„Ich bleibe.“

Baum

„Ich bleibe.“, hat sie tausende Male gesagt, hat es mir hinter die Ohren geschrieben, mir ins Trommelfell tätowiert. Der Kuchen ist angebrannt, ich habe ihn einfach vergessen. Die dunkelbraune Kruste und der leichte Gestank, der mir aus dem Backrohr entgegenschlägt, lässt meine Lust auf Süßes schlagartig verschwinden. Tausende Male hat sie es mir gesagt, und ich war so dumm und habe es ihr geglaubt. Ich habe ihr alles geglaubt. Und selbst wenn sie jetzt wieder vor mir stehen würde, die Sätze wiederholen, nach all dem Schmerz, ich würde ihr sofort wieder glauben.

Ich schalte das Rohr ab, stelle den Kuchen auf den Balkon und lasse den Wind durch die Wohnung ziehen. Damit endlich wieder frische Luft reinkommt, damit mein Gehirn sich endlich wieder von neuem Sauerstoff ernähren kann. Es hat so ausgesehen, als wäre es wirklich so. Als wäre sie da, und würde es bleiben. Als wäre all das so festgeschrieben, als ginge es gar nicht anders, als sei es einfach so.

Aber so einfach ist es nicht. Böen wehen vom einen Ende der Wohnung zum anderen. Der späte Nachmittag, der Schrott aus dem Radio, die Stille des Backrohrs und der nur scheinbar verschwindende Gestank des Kuchenfauxpas. Ich habe ihr geglaubt und ich habe mich darauf verlassen. Habe sie in meine Pläne aufgenommen, in meine Träume und finde diesen verdammten Tintenkiller einfach nicht, der sie jetzt fein säuberlich wieder daraus entfernt. In Wahrheit ist er immer weg, wenn man ihn am Notwendigsten braucht.

In ihren Worten lag Liebe, so habe ich gedacht. In ihren Worten lag Ehrlichkeit, so war mein Glaube. Aber was ich nicht gehört habe, war die Angst. Dass Worte womöglich leichter über die Lippen kommen, bevor man sich mit dem Gedanken bis zum bitteren Ende angefreundet hat. „Ich bleibe.“ sind zwei Sekunden, drei Silben, 9 Buchstaben, ein Leer- und ein Satzzeichen, mehr nicht. Auf dem Balkon tänzelnd wird mir erneut die Endlichkeit aller Dinge bewusst, so wie manchmal, so wie immer. Sie ist weg, denke ich, nicht geblieben. Und vielleicht hat sie ja doch Recht. Vielleicht bleibt sie. In schmerzvoller Erinnerung, als wunderbare Anekdote mit verdammtem Ende. Und für mich, so denk ich mir, als ich mich auf dem einen verstaubten Plastiksessel niederlasse, für mich bleibt zumindest immer noch dieser stinkende Kuchen mit der dunkelbraunen Kruste. Was wünscht man sich mehr? Ja … was denn nur?

Bildquelle: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von epSos.de

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