich noch jemand suchen, damit er dich ausliefern kann.

Das richtig Schwierige war die Einsicht, dass du aufgeben MUSST. Nach dir sucht niemand, weil man ja nicht weiß wo du bist. Dich lädt niemand auf ein Bier ein oder streichelt deine Wange. Klingelts schon? Du musst hier ohne jeglichen Zuneigungsbeweis auskommen! Klingt schwierig, nicht? Dann überleg dir lieber doppelt ob du auf jemanden wütend bist, weil er dir deiner Ansicht nach seine Gefühle zu wenig zeigt! Freu dich über die verdammten kleinen Sachen, einen freundschaftlichen Rempler, das Reichen eines Getränks, so etwas!

Jeder hat vielleicht einen oder mehrere Gegenstände, die ihm sehr viel bedeuten. Nicht von hohem Material-, aber vielleicht von sehr hohem persönlichen Wert. Du hast immer darauf aufgepasst und es behütet wie deinen Augapfel weil du damit etwas verbindest, das du niemals vergessen oder eine Person, die du niemals missen willst.

Nun, wo ist dieser Gegenstand jetzt? Es ist die Erinnerung, die bleibt, und ich gratuliere der Wissenschaft, wenn sies in den letzten sechzehn Tagen geschafft haben sollte, die cerebrale Erinnerung zu verdinglichen, aber als ich noch lebte, wars nicht möglich. Eine schöne Erinnerung vermag dich aufzurichten, eine negative Erinnerung, dich runter zu ziehen. Das passiert in deinem Kopf, und im Endeffekt kannst du es steuern, also stell dich nicht so an und lass nicht zu, dass die Scheiße in deinem Kopf überwiegt.

Ich kanns jetzt nicht mehr ändern, und ich hätte weiß Gott welche Verpflichtungen zu erfüllen gehabt. Nicht die von der Gesellschaft aufgedrückten wie Arbeit oder Mundhygiene, sondern die Zwischenmenschlichen. Für jemanden da sein der mich braucht, zum Beispiel. Und ich glaube, dass es eher ein bisschen uncool ist, wenn du in der Scheiße steckst und der einzige Mensch, auf den du Stunden verwendet hast, ihm deine Lage zu erklären, ist plötzlich nicht mehr erreichbar um dir mit seinen betrunkenen Weisheiten eine Rutsche zu legen. Jeder weiß wie anstrengend es ist,
eine Geschichte noch einmal und noch einmal erzählen zu müssen.
Ich habs mir nicht ausgesucht, Leute, wirklich. Aber ich habe sicher ein paar Leute zurückgelassen und bin einerseits deshalb sauer und andererseits, weil ich viele Geschichten nicht zu Ende hören kann. Wenn ihr ein Buch beginnt, und sei es noch so verblödet – lest es einfach zu Ende, egal wann. Dann schließt sich der Kreis von Anfang und Ende, und zwar weil du es in der Hand hattest.

Ich hab zu Lebzeiten oft gesagt bekommen, ich hätte zuwenig Vertrauen und ich zweifle zuviel. Ja, hatte ich und ja, tat ich. Da ich bis auf Weiteres nichts zu tun habe musste ich mich auch mit den unangenehmen Dingen konfrontieren. Als Lebender kannst du dich davon ablenken oder jemand anderer tuts für dich -deinen hoffentlich zahlreich vorhandenen, sozialen Kontakten sei ehrlich Dank -, aber als Toter stehst du da mit deinen Sorgen und schaust reichlich blöd aus der Wäsche, weil du dem Ganzen nicht mehr auskommst.

Zurück zu Vertrauen und zum Zweifeln:

Vertrauen, sowohl das zum Haben als auch das zum Geben, musst du dir erarbeiten. Das kriegst du nicht geschenkt. Es läuft in etwa wie bei einer Sanduhr, bei der du nicht zulassen darfst, dass der oberen Hälfte der Sand ausgeht. Während der Sand langsam durch die kleine Öffnung in der Mitte rieselt, musst du in regelmäßigen Abständen ein Schäufelchen nachlegen- entweder organisierst du dir den Sand selbst oder ein freundlicher Mensch schenkt dir eine Handvoll. Tust du das nicht, näherst du dich irgendwann einer besorgniserregenden Grenze, und wenn nur noch ein paar Körner oben drin sind und unten alles brechend voll, kommst du mit dem rechtzeitigen Nachschütten nicht mehr nach. Steht die Uhr, dann sitzt du in der Scheiße.

Das Ganze macht natürlich auch optisch was her, wenn dir verschiedene Menschen Sand in verschiedenen Farben schenken und nicht zur zwei Farben existieren, von denen eine deine eigene ist oder noch schlimmer, überhaupt nur deine eigene. Dann hattest du noch nie Vertrauen zu jemandem, somit wahrscheinlich keine Familie, keine Freunde und keinen Hausarzt. Misstrauen und Argwohn sättigen, aber die fressen dich mit Haut und Haaren auf.

Wähle also den Sand, den man dir schenkt, weise, aber nicht danach, ob er farblich zum Rest passt, sondern ob es Sand ist und kein gefärbtes Salz.

Und wenn dir jemand was von seinem Sand schenkt: sag gefälligst Danke und gib ihm auch ein paar Körnchen.

Das viele Denken und mich um mich selbst drehen zehrt. Ich hätte jetzt gerne eine Zigarette und einen kalten Radler.

Ba-dumm-tsss!

Zu guter Letzt gibts auch das hier nicht. Oder noch nicht? Vielleicht kommt doch noch jemand und führt mich in das Reich wo Gin und Vodka fließen?

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Sogar im Tod.

Mein Name ist Linda Salieri, und ich habe mir das Genick gebrochen, als ich betrunken von einer Bar gefallen bin.


Anna Maria LagandaAnna Maria Laganda

geboren und aufgewachsen in Oberösterreich, lebt und arbeitet nun in Wien für die Literaturbeschaffungsmafia, hegt eine besondere Vorliebe für historisch-kriminalistische Tatsachenberichte, Vodka-Orange und Schwermetall und war versehentlich in Vietnam.

Kondolenzbriefe für Linda – oder auch persönliche Worte an die Autorin – gerne an diese Mail.

2 Kommentare

  1. Liebe Alex,
    vielen Dank für deinen Kommentar! Es freut mich, dass dir Lindas Geschichte gefällt, denn dann hat sie ihr Ziel erreicht: jemanden zum Nachdenken zu bewegen 🙂

    Liebe Grüße,
    Anna

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