Die Nacht, die Lichter.

Und der Bus fährt wieder ab, als du dich umsiehst und ich warte, welchen Weg du jetzt einschlägst. Wir waren schon hier, du erinnerst dich nicht, ich weiß. Wir sind schon einmal hier ausgestiegen und haben gesucht und nicht gefunden, bis wir irgendwann wieder in ein Taxi stiegen und zu mir fuhren, ich weiß.

Die Nacht, die Lichter

Du blickst hoch, suchst zwischen den Häusern den Himmel, als würdest du damit den Ausweg hier suchen. Ich nehm’ deine Hand, führe dich fort, hinein in die Stadt, in die Lichter der Nacht. “Wir waren schon mal hier”, sagst du und ich nicke und führe dich weg, deine Hand sie umfasst meine Finger. Wir streichen uns langsam an unseren Händen entlang, während wir weitergehen und eine neue Gasse betreten, die durchflutet ist von Schwarz. Die Lichter der Stadt, die Lichter der Nacht, sie hören hier auf.

Wir tapsen, ganz langsam, stolpern daher und wanken dahin. Die Nacht, wir … sie hat uns, wir schleichen nur mehr. Wir warten und sehen, und Stille macht es schwer, sich nicht zu bewegen, denn jedes Geräusch, macht die Welt nur noch hässlicher. Wir wollen hinaus, raus aus der Gasse, wollen weg. Zurück zu den Lichtern der Nacht … der Stadt.

Ich blicke gen Himmel, um Sterne zu sehen. Das wenige Licht. Du nimmst meine Hand, ziehst mich fort, hinaus aus der Gasse, zurück zu dem Licht, hinein in das kleine Café, das von außen hin dunkel und von innen drin voll aussieht. An der Bar ist Platz und “Zwei Bier!” und die Stille. Der Spiegel hinter der Bar, und du, wie du dich sammelst und ich wie ich starre. Dich ansehe, als wärst du nicht schon den halben Tag hier bei mir. Sondern eben erst gekommen, nach Jahren und Tagen der Dunkelheit, hier zwischen uns.

Deine Hand an meinem Oberschenkel, und ich, mein Blick gesenkt. Ein Schluck, der Versuch, das Gesicht nicht zu verzerren. Es schmeckt mir nicht und hat mir noch nie geschmeckt, aber du trinkst es immer noch, als wäre es wirklich gut. Ich würde dich gerne sitzen lassen, würde jetzt raus gehen, und dir sagen, was du nur alles mit mir gemacht hast, und wie sehr du mich zerstört hast und wie lange ich gebraucht habe, um mich wieder aufzubauen, um alles wieder so zu machen, wie es war und doch irgendwie anders. Und ich sitze hier und warte und spüre deine Berührungen an meiner Schulter und ich trinke weiter.

“Du hast mich verletzt”, höre ich mich denken und schwöre mir, dies nicht zu sagen. Ich darf hier nicht schwach sein, nicht das sein, was ich war und immer noch bin. Ich muss hier jetzt ich sein, wie ich es gern wäre. Und dann spüre ich dein Gesicht an meinen Händen und spüre deinen Kopf an meiner Schulter und fühle mich falsch. Du hast es nicht verdient und ich doch genauso nicht. Wir beide haben uns nicht verdient und sind trotzdem geflohen, gemeinsam vor der Dunkelheit und der Stille der Nacht.

Da sind wir nun, und ich küsse dich, als wäre es normal und du lässt dich küssen, als wären wir wir. Und ich trinke, und blicke auf den Boden, wische mir den Schweiß meiner Hände in meine Jeans und blicke langsam zu dir auf und du siehst mich an. Wir sollten nicht hier sein, nicht ich hier mit dir, nicht ich hier mit Bier. Der Kellner grinst uns zu, als würde er uns kennen und wir blicken beide verdattert zurück. Das Glas ist leer, das Geld am Tisch, wir lassen uns vom Hocker gleiten und gehen hinaus.

Ich würde jetzt tanzen, mitten auf der Straße. Um die Nacht, diese Lichter zu fühlen und zu wissen, dass hier zu sein nicht falsch und mit dir zu sein richtig sein muss. Doch das ist es nicht und ich tanze nicht. Wir wandern nur weiter, die Beine, sie tragen, uns weiter hinein und hinaus aus der Stadt, hinunter zur U-Bahn. Die Nacht und die Lichter, sie bleiben wohl an und ich fühle mich falsch und nicht richtig, verquer.

Wir hätten das nicht tun dürfen, hätten uns nicht anrufen sollen, uns  nicht treffen, uns nicht küssen und jetzt hätten wir auch nicht die gleiche U-Bahn benutzen sollen um auch wieder gemeinsam auszusteigen, und weiter zu gehen und den gleichen Weg zu nehmen. Und jetzt. Wo ich mit dir, neben dir liege, meine Hand um dich gelegt, und dein Atem stets ruhiger wird. Bleibt alles beim Alten. Nur die Nacht. Und die Lichter. Die gehen aus

Bildquelle: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von eriwst
Erstmals veröffentlicht: 6. Februar 2010
Infos zum Text: Die Kurzgeschichte „Die Nacht, die Lichter“ von Clemens Meyer war eine Inspiration – nicht nur für den Titel, sondern auch die Erzählweise. Ich liebe Meyers Erzählung und ich mag auch diesen, den meinen Text wirklich, wirklich gerne.

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