Licht nur vom Flur

Ihre Hand oberhalb meines Knies,
Licht nur vom Flur.
Nägel scheinen weiß von kolumbianischer Sonne.
Wir sehen uns nur scheinweise.
Nur zwischen den Welten,
nur zwischen den Jahren, ein paar Tage am Stück.

Meine Waden oberhalb ihrer Knie.
Mein Gefühl in der Schwere meiner Beine.
Als sich unsere Hände verschränken, ist es keine Geste der Nähe,
es zeigt nur, wie unmöglich es ist, ungefähr mehr als neuntausend Kilometer
Luftlinie
einzuholen auf dem Weg zu uns zurück.
Über Grenzen hinweg, sind es die Beine die tragen.

Mein Kopf unterhalb meines Rumpfes,
Licht nur eine Schnur.
Von mir zu dir,
durch den Himmel, durch einen Ozean, durch uns und zurück.
Das ist geteilt, eine Verschränkung von Fingern im Rachen von Zeit.
Ein Flimmern zwischen den Welten,
zwischen den Jahren, immer nur ein paar Sekunden am Stück.

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Kein Ozean, keiner aus Tränen und der echte schon gar nicht, kann überfahren werden, so tief ist das Meer, das dem zugrunde liegt. Guadeloupe. Jetzt hier. Wie sehr diese Reise zu dir einem Urlaub gleicht. Merkt man beim Packen schon. Die weiße Bluse oder die geblümte? Der Rock oder das Kleid oder von allem ein Stück? Ich repräsentiere mehr als mich, packe mich ein, wie ich gerne sein will. Nehme die letzten zwei Jahre mit, eine Lücke als Gepäck, ein Geschenk für die verlorene Zeit und das Kind. Die Rückkehr zu dir, rückt uns auseinander. Das Licht, die dünne Schnur, nur noch ein Flimmern in der Nacht neben dem ohrenbetäubenden Lärm dieser Grillen nach neun Stunden Flug, wie tropische Vögel so grell. Die Jahreszeiten nicht da, nur Regen und Schweiß, das war’s. Dann diese Wand von der Luft gemauert, schlägt mir schon bei der Ankunft ins Gesicht. „Meine Fresse, voll rein. Bäm!“ „Jaja, Achtung Kreislauf!“ „Wenn’s hier immer so heiß ist, halt ich’s hier keine zwei Wochen aus man!“ Hält selbst der Kleine aus, das hab ich gesehen. „Man gewöhnt sich dran.“ Auf der Fahrt meine Füße aus dem Autofenster gestreckt, so wie damals eines Nachts, Luft auch so heiß, das Sommerkleid unbedeckt. Haha. „Aber mach Fenster ma’ lieber wieder zu, der Kleine wird krank!“ Oh.

Auf dem Nachtschrank die Sonnenbrille, Creme und ein Schal für die Nacht. Ihre Küche eine Terrasse, ihr Mann so vertraut wie ein Familienportrait. Meine Geschenke neben dem Laufstall aufgereiht. Kleine Stücke so fremd, die Schokolade schon weich. „Isst hier kein Mensch.“ Ist kein großer Fauxpax, aber bezeichnend. Ihr Mann nur „Tant pis!“. „Krass habt ihr’s hier! Geil!“ Jolijoli, je dis. Das Kind schläft schon. „Willst du ihn trotzdem mal sehen? Komm.“ Mein Gesicht weckt ihn auf, er erkennt mich nicht. Er erkennt mich nicht wieder. Er wird mich nie so kennen, wie ich ihn, nie. Nach seiner Geburt damals, dieses flimmernde Licht, ein Name, sein Gewicht, meine Brust zu, die Augen blinzellos offen, die Wangen nass. Elias, 13.05.2014, 3850 Gramm. Nur das. Nur das und das Bild. Augen blinzellos offen und die Wangen nass. Elias schreit, ich schaue zu. Stehe neben ihr und mir und dem, was hier ist. Würde ich ihn berühren, er wäre aus Wachs, das kann ich euch sagen. Der wäre aus Wachs. Und ich auch.

Ihre Hand auf meinem Knie, Licht nur vom Flur. Wir kennen, was wir sagen wollen, vom Hörensagen, von über Ecken und Enden, von der Mutter, der Oma, der Schwester, der Freundin, der Rundmail vom Juli und dem Foto von vorletztem Herbst, als auch ihre Ankunft hier noch frisch war. Wie war das damals? Frag ich nicht. Ich frag: „Alles klar?“ Sie sagt: „Jaja.“ Unglaublich dämlich, aber die Hand bleibt da liegen, wo sie auch den Kopf beschwert, aber wegen der Geste, nicht wegen des Gewichts. Das Gewicht ist die Entfernung. Die ist jetzt präsenter denn je. Die krabbelt von den Fingerspitzen ins Zimmer, macht sich dreimal so groß, dehnt diesen Moment tausendmal so lang, auf die letzten zwei Jahre vielleicht unendlich lang. Mir nimmt’s alles von der Zunge, sie wischt mir ein paar Mal übers Knie, wischt nix weg. Die Distanz bleibt. Vielleicht saßen wir zwei Jahre so, kann man später nicht mehr sagen, es war unendlich lang. Dann stand sie auf und ging einfach weg.

