Ruhender Körper

„Und sie bewegt sich doch.“, war sein Gedanke, als er ihren Körper aus der Nähe betrachtete. Seht doch, möchte er rufen, sie atmet. Ihre Brust, sie hebt sich. Doch es ist niemand da, dem er es zurufen könnte, die Nacht hatte sie beide eingenommen. Und neben dem Pochen seines Herzschlags in seinem Ohr waren sie umhüllt von einer verstörend beruhigenden Stille.

Aus dem Nichts war sie plötzlich aufgetaucht, hat ihn auserkoren, liegt nun bewegungslos auf dem Boden. Er tastet nach ihrem Puls, tastet nach irgendeinem Lebenszeichen und ist nicht in der Lage, um Hilfe zu rufen. Er ist hier allein, mit ihr, allein mit diesem Problem auf der Straße, mit ihren blonden Haaren und all dem Blut. Langsam, beinahe apathisch, wischt er sich den kalten, erdrückenden Schweiß von seiner Stirn. Warum hat er nur, warum hat er nicht.

„Ich wollte das nicht.“, sagte er, als er sich neben sie kniete. „Es war doch keine Absicht, das weißt du doch, oder?“, murmelte er. Ihre Augen sind geschlossen. Als würde sie schlafen, in einer Lache aus Blut, alleine auf diesem sommerlich warmen Asphalt. Wie war er nur hierhergekommen. Hier, in diesen, um diese Uhrzeit, offenbar menschenleeren Teil der Stadt. Und was hatte sie nur hier zu suchen, um diese Uhrzeit, in dieser Gegend, vollkommen alleine.

Das ganze Leben ist eine Verkettung unglücklicher Umstände. Wäre er eine Kreuzung vorher abgebogen, dann wäre er nie an dieser Stelle der Straße zum Stehen gekommen. Dann hätte sie noch rasch die Straße überqueren können, in ihrem schwarzen Mantel und den leuchtenden Haaren. Dann wäre all das nicht passiert. Dann würde er jetzt hier nicht knien.

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Noch einmal misst er ihren Puls, ganz schwach ist er zu spüren. Und ein klein wenig hebt sich auch ihr Brustkorb nach halbwegs regelmäßig. Ihm ist nach Weinen zumute, doch kein Tropfen verlässt seine Augen. Starr blickt er auf sie, blickt um sich herum, will schreien, will brüllen, will neben ihr liegen. Gemeinsam in ihrem Blut, nur mehr schwach atmend, mit nur schwachen Puls. Er nimmt ihre Hand, spürt die verbleibende Wärme ihres Körpers. Er zittert.

„Oh mein Gott.“ Eine weitere Passantin hat sich in diese gottverlassene Gegend verirrt. Läuft auf die beiden zu. Schlägt sich die Hand vor den Mund. Sieht ihn an, dann sie, dann ihn. „Haben sie schon die Rettung alarmiert.“ Er schüttelt den Kopf, nur dumpf verspürt er die Anwesenheit dieser neuen Person. „Nein.“, flüstert er, obwohl er schreien möchte. „Nein, habe ich nicht.“

„Atmet sie?“, fragt die Passantin. Er nickt. „Ganz leicht.“, strömt es mit einer ungewohnten Stimme aus ihm heraus. „Bleiben Sie hier! Ich rufe die Rettung an, ok. Bleiben sie ja hier? Geben Sie Acht auf sie!“ Und während sie auf ihrem Mobiltelefon zitternd die Nummer wählt, und der Person auf der anderen Leitung die Szenerie schildert, denkt er nur daran, wie verrückt das alles doch ist. Wie unpassend die ganze Geschichte. Lauter zitternde Menschen in einer so schwülen Sommernacht. Es gibt doch keinen Grund zu zittern, die Wärme umarmt uns.

„In fünf Minuten sollten sie da sein.“, sagt die Passantin, als sie sich dem Ort des Geschehens wieder nähert. „Was ist denn passiert?“, stellt sie die unmögliche Frage, dicht gefolgt von „Haben Sie bereits Erste Hilfe gemacht?“ Er schüttelt den Kopf. Auf beide Fragen wusste er keine Antwort. Sie drückt ihn zur Seite, um sich nun um die blonde Frau auf dem wärmenden Asphalt zu kümmern. Schweigend und zitternd sieht er ihr zu, sieht sich die Nacht an, blickt gen Himmel und kann keinen einzigen Stern erkennen.

