Nie gemocht.

Ich kann mich nicht mehr an die Stille erinnern.

Ich weiß schon: Wien ist nicht bekannt dafür, still zu sein. Aber seit über einem Jahr schon ist es für mich ganz besonders nicht still. Mein ständiger Begleiter haftet an meinen Fersen, haftet an meinem Steigbügel, fährt mir ununterbrochen durch meine angeschlagenen Ohrhärchen. Immerzu saust es und ich behüte mich tagein, tagaus davor, mal zwischendurch nicht verrückt zu werden. Manchmal geht das sehr leicht, aber jetzt gerade eher nicht.

Dann stelle ich mir immer Wien vor, stelle mir die ruhigen Orte von Wien vor. Wenn man sich lang genug umschaut, dann findet man sie schon. Für mich ist es manchmal nur eine Parkbank. Da können noch so viele Menschen vorbeigehen, miteinander reden, Hunde können bellen, aber auf so mancher Parkbank ist jedes Augenzwinkern ein Sog in die Stille. Manchmal glaube ich, ich sollte mal wieder Halt machen.

Aber heute hilft mir auch keine Parkbank. Heute ist mein ständiger Begleiter wie ein hyperaktives Kind, das in mir drinnen um Aufmerksamkeit kämpft. Immerzu kreischt es in einer Frequenz von 1.000 Hertz, kreischt mir das Leben voll, kreischt mir das ganze hirn voll und hört einfach nicht.
Wenn ich munter werde, dann saust es schon in mir. 
Wenn ich dusche, dann saust es. 
Wenn ich mir Kopfhörer in meine Ohren stecke, dann ist da Musik. Und – lauter als die Musik – saust es weiterhin. 
Wenn ich mit anderen Menschen rede, dann saust es.
Gerade rede ich viel wieder weniger mit Menschen.

In sechs Tagen möchte ich wieder einmal zum Friedhof der Namenlosen gehen. Für mich ist das der verrückteste Ort von ganz Wien. Zwei Mal schon war ich dort und war jedes Mal wieder überwältigt, wie dieser kleine Friedhof, umgeben von einem immer noch aktiven Hafen so unglaublich still sein kann. Man geht nur ein paar Stufen hoch, ein paar Stufen hinunter und schon ist da diese einnehmende Stille. Die Welt dort ist eine ganz andere. Wer noch nicht dort war, kann es wohl nicht verstehen. Aber manchmal habe ich Hoffnung: Vielleicht finde ich sie ja dort endlich wieder. Vielleicht hilft es ja auch, für eine halbe Stunde auch nur einer dieser Namenlosen zu sein, nichts zu sagen und der Stille den Vorrang zu geben. Vielleicht wird ja mein Sausen endlich mal wieder diese Stille respektieren.

Ich glaube es nicht.

In Wahrheit ist es verrückt: Je lauter er wird, desto leiser werde ich. Ich werde zum stillen Beobachter Wiens, werde zum schweigenden Seher, zum lautlosen Denker. Und in Wahrheit kreischt es in mir und ich schreie dieses Sausen an, werde wütend, spüre Hass und hab schon einmal dran gedacht, mir einfach das Trommelfell zu zerstören. Nur um Sekunden später die Erkenntnis zu haben: Danach wäre ich wohl taub, aber der Tinnitus wär wohl immer noch da.

Manchmal ist Wien ganz still. Nicht für mich, aber für so viele andere. Früher habe ich diese Stille nie gemocht. Heute sehne ich mich an manchen Tagen nach nichts mehr.

Ich würde es ja ehrlich umarmen, dieses stille Wien.
So ganz allein, auf meiner Parkbank.

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