Wie sie dabei sind, alles einzureißen.

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Ich erkenne sie nicht wieder. Die Stadt, sie ist nicht mehr. Das, was sie einmal war. Das, was sie mir einmal bedeutet hat. Niemand hat etwas bemerkt, außer mir. Ich sitze auf dem Gehsteig bei der Bushaltestelle, spüre den Verkehr an mir vorbeiziehen und lasse kleine Kieselsteine über die Straße schweben. Nichts hält mich mehr hier, all ihre Anziehungskraft ist verloren gegangen. Als wäre man mit dem Vorschlaghammer durch die Straßen gezogen, hätte nach und nach alle Mauern zertrümmert, alle Erinnerungen in ihre Einzelteile zerlegt. Selten war sie mir so fremd wie in diesem Moment. Es tut weh, zu spüren, wenn Fixpunkte verloren sind, wenn die Veränderung ihre Opfer mit sich bringt, ihre wütende Hand über  das Spielfeld kreisen lässt, um nur ein weiteres Mal einen Spielstein wegzunehmen und das Fortleben auf dem Weg zum Ziel nur noch schwieriger zu gestalten. Dabei wollte ich doch gar nicht gewinnen, wollte doch nur bis zum Ende durchhalten. Die Stadt kotzt mich an, schreckt mich ab. Sie stinkt, wie sie es zuvor noch nie gemacht hat. Sie will mich nicht mehr hier. Ich gehöre nicht mehr hierher.

Ich erkenne dich nicht wieder. Dich, den Menschen hier an meiner Seite. Es kann nicht auf ewig so bleiben, wie es war und es steht auch nicht in meiner Macht, die Zeit zurückzudrehen. Es wird nie wieder so sein, wie es einmal war. „Es wird besser werden“, habe ich in solchen Momenten gerne gesagt. Doch dabei bin ich mir nicht mehr so sicher. Woher sollte ich es denn auch wissen, was weiß ich denn überhaupt. Deine Nähe wirkt manches Mal so falsch, beinahe so, als würde ich sie nicht verdienen oder als würde ich sie nicht spüren dürfen. Es tut weh, das zu erkennen, weißt du. Es tut einfach nur verdammt weh. Du hast dich verändert. Wir haben uns verändert. Vielleicht gehen wir noch diesen einen Weg gemeinsam, vielleicht bist du oder bin ich aber auch schon bereits vor Tagen oder Wochen anders abgebogen. Ich weiß es nicht. Doch diese Rat- und Ahnungslosigkeit verstört mich. Macht mich traurig, einsam und manchmal möchte ich gar nicht mehr in diesem Körper hier stecken. Hier bei dir, hier in dieser Stadt.

Ich erkenne mich nicht wieder. Seit das Ende des einen in immer verängstigendere Nähe rückt und der Anfang des anderen mich noch viel mehr zu Furcht anstiftet, möchte ich am Liebsten verharren. Die eingebildete Leichtigkeit meines bisherigen Seins beibehalten. Möchte mir keine Gedanken über die Zukunft machen. Sie kommt nicht einfach so auf mich zu, ich muss nämlich verdammt noch mal auch etwas dafür tun. Muss mich verändern, muss überlegen und planen.  Und du weißt ja, ich hasse Veränderung. Ich habe Angst vor ihr. Und weil du mich schon so oft gefragt hast: Ja, das ist vielleicht meine größte Angst. Die Angst vor einer Veränderung, die ich nur zum Teil vorbestimmen kann. Eine Veränderung, die mir aufgezwungen wird, eine Veränderung, in welche ich mich hineinzwängen ließ. Das Leben ist nicht so einfach, wie ich es mir immer vorgestellt, wie ich es mir immer gewünscht habe. Ich bin mir fremd geworden. Und es tut weh. Tut weh, wie schon lange nicht mehr. Ich träume immer noch davon, dass es so einfach weitergeht. Dass sich Wege ergeben und Türen einfach so öffnen werden. Aber so ist sie leider nicht, diese Welt. Diese verdammte, große Welt, die nicht aufhört, Gewohntes einzureißen um Ungewohntes draufzusetzen.

Ich will keine Angst haben.

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