Der böse Blick.

„Können Sie die Person etwas genauer beschreiben?“

Nein, kann ich nicht. Kurze Haare, Dreitagebart und böse Augen. Was ‚böse Augen‘ seien, hat sie mich gefragt und ich konnte es ihr nicht sagen. Sie arbeitet doch als Polizistin, sie müsse doch solche Augen kennen. Ich glaube, man sieht es Menschen an, wenn man in ihre Augen blickt. Man blickt in die Verletzlichkeit, in den Schmerz, in die Wut und die Aussichtslosigkeit. Und als mich diese Gestalt in dieser Ecke mit einem Messer bedrohte, mich an die Wand drückte, die Klinge gegen meinen Hals drückte und mich aufforderte, ihm Geld zu geben, habe ich seinen Aufforderungen Folge geleistet, habe ihn dabei nie aus den Augen gelassen, im Schock habe ich ganz ruhig zu sprechen begonnen und ihn damit vielleicht auch ein bisschen aus dem Konzept gebracht.

„Wie groß war er denn?“
– „Etwas größer als ich. Einen Meter achtzig oder so.“

‚Ich werde jetzt ganz langsam meine Brieftasche aus der Hose holen, keine Sorge. Kein Grund sich zu beunruhigen, du bekommst mein Geld.“ Überrascht blickte er mich an, weil ich eben mit ihm sprach und ich mich nicht ängstlich an die Wand presste, so wie es vielleicht schon einige andere zuvor getan haben. Ich kann es mir selbst schwer erklären, wirkte er doch so bedrohlich und das Messer so einschüchternd. ‚Ich hab nicht viel, aber du kannst alles haben.‘ Und mit seiner freien Hand griff er sie, steckte die Scheine in seine Hosentasche, die Münzen leerte er sich ebenso in seine Hand, durchsuchte die Brieftasche nach geheimen Fächern mit verstecktem Bargeld und schmiss sie dann zu Boden. Er hatte Angst.

„Sie sind nicht der Erste. Wir haben hier schon mehrere Meldungen von Personen, welche ähnlich angegriffen wurden. Sie können von Glück reden, dass ihnen nichts passiert ist.“

Glück. Ich kann von Glück reden, ja. Auch wenn er mir nichts getan hätte. Das Messer war nur Drohung, nicht Angriffswerkzeug, hätte ich mich gewehrt, er hätte von mir losgelassen. Wäre davongelaufen. Aber um mich zur Wehr zu setzen, hatte ich zu große Angst, und um ängstlich zu sein, hatte ich einen viel zu großen Schock. Als das Messer nicht mehr so fest an meiner Gurgel lag, als er hektisch um sich herumblickte, wusste ich, dass er hatte, was er wollte. Er stieß mich um, ließ mich zurück, weil er jetzt um 35 Euro reicher war und ein paar Centmünzen. Weil er jetzt das hatte, was ich nicht mehr besaß. Ich kann von Glück reden, ja. Dass ich nie in die Lage gekommen bin, so etwas zu tun. Dass ich noch nie jemanden überfallen musste, um an Geld zu kommen. Dass mir die Welt noch nicht diesen bösen Blick verschaffen hat, so wie er ihn hatte.

Bildquelle: Giuliamar / Pixabay

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: