Der Weiderost.

Beim Reden kommen die Leut zamm, sagt man. Oft sind die banalsten Geschichten am interessantesten und schönsten, wenn man sie sich nur zu Herzen nimmt. Deswegen höre ich Leuten immer gern zu, wenn sie Geschichten erzählen. So auch diesen Sommer im Urlaub.

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Es war einmal ein Landwirt in Süden Cornwalls, der es sich auch im fortgeschrittenen Alter nicht nehmen ließ, selbst die Geschicke seines Bauernhofes zu leiten, auch wenn sein Sohn schon längst ein erwachsener Mann war. Selbst mit fast 80 Jahren beaufsichtigte er jeden Tag das Melken der Kühe, tuckerte mit dem Traktor über die idyllischen Felder hoch oberhalb der Klippen und betreute auch die finanziellen Aspekte der Landwirtschaft. Irgendwann ging es allerdings mit seiner Gesundheit bergab, und obwohl er noch vollkommen klar im Kopf war, ließen seine gealterten Gelenke keine körperlichen Tätigkeiten mehr zu. Er beschränkte sich also darauf, seinem Sohn, dem nunmehrigen Landwirt, Ratschläge zu geben. Nicht immer wurden diese Ratschläge befolgt, und manchmal ärgerte sich der Alte darüber, doch im Großen und Ganzen war er mit der nunmehrigen Führung der Landwirtschaft zufrieden. Nur ein Projekt hatte er sich in den Kopf gesetzt: einen Weiderost auf der Landstraße, die vom Bauernhof zur Hauptstraße führte. Sein Sohn war stets dagegen und erachtete so ein Viehgitter als sinnlose Investition, doch der Alte beharrte darauf, denn er wollte nicht, dass sich eine Kuh auf die Hauptstraße verirren könnte. Mehrere Jahre diskutierten Vater und Sohn über das Thema, der Vater war schon fast 90 Jahre alt, und immer noch beharrte er auf die Installation eines Weiderostes. Eines Tages stimmte der Sohn dann endlich zu, und es dauerte nicht lange, bis die Arbeiten begannen. Der Alte, mittlerweile fast nicht mehr gehfähig, ließ sich jeden Tag zur Baustelle bringen, um den Fortschritt zu begutachten. Irgendwann war der Weiderost dann fertiggestellt. Der Alte wurde mit dem Auto dorthin gebracht und blickte stolz auf, wie er meinte, „seine“ Errungenschaft. Im Hintergrund rauschte der Atlantik, die Wellen schlugen gegen die Klippen und der Wind brauste dem Alten um die Ohren. Zufrieden nickte er und blickte auf sein Lebenswerk – den Bauernhof – und den Weiderost, den er gewissermaßen als Krönung des Ganzen sah. Er stieg in das Auto und meinte, er wolle nun mit dem Auto einmal über den Weiderost gefahren werden. Der Sohn fuhr das Auto einmal hin- und retour und brachte seinen Vater dann zurück zum Haus. Er half ihm zurück ins Wohnzimmer, und bevor er in die Küche ging, um zwei Schalen Tee zu holen, setzte er den Alten in dessen Lieblingsstuhl. Als der Sohn mit dem Tee zurück ins Wohnzimmer kam, war sein Vater tot.

Was die vielzitierte „Moral“ dieser (wahren) Geschichte ist, muss wohl jeder für sich selbst herausfinden. Vielleicht soll man daraus lernen, dass es sich lohnt, immer für seine Meinungen und Ideen einzutreten. Oder dass man keine Angst vor dem Tod haben soll. Auf jeden Fall aber kann man anhand dieser Begebenheit erkennen, dass man die kleinen Dinge im Leben nicht ignorieren sollte – denn oft sind sie es, die die größte Freude bereiten.


Stefan HechlStefan Hechl

An chronischem Fernweh leidender twenty-something, der seine abstrusen Gedanken gelegentlich in Worte verpackt, zu lesen auf There and back again.

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