Zur richtigen Zeit am falschen Ort.

Wie lange haben wir uns schon nicht mehr gesehen. Wie lange Zeit sind wir schon an uns vorbeigelaufen. Deine Stimme schleicht noch manchmal in mein Ohr, wenn ich eine deiner Nachrichten auf meiner Mailbox anhöre. Deine ruhige Art, wie du mit dem Tonband sprichst, und mir aus deinem Leben erzählst. Deine Zartheit, mit der du deine Erlebnisse schilderst. Ich lege auf. Die Dunkelheit und die Stille in meinem Zimmer gewinnt erneut an Kraft und ich stürze geschwächt zurück in meinen Polster.

Mond

Es verstört mich, bereits seit Wochen, bereits seit Monaten. Du solltest jetzt hier sein, hier bei mir, solltest bei mir sein. Und bist es nicht. Schweigst mich an, beehrst mich mit deiner Abwesenheit. Wir sollten uns sehen. Alles hat sich geändert seither. Alles ist anders, und so vieles besser. Auch ich. Ich habe gelernt, habe mich verändert, bin nicht mehr derselbe wie damals. Ich bin anders. Du müsstest mich sehen, müsstest mir in die Augen blicken, um zu sehen, was passiert ist. Müsstest mich in den Arm nehmen, um zu spüren, wer ich bin. Müsstest mich küssen, und sei es nur um des Küssens wegen.

Puzzle

Deine Stimme, immer wieder nur deine Stimme. Wann haben wir aufgehört, Teile unseres Lebens zu sein? Wann ist all das passiert, diese Trennung zwischen dein und mein, dieser Split, wann ist sie entstanden, diese Mauer zwischen uns. Auf der einen Seite bist du, auf der anderen Seite will ich nicht sein. Will nicht auf dieser Scheibe sitzen, die sich immer weiter von dir entfernt, will dein Gesicht in Erinnerung behalten, will nichts an Erinnerung verlieren. Aber irgendwann wird der Zeitpunkt kommen. Irgendwann vergesse ich die sanften Züge deiner Wangen, vergesse dein Lächeln und deine Augen. Und irgendwann kann ich mich kaum mehr an unseren ersten Kuss erinnern, an die Sterne über uns und die Wärme, die uns umhüllte.

Ich muss dich sehen. Jeden Samstag fährst du mit diesem Zug, kommst um die Mittagszeit an. Kommst an, steigst aus, blickst dich um und fährst die Rolltreppe hinunter. Ich weiß das, weil ich Dutzende Male um diese Uhrzeit an diesem Tag dort auf dich gewartet habe. Und mit deinem schweifenden Blick hast du mich gefunden, hast mich angelächelt, dich auf mich zubewegt. Hast deine Arme um mich geschlungen, mich gedrückt. Das wäre alles nicht notwendig, es würde mir schon reichen, wenn du mich einfach nur anlächeln würdest, mir zuwinken.

Schienen

Hunderte Menschen huschen umher, ein monotoner Geräuschpegel liegt auf diesem Bahnsteig. Seit einer Stunde sitze ich schon da, beobachte alle Menschen, die ein- und aussteigen. Ich weiß nicht, um welche Uhrzeit du immer ankommst, deshalb bin ich so früh wie möglich gekommen. Um dich ja nicht zu verpassen. Um ja da zu sein, wenn du kommst.

Doch du wirst nicht aussteigen. Seit Wochen schon bist du nicht mehr ausgestiegen. Seit Monaten schon haben wir uns nicht mehr gesehen. Ich vermisse dich, und während ich warte, wähle ich ein weiteres Mal meine Mobilbox. Lausche deinen Worten und blicke mich um, sehe durch die Fenster der einfahrenden Züge. Du wirst nicht aussteigen, und ich warte trotzdem. Weil es das ist, was ich am Besten kann. Weil es das Einzige ist, was ich tun kann. Warten lernen wir gewöhnlich dann, wenn wir nichts mehr zu erwarten haben.

Bildquellen: Alle Bilder sind Public Domain – (1) kcssm (2) Hans (3) CodeCondo
Quelle des Zitates (kursiv): Maria von Ebner-Eschenbach

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