Der erste Zug nach Hause.

Tag 62 der #sommerworte. Es ist vollbracht. Und als Belohnung gibt es als zweiundsechzigsten Beitrag erste Einblicke in mein Buch Volle Distanz. Näher zu dir. Frisch lektoriert und somit erstmals vollständig von mir überarbeitet. Danke fürs Dabeisein und viel Spaß.

VolleDistanzNäherzuDir

Der Herbst versprüht wirklich diese Atmosphäre des Niedergangs. Das Ende einer Epoche, den Abbruch der Welt. Warum gibt es eigentlich eine Winterdepression, aber vorm Herbst spricht kaum jemand? Er ist es doch, der alles zu einem Ende bringt, der Winter verwahrt das Verwüstete doch nur unter glühendem Weiß. Die Leere beginnt doch schon Monate vorher.

Sechs Mal. Ich habe mitgezählt. Ich habe jedes einzelne Mal wieder schmerzhaft ein Häkchen in meinem Kopf gemacht. Sechs Mal ist Noah seither nicht mehr aufgetaucht. Hat mich sitzen gelassen, völlig alleine, in diesem Zug. Und ich habe doch immer wieder den Platz neben mir, seinen Platz, für ihn freigehalten. Habe ihn verteidigt, gegen alle Neuankömmlinge, und dafür nicht zu selten strafende Blicke geerntet. Aber was, wenn er doch noch zusteigt. Wenn er mich, trotz allem ganz einfach überraschen möchte. Wenn er mich einfach nicht gefunden hat, und immer noch durch den langen Zug irrt, nur um dann, endlich, neben mir Platz zu nehmen.

Und so hängen wir beide fest in einer ausweglosen Situation. Mein Optimismus ist verflogen, jede Zuversicht fehlt. Die Momente des Schweigens zwischen uns machen all das noch umso schlimmer. Doch zum Sprechen fehlen mir die Worte, die Antworten, die hoffnungsvollen Gedankenexperimente. Sind wir hier an einem Ende angelangt? Haben wir uns endgültig in eine Sackgasse manövriert? Trauen uns nicht mehr zu, das Besondere zu retten?

Man belügt sich nur selbst. Das ist wahrscheinlich die Hauptaufgabe im Leben. Sich Tag für Tag selbst zu belügen, im positiven wie im negativen Sinne.

Wir küssen uns. Die beste Erfindung, seit man die platonische Liebe verboten hat. „Es ist schön, dass du hier bist.“

Manchmal gibt es eben doch ein Happy End. Selbst wenn ich mich dabei viel zu gefährlich fallen lasse. Ohne zu wissen, wie ich da wieder alleine herauskommen soll, wenn irgendwann vielleicht alle Stricke reißen.

„Dass, egal wo ich sie sehe, mit wem ich sie sehe, oder wenn sie auch einfach nur mal im Facebook-Feed auftaucht. Ich bekomme trotzdem irgendwie immer ein Kribbeln. Manchmal ungut, manchmal angenehm. Obwohl ich doch eigentlich damit abgeschlossen habe. Das verstört mich und lässt in mir die Angst keimen, dass ich möglicherweise doch noch nicht ganz darüber hinweg bin.“
– „Ach, Noah, mach‘ dir da keine Sorgen. Das gehört dazu. Mit jeder Liebe, mit jeder Beziehung bricht ein kleines Stück des eigenen Herzens ab und wird automatisch dem anderen geschenkt. Das passiert, ohne dass du es merkst. Und immer wenn du die andere Person wieder einmal siehst, spürst du das Stückchen deines Herzens in ihrer Brust klopfen. Das ist es vielleicht, was du vermisst. Dass ist vielleicht, warum man vergangene Lieben so schwer abschließen kann: Weil man in Wahrheit nicht diese Person vermisst, sondern sich selbst, wie man damals war.“

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