Joël Adami • Postapokalyptischer Wortheld

Wer bist du und wenn ja, warum?“

Ich heiße Joël, bin Mitte Zwanzig und stamme aus Luxemburg, lebe aber mittlerweile seit einigen Jahren in Wien. Hergekommen bin ich zum Studieren.

Wie ich so geworden bin, wie ich jetzt bin, lässt sich – zumindest für die letzten zwölf Jahre – in meinem Blog nachlesen. Mein Archiv zu lesen ist immer eine Reise in meine eigene Vergangenheit, oft in Zeiten, an die ich mich kaum erinnern kann, über die ich jedoch sehr akribisch, wenn auch oft kryptisch, Buch geführt habe.

Und wie viel davon steckt in deinen Texten?

Sehr viel. Viele meiner Texte sind autobiografisch, aufgeschriebene Träume oder einfach Beschreibungen einer Gefühlslage. Dann gibt natürlich auch Texte, die nicht so viel mit mir zu tun haben, mich nicht behandeln, aber die könnte ich ohne meine eigenen Erfahrungen auch nicht schreiben.

Seit wann und warum schreibst du eigentlich?

Ich schreibe, seit ich es kann – oder behaupte das zumindest gerne. Als mein Blog 2011 zehn Jahre alt wurde, habe ich versucht, eine Art Rückblick auf „Zehn Jahre Schreiben“ zu machen und dabei festgestellt, dass die ersten ernstzunehmenden Texte 2002 entstanden. Ernstzunehmend in dem Sinn, dass ich es durchhielt, zumindest eine kurze Fortsetzungsgeschichte zu schreiben. Inhaltlich und sprachlich ist das, was ich damals geschrieben habe nicht gut. Es bleibt dennoch online, weil es eine Geschichte erzählt – meine. Ich fände es auch ein wenig unehrlich gegenüber meinen jüngerem Selbst, die Sachen zu depublizieren, die „er“ damals schrieb.

Was macht dich sprachlos?

Öfters mal die Situation, gerade in einer Sprache gedacht und dann in einer anderen reden zu müssen. Mit vier Sprachen ist das jonglieren dann doch nicht mehr so einfach.

Und dann natürlich die Angst, schlecht zu schreiben und es nicht zu merken. Leider lähmt mich das manchmal, obwohl ich – glaube ich zumindest – am Besten schreibe, wenn ich einfach so drauf lostippe.

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Fotograf: Phil

Wo befindet sich dein kreativster Ort?

Ich habe natürlich versucht, in Cafés zu schreiben, weil ich wie alle jungen Autor_innen nach J.K. Rowling auch berühmt und reich werden wollte, und die Anfänge von Harry Potter wurden der Legende nach ja auf Papierservietten … Ich glaube, es gibt Orte, an denen ich mich inspirieren lassen kann, und das können Kaffeehäuser oder Straßenbahnen oder Straßenschluchten sein und es gibt Orte, an denen sich gut schreiben lässt, das ist für mich meistens ein Ort, an dem ich laut Musik hören und schnell auf eine Tastatur eindreschen kann, meistens also ganz profan mein Zimmer.

Wer oder was inspiriert dich?

Ich versuche, meine Umwelt genau zu beobachten, mir interessante Geschichten zu merken und auf absurde Details zu achten. Die meisten Ideen entstehen aus solchen Kleinigkeiten, auch wenn sie sich als „Geistesblitz“ entfalten, sie brauchen sozusagen Vorarbeit.

Natürlich versuche ich auch viel zu lesen, Filme und Serien zu schauen, um zu lernen, was andere machen und zu sehen, was ich anders machen würde.

Wie viele Entwürfe verstecken sich in deinem Blog?

Elf. Die meisten davon sind nur sehr kurze Absätze. Eine Zeit lang habe ich die Entwürfe als Traumtagebuch benutzt, also ohne Absicht, sie je ohne größere Bearbeitung zu veröffentlichen. Zwei bis drei halbfertige Artikel gibt es auch.

