Was vom Tage übrig blieb

WasvomTageübrigblieb

Warum erinnert man  sich am Ende eines Sommers eigentlich immer nur an laue Sommernächte in Strandbars, an gemütliche Grillabende im Freien, an den einen perfekten Badetag am See? Warum vergisst man die verregneten Abende, an denen man doch nicht zum Freiluftkino geht, die Allergieschübe, die unbarmherzige Sonne, die jeden Spaziergang in der urbanen Betonwüste zur Tortur macht? Warum finden wir auf einmal nicht alles scheiße, sondern blicken nostalgisch zurück und hoffnungsvoll dem nächsten Sommer entgegen? Sind wir disponiert zu glauben, dass sich alles zum Guten wendet, glauben wir deshalb auch blauäugig Wahlversprechen und Werbebotschaften? Und an Pensionsvorsorge?

Es ist Sommer, und das ist ein Vorwand, um weniger zynisch und weniger kritisch zu sein und stattdessen Eistee zu trinken und Beach Boys zu hören. Die bösartigen, negativen Gedanken werden in einem Sommerloch verstaut und man findet noch eher Gefallen daran den nächsten nervtötenden „Sommerhit“ zu trällern, als Griesgram zu spielen.

Exemplarisch dafür, werde ich mich nun mit dem 14. Juli dieses Jahres befassen. Das ist nicht nur der französische Nationalfeiertag, sondern ein Tag an dem die Willkür des Schicksals erst so richtig bewusst wird, ein zu gleichen Teilen erfreulicher wie unerfreulicher Tag, dessen schlechte Seiten schon bald von einem positiven Gesamteindruck erdrückt werden.

Der 14. Juli 2014 war ein Montag. Genauer gesagt, der Montag nach dem WM-Finale, dass die unsäglichen Deutschen gewonnen haben (unabhängig davon, ob sie den Titel mit ihrer sportlichen Leistung verdient haben, ist den Deutschen im Sport prinzipiell nichts zu gönnen). Die ersten Minuten dieses Tags verbrachte ich also damit, in der U-Bahn auf der Heimatfahrt vom Public Viewing Trübsal zu blasen.

Nach knapp sieben Stunden Schlaf verbesserte sich meine Laune kaum. Wegen eines vormittäglichen Zahnarzttermins, musste ich morgens von Wien in meinen Heimatort Tulln fahren. Auf meinem Weg dorthin stieß ich auf die nächste niederschmetternde Nachricht des Tages: Gert Voss war gestorben. Deutschland Weltmeister, Gert Voss tot, Zahnarzttermin, was für ein Scheißtag. Nicht dass mir Voss persönlich sonderlich viel bedeuten würde, aber er ist Vorbild und Inspiration eines guten Freundes, der womöglich niedergeschlagen auf diese Nachricht reagieren würde.

Zu meinem Zahnarzttermin schaffte ich es pünktlich (obwohl ich eine halbe Stunde verschlafen hatte) – ein erster Lichtblick des Tages. Nach einer kleinen Behandlung durfte ich jedoch danach eine halbe Stunde weder essen noch trinken – meine Vorfreude auf eine Leberkässemmel des örtlichen Fleischhauers und einen Kaffeehausbesuch wurden schlagartig gedämpft. Stattdessen verschlug es mich, aus Mangel an charmanten Buchhandlungen in Tulln, zur nächstgelegenen Niederlassung des Buchhandelgroßkonzerns meines Vertrauens. Dort belohnte ich mich für den durchgestandenen Zahnarztbesuch mit einem Buch, das schon lange auf meiner Leseliste stand und nun den Wendepunkt des Tages einleiten sollte.

Das Spinoza-Problem von Irvin D. Yalom ist zwar schon vor Monaten erschienen, aber universitäre Verpflichtungen und anderes Lesematerial, man kennt das ja, haben bisher zu einem Aufschub geführt, und das obwohl Yalom, mit seinen intelligenten Romanen über Philosophie, Psychoanalyse und Geschichte, zu meinen Lieblingsautoren gehört. So verbrachte ich die halbe Stunde bis zur wohlverdienten Leberkässemmel und dem ersten Kaffee des Tages lesend in der Sonne.

Der restliche Tag entwickelte sich einigermaßen unspektakulär: Alberto Contador musste wegen einer Verletzung nach einem Sturz aus der Tour de France aussteigen. Contador konnte ich allerdings ohnehin noch nie leiden. Am Weg zu meiner Oma testete ich die Rallyequalitäten des Autos meiner Schwester und machte mich dort über die großmütterlichen Nusskipferl her. Die längste Zeit aber verbrachte ich mit Baruch de Spinoza und Alfred Rosenberg. Yaloms Roman erzählt die Lebensgeschichte dieser zwei Männer, versucht dabei ihre Psyche zu entschlüsseln und deckt spannende Parallelen zwischen dem jüdischen Philosophen und dem NS-Parteiideologen auf. Zwar liest sich das Buch erschreckend plump (das hat vielleicht mit meinen gestiegenen literarischen Ansprüchen zu tun), aber ich konnte es dennoch nicht aus der Hand legen und bis zum Mittag des Folgetags sollte ich die rund vierhundertsechzig Seiten verschlungen haben.

Also, was bleibt vom Tage übrig? Der Cappuccino im Café Wagner am Tullner Hauptplatz, die Nusskipferl von meiner Oma, ein Lesemarathon, Sonnenschein? Ich mag den Sommer.


Rainer KienböckRainer

studiert Theater-, Film- und Medienwissenschaft und Philosophie in Wien, bloggt auf jugendohnefilm.com über Film als Kunst und vernachlässigt darüber sträflich das literarische Schreiben.

Bildquelle: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Wolkenkratzer

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