Martin Peichl • Wortheld Dezember 2016

Ich hole sie vor den Vorhang: Wer sind diese Worthelden, die mich mit ihren literarischen Texten auf ihren Blogs verzaubern? Diesmal hat Martin mit seinen Verschreibungen meine zehn Wortheld-Fragen beantwortet.

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Wer bist du und wenn ja, warum?

Auf Twitter habe ich unlängst geschrieben: „Ich lebe 3 bis 5 Leben und keines davon hab ich im Griff.“ Das trifft’s ganz gut.

(Ergänzend sollte man vielleicht noch eine Freundin von mir zitieren, die mich einmal als polydeppert bezeichnet hat. Auch das passt.)

Und wie viel davon steckt in deinen Texten?

Ich denke meine Texte sind insgesamt eher nah dran an mir oder zumindest einer Version von mir. Ich brauche diese Nähe zu dem, was ich schreibe. Aus der Distanz gelingen mir nur lauwarme Beschreibungen. Natürlich schiebt sich die Sprache dazwischen, es passiert ein Poetisieren, an Anprobieren von Formulierungen, ein Verkleiden der Gedanken bzw. der eigentlichen Geschichte. Zwei liebe Freundinnen kritisieren das auch gerne an meinen Texten, weil sie mich besser kennen und wissen, dass ich mich oft hinter meiner Sprache verstecke und dadurch manche Geschichten nicht oder nur sehr fragmentarisch erzählt werden.

(Aber insgesamt bin ich bei der Frage ganz bei Roland Barthes und beanspruche eine ganz klare Trennung von Autoren-Ich und Erzähler-Ich. Wenn die Texte einmal fertig sind, brauchen sie den Autor bzw. mich als Bezugspunkt nicht mehr.)

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Seit wann und warum schreibst du eigentlich?

Warum ich schreibe? Weil es für eine Rockstar-Karriere nicht gereicht hat. Und ich zu viel Californication geschaut habe.

Das war die kurze Antwort. Hier die etwas längere:

Es gibt diesen schönen Satz: Alles, was man schreibt, ist auch eine Liebesgeschichte. Wahrscheinlich schreibe ich seit ich mich das erste Mal verliebt habe. In der Unterstufe waren das Fantasy-Romane (kein einziger davon ist fertig geworden) und in der Oberstufe dann Kurzgeschichten.

Eine dieser Kurzgeschichten mit dem Titel „Mein Besuch“ gab ich meiner damaligen Deutschlehrerin. In der Hoffnung, irgendeine Art Feedback zu bekommen, irgendwas. Sie hat sich bedankt und den Text danach nie wieder erwähnt. Da ich auch in sie ein wenig verliebt war, hat mir das damals mein Oberstufenschülerherz ziemlich zerdeppert.

Die nächste intensive Schreibphase hatte ich dann in Wien während meines Studiums. Rückblickend betrachtet war viel davon einfach nur Prokrastinieren. Immerhin sind zwei Gedichtebände dabei rausgekommen und einige kürzere Texte. Die Gedichte habe ich großzügig verschenkt, aber nichts davon habe ich veröffentlicht.

Intensiv schreibe ich erst wieder seit 2015. Da habe ich Twitter entdeckt und war wieder einmal verliebt. (Ein Motiv, das sich wiederholt anscheinend.) Jedenfalls verwende ich seit damals Twitter als Notizbuch und veröffentliche dort alle möglichen Texte und Entwürfe, unter anderem auch meine „Bierdeckelgedichte“. Das Schöne an Twitter ist, dass ich dort auch viele neue Menschen kennengelernt habe. Zum Teil sind sogar Freundschaften entstanden.

Seit 2016 reiche ich meine Texte auch bei Wettbewerben ein bzw. haben im Dezember meine ersten Lesungen stattgefunden. Das ist auch der Plan für 2017: Viel schreiben, viel lesen.

Warum Lesungen? Es sind die Freigetränke. Ich gebe es zu.

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Was macht dich sprachlos?

Die politische Entwicklung, nicht nur in Österreich, sondern insgesamt hat mich lange Zeit sprachlos gemacht. Ich wusste nicht mehr, wie ich reagieren sollte auf diesen Nicht-Diskurs auf diesen Aneinander-Vorbei. Mittlerweile habe ich auch wieder eine politische Sprache.

Abschiede machen mich im ersten Moment auch immer sprachlos. Wenn Menschen verschwinden. Da brauche ich oft Tage oder Wochen oder Monate, um meine Gefühle irgendwie in eine adäquate Sprache zu bringen. Das verstört manche, die mein Nicht-Reagieren als kühl oder emotionslos empfinden. Dabei ist Sprachlosigkeit eine unglaublich starke und ehrliche Emotion. Man kann sie aber mit niemandem teilen, das ist ein Problem.