Bist du kreativer, wenn du glücklich oder wenn du traurig bist?

Ich bin am kreativsten, wenn ich den Drang verspüre, zu schreiben. Das kann von fast jeder Gefühlslage begleitet werden. Negative Gefühle lösen diesen Drang aber eher aus.

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Fotografin: Lee

Was ist dein ganz persönlicher, selbst geschriebener Herzenstext?

Grundsätzlich alles, was ich unter „Project:SEELE“ kategorisiert habe, ganz besonders aber ################################# und Wolkendecke.

Welche drei literarischen Blogger möchtest du empfehlen?

Poscoleri: http://poscoleri.wordpress.com/

Thierry: http://www.sadautumn.com/

Florence: http://florencesunnen.wordpress.com/

Mir würden natürlich noch einige mehr einfallen, in meiner Blogrollverstecken sich viele Perlen.

Eine der schönsten Seiten auf deinem Blog nennt sich „Kuchenbaum“, eine wundervolle Fortsetzungsgeschichte, welche zwischen 2007 und 2009 entstanden ist. Ist diese Geschichte für dich abgeschlossen oder kommen eventuell fünf Jahre später wieder neue Teile?

Danke für das Lob! Eigentlich würde ich „Kuchenbaum“ gerne fertig schreiben. Ich weiß mittlerweile auch schon, worauf die Geschichte hinauslaufen wird, ich müsste es nur schreiben. Je länger ich warte, umso schwieriger wird es. Der jüngste Teil ist aber nicht so alt: Dreadlocks im Stroboskoplicht habe ich 2011 geschrieben.

Für Ina und Zoë haben mir in den letzten Jahren schlicht die Zeit gefehlt – wenn ich dann mal geschrieben habe, dann eher kürzere Texte. Vielleicht wird 2014 ja das Jahr, in dem Kuchenbaum fertig wird!

Du studierst und bloggst, seit du 14 bist (seit 2001). Bist Radiomoderator beim einzigen freien Radio Luxemburgs und machst einen Podcasts. Bist bei einer Autor_innenbewegung und bist auch auf einem Audiobuch zu hören … und bist in der Redaktion der ÖH-Zeitung „progress“. Da frage ich mich: Wie bekommst du all das unter einen Hut?

Nicht immer so gut, mit dem Studium brauche ich ja etwas länger als ursprünglich geplant. Meine wöchentliche Radiosendung produziere ich relativ routiniert, die Arbeit am progress ist zwar eine kontinuierliche, aber so richtig stressig ist es nur in der Produktionsphase. „les jeunes mélancholiques“ (http://www.lesjeunesmelancoliques.org/) sind nicht mehr aktiv, wobei wir eine Abschlusslesung planen.

Seit ich studiere, blogge ich deutlich weniger. Anfangs hatte das wohl auch mit #unibrennt zu tun, heute ist es oft auch einfach der Zeitfaktor. Ich habe mir aber vorgenommen, wieder öfters zu bloggen und dafür z.B. weniger Blödsinn auf sozialen Netzwerken zu schreiben.

Was mir an „enjoying the postapocalypse“ am Besten gefällt: Du schreibst Literarisches und über Politik, schreibst Politisches und über Literatur – eine Mischung, die oft nicht passend wirkt, bei dir aber wunderbar funktioniert. War für dich die Mischung immer schon klar, oder hattest du eine ganz andere Form von Blog im Sinn?

Ich habe mich am Anfang nicht hingesetzt und gesagt „so soll mein Blog werden“. Ich kannte sehr wenige andere Blogs und fand die Idee, öffentlich eine Art Tagebuch zu führen, einfach reizvoll. Idealerweise ist mein Blog mein Logbuch, in das ich meine Gedanken zu Politik, zu Büchern, der Musik und den Serien, die mich inspirieren und meine eigenen Texte aufzeichne – ein Weblog im ursprünglichen und besten Sinne. Großes konzeptuelles Vorbild ist bens blog „anmut und demut“(http://anmutunddemut.de/).

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