Manchmal male ich die Welt.

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Manchmal male ich die Welt.
Mit Wasserfarben.
Verschwimmende Grenzen.
Ohne Ende und jeglichem Anfang.

Tunke den Pinsel zuerst in das anfangs noch klare Wasser und forme eine Spitze aus diesem dünnen Pinselkopf, nur um sie dann, im runden Behältnis der Farbe, wieder wild durcheinander zu wirbeln. Ordnung und Chaos in einem Bruchteil von Sekunden. Kreise darin, bis sich die Farbe zumindest dem Gefühl nach in jedes einzelne Pinselhaar gesogen hat. Und dann lege ich den Arm auf das Blatt Papier und schließe meist meine Augen. Der Pinsel wandert über die vermeintliche Leinwand, sucht sich seinen unsichtbaren Weg, sucht ihn und will ihn fast schon verlieren. Irgendwann öffne ich dann wieder meine Augen und sehe mir die Fahrt der ersten Farbe an, bewerte es nicht, sondern überlege nur, welche Farbe ihr nun folgen solle. Der Pinsel wird wieder ins Wasser getunkt, welches dann schließlich erstmals gefärbt zurückgelassen wird.

Manchmal male ich die Welt.
Ohne Konturen.
Fließender Übergang.
Alles ist eins und alles ist nichts.

Am Ende ist das Wasserglas zu einer hässlich-trüben Flüssigkeit verkommen und die Pinsel wurden endlich beiseite gelegt. Dann hole ich ein Glas Wasser und tropfe nach und nach noch etwas auf das Papier, dass seine Vollendung wohl niemals finden wird. Aber das Deckweiß, es liegt noch ganz seitlich in der metallenen Wasserfarbenbox, völlig unberührt. Liegt da, weil es nichts gibt, was es nicht geben soll. Weil nichts verschwinden soll, weil alles seine Berechtigung hat. Weil jeder Pinselstrich etwas bedeutet, auch wenn er mir nachher vielleicht nicht mehr gefällt. Er verschwimmt unter all den neuen Strichen, unter all der Farbe, die meine Wasserfarben noch zu bieten haben.

Lustigerweise soeben gefunden: „Manchmal male ich die Welt“ (2014)

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