Schau mich an.

Fallen_Leaves_by_facella

Zeit vergeht. Zeit verfliegt.
Zeit kommt. Rat nicht so wirklich.
Zeit steht.

Für den Einen ist es bloß eine Sekunde, für einen Anderen gerade ein Moment. Ein
Augenblick. Einer von vielen. Vielleicht der wichtigste von allen. Sechzig Minuten,
vierundzwanzig Stunden, dreihundertfünfundsechzig Tage, ein Leben. Heute war, was
morgen nicht mehr ist und übermorgen sein kann. Wir haben Zeit. Wir nehmen Zeit.
Wir geben Zeit. Nur noch zehn Minuten bis ich aufstehe. Komm, wir treffen uns in einer
Stunde. Wo ist denn schon wieder die ganze Zeit hin? Hab ich was verpasst? Hab ich
Dich verpasst? Schlimmer: habe ich mich verpasst? Verloren? Wieso falle ich eigentlich,
wenn ich grad noch aufrecht stand? Ich hab doch keine Zeit. Natürlich hast Du Zeit – Du
nimmst sie Dir bloß nicht.

Irgendwas beginnt, irgendwas endet.

Endet es denn wirklich? Vergeht nicht nur eine messbare Zeit, die Distanz schafft? Die
den Tag, der einst war, in Nebel hüllt? Erinnere Dich. Erinnere Dich wirklich. Erinnerst
Du Dich an das Ereignis oder nur an die Erinnerung des Ereignis? Ist es wirklich so
passiert? Wie viele Minuten standest Du still? Warum ging es vorbei? Warum konnte es
nicht bleiben? Vielleicht sollte es nicht bleiben. Alles passiert genau dann, wann es
passieren muss. Waswärewenn bekommt keinen Raum zur Existenz. Es bleibt bloß ein
Gedanke, tief verwoben zwischen Gehirnzellen und Illusionen. Waswärewenns
zerbrechen Köpfe, zerbrechen Herzen. Denn, was wäre wenn, es nicht geendet hätte?
Und was wäre wenn, es nie begonnen hätte? Und was wäre wenn, alles anders wäre. Sag,
hast Du die Realität verpasst?

Sekunden.
Sekunden, die rasen.

Ich laufe so schnell. Und meine Worte, meine Worte, die laufen nur noch schneller und
schneller. Zwischen Kopf und Tastatur. Meine Finger, die sind schon längst zu langsam.
Ich weiß nicht, wo ich stehen bleiben kann. Denn, wo bleibt man stehen, wenn die Welt
sich ständig dreht? Und weißt Du eigentlich, wo wir am besten anfangen? Wo fangen
Anfänge an? Wo enden Enden? Warum enden Anfänge? Ich weiß es doch auch nicht.
Und alles hat seinen Sinn – ich weiß nur nie genau welchen, aber die Zeit, die Zeit gibt
mir oft viel Raum für eine bessere Sicht. Morgen, übermorgen, vielleicht auch erst in drei
Jahren. Zeit, Zeit ist das, was verhindert, dass alles auf einmal passiert. Zeit gibt allem
Raum. Hier ein Moment, da ein Augenblick, dort eine Ewigkeit. Da hinten, da explodiert
ein Traum, dort zerbricht ein Leben, dazwischen steht alles still und hält den Atem an.

Schau mich an.
Aber schau mich bitte nicht so an.

Ich kann das alles nicht. Vielleicht trau ich es mir auch nur nicht zu. Wer weiß das
schon. Ich natürlich. Aber erwarte nichts von mir. Ich erwarte selbst schon viel zu viel.
Ich wollte schon immer höher, weiter, schneller. Vielleicht irgendwann. Ich hab ja noch
Zeit. Der eine Traum? Ach, den erfüll ich mir schon noch. Versprochen. Ich hab ja noch
Zeit. Bitte. Lass das. Schau nicht so. Ich weiß doch auch. Ich weiß doch nichts. Außer,
dass wir nie so viel Zeit haben, wie wir glauben zu haben und doch glauben wir, dass wir
noch genug haben. Ich weiß es doch auch nicht wie viel. Ich weiß nur, dass sie viel zu
wenig ist, aber dass sie reicht. Denn was wir an Zeit haben, das muss reichen, auch wenn
sie nie reicht.

Ich hätte noch gerne etwas mehr gehabt.
Nur etwas mehr Zeit.

Der Sommer, der Sommer ist zu Ende. Sonst ist auch so einiges zu Ende. Und in diesen
kleinen Intervallen zwischen den Sekunden, da spür ich mich. Und es! Es? Es lächelt.
Und es zwinkert mich an. Es fängt an. Es fängt immer wieder an. Und es dreht sich im
Kreis um mich herum. Es ist schön hier. Hier im Jetzt. Es ist alles so viel leichter. Wie der
letzte Sommertag im Jahr. Es ist schon etwas Herbst, aber die Sonne kitzelt noch Deine
Nasenspitze. Und das Laub, das wird langsam bunt. Und alles fängt von vorne an.

Komm!
Alles auf Anfang, alles von vorne.
Nur nie so ganz.
Trotzdem immer anders.


IMG_0312Ashley Winkler

Meine Gedanken sind seit 27 Jahren wirr. Aktuell wirren wir zusammen durch Wien. Koffeinierte Grafikdesignerin am Tag, abenteuerlustige Autorin bei Nacht. Ich brauche Worte und Kaffee, aber vor allem Menschen und dieses Kribbeln im Bauch. Mehr von mir gibt’s auf viennella.com oder auf Twitter & Instagram. Oder bei einer Tasse Cappuccino im Lieblingscafé.

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