Am Rand der hellblauen Badewanne.

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Er sitzt am Rand der hellblauen Badewanne. Er hat den geblümten Duschvorhang extra beiseite geschoben, um ihn nicht unabsichtlich herunterzureißen. Das würde Aufsehen erregen und nach Aufsehen und erregen war er heute eigentlich nicht mehr aus. Er wischt sich mit jenem Teil des Handrückens, der unter Daumen und Zeigefinger liegt, über seine Wangen, wischt die Tränen weg, die nicht gekommen sind. Nicht weil ihm nicht nach Weinen zumute wäre, ganz im Gegenteil, sondern weil er es offenbar irgendwann auf dem Weg in dieses Leben hier verlernt hat. Der Spiegel über dem Waschbecken vibriert kurz, weil sich da draußen mal wieder jemand mit dem Bass gespielt hat und er blickt in das unscharfe Bild eines fehlplatzierten Typen. Die Brille hat er vorher abgelegt, als er hier reingekommen war und sein Gesicht in ein vollgefülltes eiskaltes Waschbecken gelegt hatte, bis der Schmerz nicht mir auszuhalten war. Das war vor ungefähr zwei Minuten und jetzt sitzt er hier am Rand der hellblauen Badewanne, als das erste Mal seit Betreten jemand am Türknopf rüttelt. Nachdem das hier nur ein Bad ist und keine Bad-Toiletten-Kombo dürfte es nichts Dringendes sein. Maximal Sex in der Badewanne. Sex kann man in diesem ihm so fremden Haus noch an ganz anderen Plätzen haben, das große Geschäft sollte aber an seinem dafür vorgesehenen Platz verrichtet werden. „Ich will nicht mehr raus. Magst du kommen?“, schreibt er und während er es abschickt, spürt er diesen stechenden Schmerz, als würde jemand eine lange, aber sehr dünne Stricknadel in die linke Schläfe hineinstoßen und so lange durch seinen Kopf bohren, bis die Nadel bei der rechten Schläfe wieder hinausstößt. Wahrscheinlich hört sie das Handy nicht, sie sind ja auf einer Party, und naja, da schaut man nicht alle zwei Minuten aufs Handy, er kann sie schon verstehen, aber trotzdem wäre es gut – „Wo bist du?“ – wenn sie da – „Badezimmer. 1. Stock.“ – wäre. Klopfklopfklopf. „Ich bins.“

Er öffnet die Tür. Sie ist es.

„Alles okay?“
— „Nein.“
„Alles zuviel?“
— „Ja.“
„Willst du nach Hause?“
— „Nein, ja. Ich weiß es nicht.“

Er würde sie gerne küssen. Das würde er gerne. Er würde gerne mit ihr am Rand dieser blauen Badewanne sitze und sie küssen. Mit geschlossenen Augen und seinen Händen um ihren Kopf gelegt würde er da gerne sitzen und sie küssen.

„Es ist nur.“
— „Ich weiß.“

Sie weiß es nicht, oder weiß sie es doch? Warum ist sie für ihn da, obwohl „Für-ihn-da-Sein“ nicht gerade die gewinnbringendste Aktivität ist. Wie sollte sie auch nur das empfinden, was er da so spürt in sich. Sie, die wohl jeden haben könnte, warum ist gerade sie hier bei ihm? Als gäbe es da draußen nichts Wichtiges, nicht das echte Leben, sondern nur gähnende Leere. Dabei ist es doch ganz umgekehrt. Dabei ist doch alles ganz anders, und ihre braunen Haare schimmern in diesem Badezimmerlicht. Sie setzt sich sich neben ihn, auf den Rand der blauen Badewanne. Den Duschvorhang schiebt sie noch weiter weg, damit sie ihn nicht unabsichtlich herunterreißt.

