Jottpunkt • Wortheldin Mai 2016

Ich hole sie vor den Vorhang: Wer sind diese Worthelden, die mich mit ihren literarischen Texten auf ihren Blogs verzaubern? Diesmal hat Jottpunkt von jottpunkt.wordpress.com meine zehn Wortheld-Fragen beantwortet.

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Wer bist du und wenn ja, warum?

Ich bin Jenni (auf das „fer“ verzichte ich schon ewig, das „i“ ist allerdings obligatorisch), angeblich schon 30 Jahre alt und damit vermeintlich erwachsen – nur, dass ich mich weder so fühle, noch konsequent so handle.
Das Internet kennt mich seit 2010 unter dem Namen „Jottpunkt“ (und offenbar hat bis vor Kurzem niemand, mich eingeschlossen, gemerkt, dass sich eigentlich ein „t“ zu viel in diesen Namen geschlichen hat). Die liebsten Menschen von dort – viele andere auch – nennen mich dementsprechend „Jotti“. Und das darf auch gerne so bleiben.

Das alles ist das „Wer“ in seiner einfachsten Form. Vieles davon ist ohne mein Zutun passiert: Den Namen habe ich mir nicht ausgesucht, gealtert bin ich von alleine und das mit dem Internet und mir, naja – auch das ist einfach so passiert. Einfach so – und weil ich niemand bin, der gut darin ist, den Mund aufzumachen und auszusprechen, was ihn beschäftigt. Aber den Stift in die Hand nehmen und darüber schreiben – das konnte ich schon immer.

Ein bisschen führt das jetzt auch zu dem schwierigeren Teil der Frage: Warum bin ich, wer ich bin? Oder warum bin ich, wie ich bin? Das gehört ja irgendwie zusammen.

Ich könnte dir jetzt sagen, warum ich in manchen Belangen bin, wer und wie ich bin: Warum ich lieber schreibe als rede, warum ich mich schwer damit tue, selbstsicher zu sein, warum ich viele Dinge zerdenke und das oft ohne ersichtlichen Grund, ich könnte dir sagen, woher ein paar Steine in der Mauer stammen, gegen die einige Leute laufen oder zu laufen glauben, wenn sie mich kennenlernen (oder es versuchen) und warum bei mir alles immer ein bisschen traurig aussieht und immer ein bisschen so, als wäre alles schlecht (Spoiler: Es ist gar nicht alles schlecht!).
Ich könnte dir das alles sagen, das sind alles „Warums“, die das „Wer“ formen, das man im Internet (und auch außerhalb davon) in Facetten sehen kann – aber die Wahrheit ist: Ich kann’s eben nicht sagen.
Dir nicht und vielen anderen auch nicht. Manchmal nicht mal mir selbst.
Deswegen schreibe ich es auf, schon seit ein paar Jahren.
Deswegen gibt es „Jottpunkt“.

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Und wie viel davon steckt in deinen Texten?

Manchmal so viel, so dass ich gelegentlich damit hadere, es stehenzulassen – oder überhaupt erst aufzuschreiben.

Das ist nämlich die Krux an der Internetwelt: Alle wollen gerne alles von allen mitbekommen – aber bitte immer nur so, dass es ihnen selbst kein unangenehmes Gefühl und keine Umstände bereitet.

Wenn du ein Schwarzweiß-Selfie mit melancholischem Blick und einem tiefgründigen Zitat postest, denken alle „Awww, wie goldig, diese kleine Grüblerin!“.
Drückst du das gleiche Gefühl, das dich das Zitat hat auswählen und veröffentlichen lassen, in eigenen, nicht geborgten Worten aus, in Form eines längeren Textes, der mehr Einsicht in dein Inneres gibt, aber im Gegenzug von anderen auch mehr Einsatz verlangt als einen double tap auf den Touchscreen, musst du dich (gefühlt) direkt rechtfertigen: „Hast du das gelesen?“, „Ich würde so etwas ja nie teilen!“

Ein Freund sagte mir mal: „Du findest dich noch immer nicht wirklich gut, oder? Du solltest mal dein Emo-Image ablegen.“ Und das saß. Aber das Ding ist: Es ist kein Image. So funktioniert mein Kopf. Und so funktionieren deswegen auch diese Texte und dieser Blog.

Ich sage nicht, dass das schön ist. Ich bin mir selbst oft zu viel und wenn ich könnte, würde ich alle paar Monate Urlaub von mir selbst machen und von dem, was in mir drückt. Aber das geht nicht, deswegen bleibe ich und stelle in den Texten einfach fest: Es ist so, für mich. So denke ich das. So fühle ich das. Im Moment des Schreibens – und demnach wohl auch schon eine ganze Weile vorher und vermutlich auch noch eine Zeit lang nach dem Veröffentlichen. In unterschiedlicher Intensivität.