Wenn wir versuchen die letzten Jahre, oder zumindest das letzte, zumindest doch das, einzuholen, dann im Dauerlauf. Hier teilen wir keine Gemeinsamkeiten. Ich bin Tourist ihres Alltags, sie ist Tourist meines Entdeckens ihrer Familie, von meinem Erstaunen über ihren Lebensstil. Von Anekdoten, von früher, von Vergleichen so weitläufig wie eine Ebene zwischen hier und Basse-Terre. Komm, ich zeig dir, wo wir immer spazieren gehen, unseren Lieblingsstrand, den Wochenmarkt, die Kirche, in der wir ihn taufen lassen, dann bist du ja auch schon wieder weg. Dies das. Ist fast wie in Deutschland, aber nur fast. Probier mal, die Avocado schmeckt viel nussiger als bei euch, wir haben auch Bananen im Garten, die Guave ist reif. Dann bist du auch schon wieder weg, wieder weg. „Und wo geht ihr mal feiern?“ „Du bist so kindisch wie früher. Feiern mit Kind! Werd mal erwachsen mensch!“ Sie sagt’s nicht böse, viel schlimmer, sie meint es mit einem Zwinkern im Blick.

Es gibt mehr zu gucken, als man Augen hat, mehr zu reden, als man Worte hat. Die zwei Wochen vergehen im Laufen, wir ergehen uns in Gesprächen über das was gerade ist, nicht wie es sonst ist. Können wir eh nicht verstehen. Mein Zuhause für sie, ist ein Bild von vor Jahren, ihr Zuhause für mich, wird gerade neu konstruiert. „Is nich mehr wie früher.“ Aber das zählt nicht, ist ja auch scheißegal. Jeder Vergleich wenigstens eine Annäherung. Oder ein Versuch in die Richtung. „Ey, du hier – ist wie Urlaub für mich!“ Wie Urlaub für uns. Was hab ich erwartet? Das Herz auf der Zunge und wir wie vor zwei Jahren? Nein, geht nicht mit ihr. Nicht mit diesem Mann, dem Baby auf dem Arm und diesem Verortungsunterschied. Ich mein, von sich selbst, nicht geografisch, ich mein, nur von sich selbst. Man sagt, wahre Freundschaft braucht keine Worte, trickst sie auch Unterschiede in Gezeiten aus?

Wenn es nicht klappt, dann tant pis, sagt der Mann. Oder so ähnlich, ich kann kein Französisch. Er kann kein Deutsch, aber erklärt mir das Kind. Erklärt, wie man ihn wickelt und sonstwas. Ist mir egal. Ich halte Elias im Arm, wie ein Püppchen so klein, aber dreimal so schwer. Er macht keinen Mucks, ich atme nicht. Dieser Moment – diese Augen, exotisch geformt, jolisjolis, wie Mandeln so klein, seine Haut wie meine so braun, wir hier, ohne zu atmen – wiegt viele Jahre schwer. Wir hier, das Gewicht von ihm in meinem Armen, im Rachen von Zeit, ist raumgreifend lang.

Wieder da. Von zwei Wochen bleiben nur die Ankunft, das Licht in deinem Rücken, damals an diesem Abend, diese Hand, das Gewicht vom Baby im Arm. Drei Snapshots für immer, Souvenirs für die Zeit. Wenigstens das: Souvenirs für die Zeit. Auch von uns? Wenn’s so heiß ist wie jetzt, kommt der Geruch wieder hoch. Das schwitzende Holz, das Salz und das Grün. Das Gurren der Tauben den Möwen fast gleich. Ihre Größe gleich, der Flug ähnlich, mein Blick nach oben genauso. Diese Wand heute in der niedergedrückten Stadt, das Schwitzen im Stehen, das drückt sich ein. Hat sich auch bei dir eingedrückt. Ob nun hier oder dort. Urlaub jetzt schon fast vier Wochen her. Oben brät die Sonne mir mit fünf Stunden Verzögerung ihr Licht ins Hirn. Schaust du auch gerade hoch? Schau hoch, schau. Denn ich komm gleich nach, geh schon mal vor. Mir’s kalt.


Foto am 13-12-2013 um 11.17Lea Sauer

26, Studentin. Mehrere Jahre die Stimme von abgeschirmt.com gewesen, bald nur noch ihre eigene. Wechselt 2015 Siegen gegen Leipzig, denn sie hat bock auf das Deutsche Literaturinstitut und die zum Glück auch auf sie. Überzeugte schon mehrmals mit dem Satz „Schreiben ist das einzige, was mich nie nervt!“ und meint diesen Quatsch auch noch ernst. Ansonsten: Latte Macchiato, gute Reportagen und der Wald.

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