„Weißt du, ich bin gern hier.“
— „Bei mir?“
„Mit dir, ja.“

Die beiden sehen sich in die Augen. Es ist ein ganz besonderer Moment, alles ist still, alles perfekt, alles so, wie es sein sollte und er es sich schon ewig gewünscht hat.

— „Geh, bitte.“
„Was?“
— „Das hier ist nicht dein Platz. Der ist dort draußen.“

Er sieht sie nicht an, dreht den Kopf bewusst von ihr weg, und stößt sie in Gedanken mit der einen Hand weg, während die andere versucht, sie festzuhalten. Sie steht auf, sieht ihn immer noch an, schüttelt nur den Kopf und geht. Er bleibt noch. Hier, am Rand der hellblauen Badewanne, wo es fast still ist, die Menschen nur gedämpft zu hören sind, wie sie in den anderen Räumen dieses Hauses ihr Unwesen treiben. Er legt seinen Kopf in seine offenen Handflächen, der Schmerz war jetzt wieder kurz da.

Sie wird wahrscheinlich gerade von anderen Menschen angesprochen, angetanzt, angelebt. Er öffnet die Tür, blickt sich draußen um. Fuck it. Fuck einfach mal alles. Er kann nicht sein ganzes Leben am Rand einer hellblauen Badewanne verbringen. Irgendwann muss man mal springen. Er mischt sich unter die Menschen dieser Hausparty, wobei viele ihn nicht interessieren und er auch für die meisten anderen nur bedingt interessant erscheint. Es ist nicht die Party seines besten Freundes, er kennt zwar ein paar, aber die meisten sind ihm völlig unbekannt und er hat auch keine Lust, sie irgendwie kennenzulernen. Er holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank, geht auf den Balkon, zündet sich eine Zigarette an und wartet. Das Bier kühlt seinen Kopf, die Schmerzen dort sind wieder weg, können aber jederzeit wieder zurückkommen. Drei Züge, vier Schluck, alles geht dahin und verendet und am Ende wirft er die Zigarette auf die Straße, geht wieder hinein, liegt die Bierdose zum anderen Müll und holt sich noch ein Bier. Scheiß drauf. Wenn das das Leben ist, dann braucht er mindestens noch ein Bier.

Es wird vier Uhr, die Polizei war einmal kurz da, die Musik ist schon etwas leiser, aber wäre er der Nachbar dieser Partyveranstalter, wäre wohl auch die Polizei schon wieder da. Immer noch mindestens hundert Menschen in diesem Haus, manche vollkommen betrunken, manche kurz vorm Einschlafen an den ungemütlichsten Orten. Und da ist auch sie wieder. Schön, sie wiederzusehen. Sie war ihm zwar immer wieder aufgefallen, als er neues Bier holte, oder als er mit dem einen Typen draußen stand, der seinen Joint mit ihm teilte. Wie sie da saß und stand und lachte, sich unterhielt, mit Typen und Frauen, mit hässlichen und schönen. Sie hatte es verstanden. Sie hatte es einfach verstanden. Immer mal wieder blickte sie sich um, vielleicht suchte sie ihn, aber er sah immer weg. Jetzt sitzt sie da, mit ihrem Plastikbecher, trinkt wohl irgendsoein Mixgetränk mit Wodka und er wirft die letzte Zigarette weg. Geht wieder hinein, setzt sich zu ihr und schweigt. Weil es das ist, was er am Besten kann, weil er eben so ist und dann lehnt sie ihren Kopf an seine Schulter. Er küsst ihre Haare und als sie aufblickt, küsst sie schließlich auch ihn. Das ist also das Leben, denkt er. Das ist es also.

Irgendwann wird es fünf, und die beiden sitzen noch immer auf der Couch, verknoten ihre Finger ineinander und warten bis der Tag anbricht. Das ist also dieses verdammte, überraschende Leben, denkt er. Und holt sich noch ein Bier.

Bildquelle: Bestimmte Rechte vorbehalten von John-Pa

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