Ich nannte ihn Krawatte • Milena Michiko Flasar

Wenn man den Platz in dieser Welt ganz einfach verloren hat, wenn die Angst Überhand genommen hat, bleibt manchmal nur eine Parkbank. Um innezuhalten, zu reden und wieder Mut zu fassen.

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Zwischen 100.000 bis 320.000 (vor allem junge) Menschen in Japan schaffen es nicht mehr. Sie schließen sich zuhause ein, weigern sich, das Haus ihrer Eltern je wieder zu verlassen und steigen damit vollkommen aus. Dieses Phänomen ist bereits soweit verbreitet, dass man einen eigenen Ausdruck dafür erschaffen hat: Hikikomori. Taguchi Hiro ist so einer. Zwei Jahre lang verließ er sein Zimmer nur, um den Weg ins Bad in Angriff zu nehmen. Doch nun wagt er sich wieder hinaus in die Welt. Hinaus in den Park, zu einer einsamen Parkbank. Ein langsamer Weg zurück. Und mit dabei ist Ohara Tetsu, ein 58-Jähriger „Salaryman“, der sich ihm nach Tagen des Schweigens schließlich annähert.

MilenaMichikoFlasarMilena Michiko Flašar
geboren 1980 in St. Pölten, aktuell wohnhaft in Wien

Bisherige Werke:

  • Ich bin (2008)
  • Okaasan – Meine unbekannte Mutter (2010)
  • Ich nannte ihn Krawatte (2012)

Hiro, 20 Jahre alt, wagt sich schön langsam wieder zurück in die Welt, die ihn gebrochen hat. In die Welt, welche diesen unbändigen Druck nach Leistung und Anpassung aufgebaut hat. Zu Beginn beobachtet er, bemerkt diesen Businesstypen, der sich ihm gegenüber setzt, mit seiner Krawatte. Tetsu steht hingegen am Anfang. Er war gerade erst gebrochen worden, entlassen aus seinem Job nach über 35 Jahren Betriebszugehörigkeit. Und doch stand er noch jeden Tag auf, mache sich auf den Weg in die Arbeit um sich schließlich auf dieser einen Parkbank niederzulassen.

Der Autorin ist es gelungen, diese beiden Außenseiter der Gesellschaft so zu zeichnen, dass sich ein jeder mit ihnen identifizieren kann. Und schafft ein poetisches Zusammentreffen zweier Menschen, die normaler nicht sein könnten. Menschen, die dem Druck nicht gewachsen waren, Menschen, die ausgebrochen sind und Menschen, die wieder versuchen zurückzukehren. Niemand sollte in einer Gesellschaft wie dieser leben und doch tun wir es alle tagein, tagaus. Flašars Buch bedient sich dabei einer unglaublich ruhigen Sprache, man schwebt beinahe durch die Erzählungen der beiden in diesem einen Park.

Mein Glaube an die Märchen der Kindheit begann zu wanken, in dem Maße, wie ich sie in Frage stellte, und plötzlich sah ich aus Augen, die prüfen, aus Augen, die zweifeln, aus Augen, die gar nichts mehr sehen.

Milena Michiko Flašar hat nicht unverdient den Literaturpreis Alpha für diesen Roman gewonnen: Ich nannte ihn Krawatte ist ein wundervolles Buch voller Traurigkeit, Hoffnung und Illusion, ein Buch über Fremde, die durch Zufall zu Freunden werden, ein gesellschaftskritisches Werk über Japan und die gesamte Welt. In offenbar sorgsam gewählten und mitunter auch sehr berührenden Worten sitzt man dabei neben Taguchi und Ohara, hört zu, schweigt und erkennt.

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Milena Michiko Flašar

Ich nannte ihn Krawatte

Verlag Klaus Wagenbach

Preis: 17,40 Euro (ebook: 11,99 Euro) (Info zu Partnerlinks)
136 Seiten
ISBN: 978-3-8031-3241-3

 

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