Welcome Home.

“Uns fehlt der nötige Weitblick”, sagst du, und stellst dich vor mich hin und versuchst mit zusammengekniffen Augen voller Mut in die Dunkelheit dieser Nacht zu blicken. Es ist irgendwas nach Mitternacht und irgendetwas verdammt knapp vor Sonnenaufgang. Die Feuchtigkeit der Luft befeuchtet immer wieder unsere Lippen und schön langsam geht auch die Kälte aus unseren Gliedern und unserer Kleidung hinaus. “Welcher Weitblick?”, frage ich und wir setzen uns.

WelcomeHome

Wir brauchen keinen Weitblick, denk ich mir und streiche langsam über das nachtnasse Gras und robbe mich etwas von der Decke herab, die hartnäckig versucht, uns halbwegs trocken zu halten. Wir brauchen keinen Weitblick, weil wir doch nur jetzt sind. Wir sind hier und jetzt und verdammt. Ich denke meist nur die nächsten paar Tage weiter, habe nur einen groben Plan von der kommenden Woche. Aber du siehst mich an.

Siehst mich an und ich weiß, was du denkst. Es ist schwer mit mir zu leben, bin ich doch unzuverlässig wie kaum jemand anderer, und. Ja, es ist schwer mit mir zu leben.  Mit mir beisammen zu sein und sich ausgiebig mit mir zu beschäftigen. Dein Kopf ruht auf meiner Brust und du spürst wie ich atme. Ein. Aus. “Wir brauchen keinen Weitblick.”, sage ich schließlich. Die ersten Strahlen der frühen Morgensonne kommen heraus und du blickst mich an. Küsst mich und ich möchte dich einfach nur wegstoßen.

Weil du mir Angst machst und ich leider auch zur Genüge weiß, wie ich bin. So etwas wie das hier, mit dir. Dieses wir. Es lässt mich all die Unzuverlässigkeit verlieren und plötzlich würde mein Leben sogar wieder so etwas wie Rhythmus erlangen. Und ich wäre wie verändert, so mancher würde mich kaum wiedererkennen. Und dann wäre es eines Tages vorbei und ich würde wieder da stehen. Vollkommen alleine. Unter Freunden. Und würde durch den ungewohnt fehlenden Rhythmus stolpern und einfach nur hoffen, dass alles wieder vorbeigeht und ich vielleicht auch von selbst wieder zurückfinde.

Und aus Erfahrung weiß ich, dass ich es nicht kann. Dass ich nach solchen Enden, ob überraschend oder vorhersehbar, einfach nur peinlich bin. Wie ein kleines Kind, wie jemand, der mit Verlusten nicht umgehen kann. Und ja. Ich kann es nicht. Auch heute nicht, und auch nicht jetzt.

Deswegen lass’ uns doch bitte hierbleiben. Hier, in diesem Moment. Folge mir hinein in meine Kurzsichtigkeit. So brauchen wir nie Angst zu haben, dass die Liebe irgendwann einmal vorbeigeht. Wir würden uns nie von der Angst treiben lassen und hätten die Freiheit uns zu lieben. Uns zu lieben, im Hier. Verstehst du was ich meine?

Die Sonne ist aufgegangen und du küsst mich immer noch. Ich halte es kaum aus, liebe die Nähe und spüre die Angst. Muss jetzt gehen, um nicht mich selbst zu verlieren. Verabschiede mich vorsichtig und setze zum Rückzug an. Ich will nicht mit dir gemeinsam nach Hause gehen, jetzt, so früh am Morgen. Ich möchte jetzt gerne alleine sein. Irgendwo in der Ferne geht eine Alarmanlage eines Autos los.

Und ich versuche, mich nicht umzudrehen und lasse dich einfach sitzen. Auf dieser Decke, in dieser Wiese. So früh am Morgen und irgendwann hört schließlich auch die Alarmanlage auf. Welcome home.

erstmals veröffentlicht: 20. Mai 2010
Bildquelle: AttributionNoncommercialShare Alike Some rights reserved by daniboy_999

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