Herr Leitner und seine tierischen Ängste

Ich bin ja grundsätzlich ein sehr mutiger Mensch. Angstschweiß tritt bei mir nur in ganz brenzlichen Situationen auf: Zum Beispiel bei einer überfordernden Autofahrt im Stadtverkehr von Wien, vor wichtigen Telefonaten oder wenn mich wieder einmal Panik überkommt, weil ich nicht mehr weiß, ob ich die Toilettenspülung betätigt habe. Und dann gibt es noch meine Angst vor ganz bestimmten Tieren. Dabei handelt es sich nicht um außergewöhnliche, seltene Tierchen (Verdammt, natürlich habe ich vor einem Löwen Angst!), sondern um Lebewesen, die einem tagtäglich begegnen können.

Hund

Da gäbe es zum Beispiel den Hund. Oder besser gesagt: Den bellenden Hund. Oder auch: Der Hund, der bellt, wenn ich so gar nicht darauf vorbereitet bin. Woher diese Angst kommt? Wahrscheinlich weil Hunde die einzigen Haustiere sind, die einen zu zerfleischen vermögen. Also nicht jeder Pudel, aber so manch verrückter Kampfhund (von einem noch verrückteren Kampfhundbesitzer) seh ich eben schon als potentielle Gefahr an. Und einmal, als Kind, haben wir meinen Opa im Krankenhaus besucht. Meine Schwester, mein Cousin und ich sind an diesem warmen Sommertag über den Parkplatz gelaufen, bis ein Schäferhund (Marke: Kommissar Rex) mich ansprang. Und mir einen Quadratzentimeter T-Shirt herausbiss (oder besser gesagt: -zwickte). Die Verletzung war eindeutig nebensächlich, der Schock dafür umso größer. Und so verharre ich seither bei bellenden Hunden erstmal in der Fötusstellung am Boden, bis irgendjemand kommt und den Hund am Halsband festhält.

Ratte

Dann kämen wir zu den Ratten. Lernt man eigentlich als Kind schon die Assoziation, dass Ratten etwas Ekliges, etwas Unreines sind? Vielleicht sind es die ganzen Pest-Geschichten und der offenbar bevorzugte Wohnort dieser Tiere, die in mir eine große Angst entstehen ließen. So groß, dass ich einmal den Biomüll bei meiner Oma auf den Misthaufen trug, und schließlich kreidebleich und ohne Biomülleimer zurückgekehrt war. Und alles nur wegen einer Ratte, die sich mir vorstellte. Mäuse hingegen sind für mich nicht mal der Rede wert. Als meine Schwester mal mit drei kleinen Mäusen nach Hause kam und sie beschloss, sie als Haustiere zu halten, fand ich das zwar komisch, aber nicht unbedingt ekelhaft. Ekelhaft fand es dann aber meine Schwester, als sie eines Nachts von über ihr Gesicht trippelnde Mäusefüßchen geweckt wurde. Der Unterschied besteht wohl daran, dass ich – so brutal es auch klingt – zum Töten einer Maus meine Ferse benutzen könnte, oder (bei kleinen Spitzmäusen) mit etwas Anstrengung auch nur meine große Zehe. Für eine Ratte bräuchte ich aber hingegen eine riesige scharfkantige Schaufel, oder gar einen Autoreifen, der an ein tonnenschweres Auto angeschraubt ist.

Fledermaus

Der letzten tierischen Angst geht leider eine traurige und auch etwas komische Geschichte voraus. Ich war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, war wirklich kein dummes Kind, aber als der Nachbarsjunge (3 Jahre älter) und ich ein komisches Lebewesen verkehrt herum in der Holzhütte vom Dach hängen sahen, erkannten wir darin ein Monster. Und nicht, wie man sie landläufig bezeichnet, eine Fledermaus. Ich hatte bis dahin sicher schon Bücher gelesen oder durchgeblättert, in denen es um Fledermäuse ging, aber so in echt, in vollkommenem Schwarz gekleidet, von der Decke hängend, war es mir zu mysteriös. Mein Freund und ich gehören wohl zur Kategorie Serienkiller, denn für uns war klar: Wir mussten das Unding töten. Und haben es dann, mit einem Stock oder einem kleinen Kescher erst vom Dach geholt und dann erschlagen. Der erste Mord, als ich gerade erst in der Volkschule war. Auch nicht schlecht. Als meine Mama uns später erklärt hat, was das war und warum das blöd war und warum diese Tiere so toll sind, tat es mir natürlich sehr leid. Aber das ist wie mit der Aufklärung: Wenn man es erst im Nachhinein erfährt, bringt es einem natürlich nicht mehr so viel.

Fledermäuse sehe ich seither als bewundernswerte Tiere an. Und trotzdem: Ich glaube, dass die getötete Fledermaus noch schnell mittels Echolot eine genaue Personenbeschreibung an ihre Freundinnen und Freunde geschickt hat. Und sie mich seither suchen. Deshalb gehe ich ungern unter einer Brücke durch, meide Unterführungen und habe stets Angst, dass sie sich irgendwo in meinen Haaren verheddern und mir dann die Schädeldecke abreißen. Wobei … das hätte ich nach meiner Tat in meiner Kindheit wahrscheinlich sogar verdient.

Bildquelle: (1) NamensnennungWeitergabe unter gleichen Bedingungen Bestimmte Rechte vorbehalten von Marius Brede (2) Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von äquinoktium (3)Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von USFWS Headquarters

Ein Kommentar

  1. Schöne Story, habe ich mit Vergnügen gelesen – ich habe mich früher nicht einmal vor zähnefletschenden Hofhunden gefürchtet. Seit aber ein Kampfhund in der Nähe von Zürich ein Kind totgebissen hat, bin ich zur bekennenden Hunde-BesitzerHasserin geworden. Ich bin der Meinung, dass diese Leute durch die unsachgemässe Behandlung ihrer herzigen Anhängsel den öffentlichen Raum übernutzen und potenziell kriminell sind. Nun, es hat sich in den letzten Jahren ein bisschen was verbessert, und gegen die Hunde selber, nein, gegen die habe ich rein gar nichts. Die finde ich oft sogar sehr liebenswert.

    Bei Ratten glaube ich, dass Urängste im Spiel sind. Mein Vater war ein Bauernbub und wusste schauderhafte Geschichten über Ratten zu erzählen: Wie sie den Mastschweinen in der Nacht im Stall jeweils ganze Stücke Fleisch aus den Flanken frassen. Und wie sie sich zu mächtigen Rattenzügen formieren konnten, wenn sie von einem Stall zum anderen zogen. Als ich jung war, begannen Punks, Ratten als süsse Haustiere zu halten. Als Bürgerschreck-Geste verstand ich das. Aber mitmachen?! Uuuääää, auf keinen Fall!

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