Hinein in ein Café. [∞]

HineinineinCafe

Mit einer überaus herausfordernden Handbewegung landet ihr Getränk in meinem Gesicht. Ohne Glas natürlich, das hätte nur unnötige Schnitte und glücksbringende Scherben gebracht. Ihr Baileys, oder White Russian oder was auch immer tropft von Stirn, Nase und Lippe herab. Sie stellt ihr Glas wieder hin, wirft einen Zehner über die Theke und haut ab.

„Und deshalb wäre es das Beste…“ Mein letzter Satz. Lange, lange vorbereitet. Einstudiert, wie die verschiedenen Kontoarten in Rechnungswesen. Und noch bevor ich aussprechen kann, weiß sie schon, an welchem Punkt wir nun angelangt sind. Oder ich. Ihr Mund scheint trocken, ihre Hand macht sich auf den Weg zu ihrem Glas.

Erklärungen folgen, in denen ich mich verheddere und immer wieder ziehe ich mich hoch um fortfahren zu können. Interessiert sieht sie mir in die Augen, wartet auf den Showdown und auf die Pointe, wartet darauf, dass ich sie an der Hand nehme und die alten Erinnerungen völlig real und nicht nur mit Worten wiederbelebe. Aber die meine Hand nimmt nicht die ihre. Und wir sind immer noch hier.

Wir schwelgen in alten Erinnerungen. „Und weißt du, damals, als wir…“ Spazieren waren, einkaufen, oder in diesem einen Café, als wir am See lagen, den Berg bewanderten. Man kann hier eigentlich alles einsetzen. Im Grunde genommen ist es scheiß egal. Hauptsache, man kann sich etwas erzählen. „Ja, natürlich. Wie könnte ich so etwas vergessen.“ Wie könnte ich. Wie hab‘ ich nur?

Das Café ist bekannt. Hier waren wir früher auch immer wieder. Sie hat sich hier mal den halben Café Latte über die Jeans geschüttet und mich, nachdem ich kaum mehr zu lachen aufhören konnte, vollkommen mit Kuchen bekleckert. Aber im Grunde genommen ist hier trotzdem alles neu. Neuer Besitzer und neue Kellner. Und vor allem die ungewohnte neue Einrichtung.

„Und für mich bitte ein Cola!“ Der Kellner wirft uns gekonnt zwei Untersetzer vor unsere Nasen und humpelt hurtig hinter die Bar. Das ist meist einer dieser unangenehmen Momente, zwischen Bestellung und Erhalt des gewünschten Getränkes. Irgendwie kommt es mir ja so vor, als bräuchte man das Glas, die Flasche, den Strohhalm, um sich festzuhalten und so erst dann die Konversation wieder fortzusetzen. Sie blickt mich an, auf der einen Hand sitzend und schenkt mir ein Lächeln. Und ich blicke mich sehnsüchtig nach meiner Coke um.

Galant öffne ich ihr die Tür, lasse sie zuerst eintreten und folge dann nach. Wir sehen uns nach einem Platz um, obwohl das eigentlich blöd aussehen muss. Wir sind nämlich allein hier. Allein, bis auf den Kellner, der gerade mit lethargischem Arbeitsstress wahrscheinlich das dritte Glas in einer Stunde poliert. Ich nehme ihre Jacke ab, schlüpfe aus meiner heraus und hänge sie auf die dafür vorgesehenen Haken gleich neben dem Klo. Schon hüpft der Kellner auf uns zu, beinahe als wären wir die erste Kundschaft seit Tagen.

Ich habe gekonnt auf die Worte „Wir müssen reden.“ verzichtet und auch sonst keine Anzeichen erkennen lassen. Ich möchte es ihr schonend beibringen, damit sie es versteht und wir uns im Guten trennen. Das sind meine Gedanken, als sie in mein Auto einsteigt und wir gemeinsam in die Stadt fahren. Weg von gewohnter Umgebung, in eine neutrale Umwelt. Hinein in ein Café.

erstmals veröffentlicht: 22. April 2010
Bildquelle: AttributionNoncommercialShare Alike Some rights reserved by bob august

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