Aus oben genannten Gründen würde ich manchmal gerne Fiktion schreiben können. (Das hat wirklich etwas mit Können zu tun und ich kann es einfach nicht.) Oder nur von glücklichen Begebenheiten erzählen. Dann denke ich wieder: Das Internet ist voll von „Heile Welt“-Content, der niemandem weh tut. Und das ist auch total okay. Es ist nur nicht das, was mich interessiert, keine Kerbe, in die ich schlagen will. Ich will sehen, lesen, wo sich Menschen an der Welt stoßen, worüber sie nachdenken, woran sie scheitern und wie sie es danach trotzdem wieder versuchen. Und ich möchte selbst auch lieber jemand sein, der zeigt: Das Leben ist nicht nur Hashtag „happy“ und instagramschön – und das ist absolut in Ordnung.

Es wird bei mir deswegen wohl immer ein bisschen „emo“ sein und immer auch ein bisschen gefühliger, als andere Menschen nachvollziehen können oder wollen. Aber die müssen es ja auch nicht lesen.

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Seit wann und warum schreibst du eigentlich?

Ich weiß gar nicht so genau, seit wann ich schreibe. Ich habe in der Schule gemerkt, dass mir Worte gut liegen und dass mir das Schreiben hilft, meine Gedanken zu sortieren und sie vielleicht, bedarfsweise, sogar anderen mitzuteilen – in der Form und Tiefe, in der ich selbst das möchte.

Eine sehr schöne Antwort auf das „Warum“ habe ich auch über meine Worthelden-Vorgänger_innen gefunden, und zwar in Form des Textes „Das werde ich dir niemals sagen“ auf dem wunderbaren Blog „abgeschirmt„. Besser könnte ich es nicht in Worte fassen, deswegen lasse ich es und verweise einfach darauf. All the feels.

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Was macht dich sprachlos?

Menschen. Ihr Verhalten. Gefühle, meine eigenen und die von anderen – im positiven wie auch im negativen Sinne. Das Leben an sich. Endlichkeit.

Wo befindet sich dein kreativster Ort?

Mein kreatives Zentrum ist mein Kopf und wenn da etwas raus muss, dann muss es raus und wird an Ort und Stelle ins Handy oder in ein Notizheft geschrieben.
Wenn ich nicht unterwegs bin und ich mein Nachdenken und Schreiben planen kann, dann ist mein kreativster Ort allerdings mein Bett. Von da aus mache ich eigentlich alles.

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Wer oder was inspiriert dich?

Schon wieder: Menschen.
Texte. Lieder. Fotos. Filme. Nachrichten. Gespräche oder Fetzen davon.
Wobei das alles am Ende ja auch wieder menschengemacht ist. Deswegen: Menschen, immer Menschen. Was sie tun, wie sie es tun, warum sie es tun, was sie fühlen, wie sie es fühlen, wie es sie formt, wie sie auf mich wirken undsoweiterundsofort.

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Wie viele Entwürfe verstecken sich in deinem Blog?

Drei. Dazu kommen noch 12 Ideen-Skizzen auf Evernote, sowie jeweils eine Handvoll Fragemente in der iPhone-„Notizen“-App, im „Entwürfe“-Ordner auf Twitter und handgeschrieben in Heften.

Bist du kreativer, wenn du glücklich oder wenn du traurig bist?

Wenn es mir emotional bis Oberkante Unterlippe steht, schreibe am meisten. Aus Traurigkeit, Frustration, Unmut, Wut oder einer diffusen Mischung aus allem zusammen heraus. Und ich muss kleinlaut hinzufügen: Leider. 

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Was ist dein ganz persönlicher, selbst geschriebener Herzenstext?

Zuletzt war mir der „F41.0G„-Text sehr wichtig, dieses Sichtbarmachen und Zeigen: Hier ist nicht alles einfach. Hier ist nicht alles okay. Hier ist nicht alles „normal“, aber was heißt das schon? Es geht trotzdem weiter und falls es dir auch so geht: Du bist nicht alleine damit!

Der Beitrag zu Tinder hat damals auch einen ziemlichen Nerv getroffen. Den könnte ich heute noch genauso schreiben. Nur, dass der Fokus mittlerweile auf der traurigen Unart des Ghostings liegen würde. Das war damals noch nicht so gang und gäbe.

Welche drei literarischen Blogger möchtest du empfehlen?

Die Texte von Kathrin (http://kathrinwessling.de/) liebe ich sehr (und ich verwende das Wort „liebe“ in der Regel nicht sehr leichtfertig) – wenn ich sie lese, möchte ich ständig „Ja! Ja, ja zu allem, verdammt!“ rufen.
Bei Melissa (https://ahestae.wordpress.com/) geht es mir genauso.
Und dann sind da noch Svenja und Pauline – was die beiden auf „in anbetracht“ (http://inanbetracht.tumblr.com/) schreiben, ist ebenfalls eine große Empfehlung wert.

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