Meine größte Sprachlosigkeit aber ist wahrscheinlich der Tod. Er kommt als Thema immer wieder in meinen Texten vor, aber ich habe keine Sprache für ihn.

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Wo befindet sich dein kreativster Ort?

Orte, die meine Kreativität kanalisieren, sind Bibliotheken und Bars.

Ich bin zum Beispiel sehr gern in der Wiener Hauptbibliothek am Urban-Loritz-Platz. Da find ich immer Texte, die mich inspirieren und mich zum Schreiben bringen.

Bei mir im 4. Bezirk geh ich regelmäßig in mein „Schreiblokal“ arbeiten. Unter der Woche ist dort am späten Abend meistens wenig los, aber noch genug Stimmung. Dort sind viele meiner Bierdeckelgedichte entstanden.

Wer oder was inspiriert dich?

Inspiration durch andere Autorinnen und Autoren ist ein schwieriges Thema. Früher war ich sehr begeistert von Thomas Bernhard und Peter Handke bzw. von ihrem Stil sehr eingenommen. Dementsprechend war mein Schreiben stark beeinflusst von den beiden, so stark, dass ich meinen eigenen Stil nicht finden konnte.

Ich liebe es nach wie vor, intertextuelle Bezüge herzustellen, glaube auch, dass man sich irgendwo immer anlehnt, bewusst oder unbewusst. Sehr bewusst habe ich mich in der letzten Zeit mit Friederike Mayröckers Werk auseinandergesetzt und ihr auch einen Text gewidmet. Sie ist für mich eine der faszinierendsten Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur.

Was mich aber fast noch mehr inspiriert, sind Songs und Songtexte. Oft ist es eine Zeile, eine besonders schöne oder markante Formulierung, die bei mir einen ganzen Text triggern kann.

Meine mit Abstand größte Inspirationsquelle sind aber ganz eindeutig Menschen. Die Menschen in meinem Freundeskreis, in meinem näheren Umfeld oder auch Menschen, denen ich zufällig begegne.

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Wie viele Entwürfe verstecken sich in deinem Blog?

Mein Blog ist ein einziger Entwurf. Eine Baustelle. Die meisten meiner Texte poste ich nicht. Weil ein Text für mich nie fertig sein kann. Da gibt es immer Aktualisierungsbedarf. Und wenn es nur ein Beistrich ist, der nicht mehr passt und mit einem Punkt ersetzt werden muss. Weil es das neue Gefühl verlangt.

Bist du kreativer, wenn du glücklich oder wenn du traurig bist?

Wenn ich verliebt bin, schreib ich die schlechtesten Texte. Das merk ich aber erst später, wenn es mit dem Verliebtsein wieder vorbei ist. Also versuche ich aus diesem Gefühl heraus nicht zu viel zu schreiben, sonst muss ich im Nachhinein einiges löschen. Ich bin dann kreativ, wenn mich jemand oder etwas tatsächlich berührt, also ein Mensch oder ein Thema mir unter die Haut geht, sich mir unter die Zunge schiebt. Mein großes Glück ist, dass ich auch in meinem Beruf (bzw. Berufen) sehr kreativ sein darf und muss.

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Was ist dein ganz persönlicher, selbst geschriebener Herzenstext?

Vor Kurzem hätte ich wahrscheinlich noch gesagt „Screenshot“, meine Einreichung für den Münchner Kurzgeschichtenwettbewerb 2016 (kann man hier online lesen: http://www.zuendeln.de/?p=6682). Aber der Text stimmt nicht mehr, die Person, um die es geht, gibt es nicht mehr, sie war vielleicht auch nur eine Erfindung von mir. Ein klassischer Fall von „I just made you up to hurt myself“, um es mit Nine Inch Nails zu sagen. Im Grunde geht es in dem Text um einen Rechenfehler.

Ein sehr persönlicher und wichtiger Text ist mein Beitrag für „1000 Tode schreiben“ (https://verschreibungen.wordpress.com/2016/12/18/1000-tode-aktualisiert/). Er ist meinem 2010 verstorbenen Vater gewidmet.

Welche drei literarischen Blogger möchtest du empfehlen?

1) Lisa Wurzinger. Ich bin erst unlängst auf ihren Blog aufmerksam geworden, habe mich aber sehr schnell in ihre Text verliebt. Link: https://liawriting.wordpress.com/

2) Katkas Blog „Katkaesk“. Wir sind befreundet, obwohl sie mich schon persönlich kennengerlernt hat. Link: http://katkaesk.com/

3) Sarah Berger / milch_honig. Sarahs Texte auf Twitter haben mich von Anfang an sehr inspiriert. Ich bin nach wie vor ein Fanboy. Link: https://milchhonig.wordpress.com/

Martin Peichl • Blog • Twitter

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