Michael Held • Wortheld Februar 2018

Zugegeben: Mein heutiger Wortheld ist erst seit kurzem auf meinem Radar. Aber manchmal dauert es nicht lang und man sagt sich: Den mag ich. Michael Held bzw. @barcelonalien hat es geschafft, mich mit einigen wenigen Texten, mit Tweets und seiner Art, mit wenigen Worten große Geschichten zu erzählen, zu einem Fan werden lassen. Deshalb freut es mich ganz besonders, Michael heute als Februar-Wortheld vorstellen zu dürfen.

Dunkelheit. Stille. Ich stehe hier und warte auf den Vorhang.
Einatmen, ausatmen. Die Rolle ist einfach, haben sie gesagt.
Sei du selbst. Aber wer seid ihr, wer bin ich, was erwartet ihr. Fragen über Fragen.

Ich trete vor. Licht blendet mich. Ist da jemand?

1. Wer bist du und wenn ja, warum?

Das schönste Buch liegt immer auf dem Steinway. Blick über die nächtliche Stadt. In meinem Kopf purzeln die Noten durcheinander. Ich bin 18, nächstes Jahr ist Abitur, und dann. Alles Scheitern noch vor mir.

Michael. 36. Kein Wortheld™. Kapillaren, Zellen, Medulla. Buchstaben und Kaffee. Lebt mit Partnerin, zwei Kindern und dem ewig verstimmtem Klavier in einer alten Raumstation am Bodensee. Hat vor langer Zeit mal irgendwas studiert und geht einer langweiligen Arbeit nach. Verplant, verstrubbelt, dauermüde. Ich verdränge Entscheidungen, bis heute, und verliere Kaffeetassen, Schlüssel und Lieblingsmenschen. Schreibe von der Liebe und habe doch keine Ahnung.

2. Bist du das „Ich“ in deinen Texten?

Fragmente, Facetten. Décollage. Es gibt kein Ganzes. Lies mich, #tangiere mich, ich bin und ich bin nicht.

Ich bin unsicher, darum habe ich Parker eingeladen. Zwischen den Drehpausen sitzen wir mit dem Androiden bei Kaffee und Keksen, schauen aus dem Fenster und überlegen die nächsten Episoden. Manche behaupten, er sei ich; aber ich besitze gar keinen Raumanzug.

3. Welches Datum trägt dein allererster Text und warum fasziniert dich das Schreiben?

August 1994, ich sitze in dem viel zu kleinen Bett unter der Dachschräge, und schreibe. Vor dem Fenster wiegen sich die Pappeln im Wind, eine leichte Brise vom See, bevor die Mittagsflaute einsetzt. Kindheit, Urlaubsstimmung. Gestern bin ich auf einen Berg gelaufen. Ich schreibe an einem Text über einen Jungen, der auf einen Berg läuft. Danach Fahrradfahren, zum alten Picknickplatz.

Schreiben eröffnet Möglichkeitsräume; viele Geschichten enstehen aus Träumen, im Fortschreiben, als Testlauf. Lebensentwürfe faszinieren mich, da ich selbst keinen habe.

4. Was kannst du nicht in Worte fassen?

Letztlich: Dich.

5. Wo kommen dir die besten Ideen?

Beim Vorlesen, an der Kaffeemaschine, unter der Dusche im interstellaren Raum. Schreiben passiert einfach. Woher genau die Texte kommen, bleibt ihr Geheimnis.

6. Wer oder was inspiriert dich?

An guten Tagen verkrieche ich mich in der Bücherei. Ich brauche einen größeren Fahrradkorb. Und mein Schreiben soll politisch werden, endlich, oder aufhören. 

Ich liebe die anarchische Ader guter Kinderbücher. Die Mittagsstille zwischen Mohnblumen, Salzluft, den Sonnenuntergang am Meer. Sarah Bergers Sezierkünste in «Match Deleted». Den lakonischen Fatalismus in Christian Krachts «1979». Die kunstvoll angesetzten Werkzeugspuren in Cornelia Travniceks «Chucks». Blogs, Tweets, Geschichten, Menschen, Fotografien, Musik. Das Leben, wenn ich es zu fassen bekomme.

 

7. Wie lange arbeitest du durchschnittlich an einem Text und hast du eher viele oder wenige Entwürfe in deinem Blog?

Eines Tages wird es eine Schnittstelle geben von meinem alten Synthesizer zu WordPress, und dann.

Gute Texte brauchen lange, ohne ein Wort geschrieben zu haben. Dann geht alles sehr schnell. Zweidreivier in Reserve, Splitter, Verworfenes.

8. Leidet die Kreativität, wenn du glücklich bist – oder wenn du unglücklich bist?

Die Berliner Agentur, die alle Tweets und Texte für mich verfasst, beschäftigt nur glückliche Mitarbeiter.

9. Wenn du einen einzigen Text von dir mit auf eine Insel mitnehmen würdest – welcher wäre das und warum?

Der alte Fiat quält sich die Straße hinauf. Dünne Luft, die Observatorien sehen klar hier, auf diesem Felsen im Atlantik, zwei Stunden Schlammpiste durch Regenwald und Wolkenmeer. Unter uns die Welt, dort hinten El Hierro, die Wilde, Sehnsuchtsziel. Wer kommt mit?

Ich hoffe, das Wetter ist gut. Wie komme ich dahin und vor allem, wann endlich? Vergesst den Text, ich will Euch dabeihaben. Schreiben können wir dann immer noch.

10. Welche drei anderen literarischen Blogger beneidest du für ihre Sprache?

Julia Knaß (link: https://liawriting.wordpress.com), weil ihre Sprache WELTEN baut, mühelos. Katharina Peham (link: http://katkaesk.com), Kammerflimmern als Hochliteratur. Jennifer Düing (link: https://postkartenautorin.com), weil die Mascha Kaléko von heute per Postkarte schreibt, alle Farben bunt.

Und dann gibt es noch die Worthelden™ en miniature, von denen ich mein Handwerk abgeschaut habe. Alexandra Kranefeld (link: https://twitter.com/greenishglass), Übersetzungen. Leben zu Literatur, Gedanken zu Text. J’u (link: https://twitter.com/joolischka), Luftgedanken, dem Gerinnen der Worte lauschen. Margarethe Kollmer (link: https://twitter.com/m_kollmer), angewandte Dekonstruktion.

Und noch so viele mehr, lest sie, alle, sofort.

Vorhang. Licht aus.


Hier findet ihr Michael Held im Netz:

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