Erst die wilden Lichter des Blaulichts holen ihn etwas zurück. Nicht sehr weit, aber immerhin. Hektisch springen sie aus dem Rettungswagen, bitten die umstehenden Menschen, zur Seite zu treten und er macht langsame, schwerfällige Schritte weg. Ohne den Blick von all dem abzuwenden. Sie beatmen sie, sie heben sie auf eine Trage, der Notarzt geht seiner Arbeit nach, während ein Sanitäter sich ihm nähert. „Sind sie der Fahrer des Wagens?“ Er nickt. „Was ist denn passiert?“ Er blickt ihn an, öffnet den Mund, will ihm etwas sagen, will alles hinausbrüllen, will weinen, will endlich wieder Worte finden. „Setzten Sie sich erst einmal nieder. Ich untersuche Sie rasch, ob Sie irgendwelche Schäden davongetragen haben.“ Welche Schäden soll er schon davongetragen haben. Er ist derjenige, der aufrecht sitzt, nicht diejenige, um welche sich der Notarzt gerade kümmert.

„Ich…“, stammelt er. „Bleiben Sie ruhig.“, beauftragt ihn der Sanitäter. „Bei Unfällen wie diesen ist es notwendig, die Polizei ebenfalls zu alarmieren. Sie müsste jeden Moment hier eintreffen. Sie werden einige Fragen an Sie haben, verstehen Sie?“ Er nickt. „Aber Sie stehen eindeutig unter einem schweren Schock. Deshalb ist es notwendig, dass wir auch Sie ins Krankenhaus mitnehmen.“ Er nickt. Was war hier nur geschehen?

All die Lebensfreude, die er noch vor einer halben Stunde verspürte, all das Glück und die Zufriedenheit sind verflogen. Der unruhige Er ist zu einem stillen, schweigenden Er geworden. Er wird in Ruhe gehalten, vom statischen Gegenmoment des Schocks. Niedergedrückt in einer Welle der Apathie.

Die Polizistin, welche aus dem Wagen tritt, unterhält sich mit dem Sanitäter, sieht sich die Unfallstelle an, sieht ihn an. Er bekommt nur mit, wie der Sanitäter dem Polizisten offenbar zu erklären versucht, dass er nicht dazu im Stande ist, jetzt eine Aussage zu machen. Die Polizistin nähert sich ihm, und zum ersten Mal fragt ihn jemand, wie es ihm geht. Seine Augen füllen sich mit Tränen. Immer noch sprachlos, hört er sich stumm die Worte der Polizistin an. Er komme nun ins Krankenhaus, er müsse sich ausruhen, er müsse wieder zu Sinnen kommen. Sie werden sich bei ihm melden, er müsse eine Aussage machen. Und im Krankenhaus würde man ihn auch noch auf Alkohol und Drogen testen. Er nickte. Alles war ihm recht.

Und so schnell wie sich dieses große Geschehen aufgebaut hat, so rasch leert es sich. Der Notarztwagen ist verschwunden, die Polizistin und ihr Kollege machen noch Fotos vom Unfallort, und dann sind auch sie weg. Der Sanitäter hilft ihm auf, begleitet ihn in den Wagen. Sie fahren los.

Stunden später wacht er in einem Krankenhauszimmer auf. Langsam wirken die Eindrücke der vergangenen Nacht auf ihn ein, und als er zu brüllen versucht, brüllt er auch. Er spürt sich wieder. Er spürt den Schmerz. Spürt die Ungewissheit, und mit welcher Beschleunigung das Blut durch seine Adern fließt. „Wo ist sie?“, ruft er. „Wo ist sie?“ Doch niemand hört ihn. „Sie lebt.“, sagte einer seiner Zimmerkollegen, die er erst jetzt bemerkt. „Keine Sorge, sie lebt.“ Und so sehr die Nachricht auch erstunken und erlogen sein könnte, so beruhigt sie ihn doch. „Sie lebt.“, murmelt er.

Info: Ich habe diesen Text für den Literaturwettbewerb von „Literarisch Reisen“ eingeschickt. Am 31. Jänner wurden die Preisträger genannt, ich war leider nicht darunter. Aber deshalb kann ich den Text glücklicherweise online stellen. 

Bildquelle: Public Domain Hans / Pixabay

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