Bastian • Wortheld August 2015

Ich hole sie vor den Vorhang: Wer sind diese Worthelden, die mich mit ihren literarischen Texten auf ihren Blogs verzaubern? Diesmal hat Bastian meine zehn Wortheld-Fragen beantwortet.

Wer bist du und wenn ja, warum?

Ich bin Bastian, zurückhaltend, ruhig, sehr neugierig und aufopferungsvoll. Ich musste früh lernen, alleine auf eigenen Beinen zu stehen. Dadurch war meine Jugend eine Talfahrt durch Extreme. Geboren und aufgewachsen bin ich in Ost-Berlin. Die guten und die schlechten Zeiten haben aus mir einen Menschen gemacht, der sich in jeder Situation einordnen kann. Vor drei Jahren habe ich meine kleine Schwester durch einen Suizid verloren. Ab da wurde ich erwachsen. Ich bin im Reinen mit mir.

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Und wie viel davon steckt in deinen Texten?

Früher alles. Jede Facette, die zu mir gehörte, bildete ich in meinen Texten ab. Gerade in den ersten Jahren meines Schreibens war ich ein Harlekin. Vor dem Vorhang habe ich die Leute gerne zum Lachen gebracht. So waren meine Texte, voller Selbstironie, Übertreibungen etc. Hinter dem Vorhang waren all die Dinge, denen ich keinen Ausdruck geben konnte. 2008 habe ich mich dann getraut, meine Nachdenklichkeit abzubilden und habe Texte über alltägliche und persönliche Dinge gebloggt, habe ein kleines, kollaboratives Online-Literatur-Projekt mit einigen Ausgaben zu emotionalen Themen auf die Beine gestellt. 2010 kam dann der Bruch mit dem Befindlichkeits-Bloggen und ich habe überwiegend lyrische Texte geschrieben. Ab 2011 habe ich dann meinen letzten Sprung gemacht. Ich wollte Geschichten schreiben. Kurzum: Ich habe mich über die Jahre persönlich weiterentwickelt und das spiegeln meine unterschiedlichen Themen und Stile in diesen Jahren auf ganz unterschiedliche Art und Weise wider. Nicht alles in meinen Geschichten ist auch ein Teil von mir, aber überall stecken Wahrheit und persönliche Gedanken drin.

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Seit wann und warum schreibst du eigentlich?

Irgendwann im Sommer 1998 fing ich durch Mitschüler und ein paar Bücher mit dem Writing (Anm.: Graffiti) an. So habe ich meine Liebe zu Buchstaben entdeckt. Mit Schreiben hatte das wenig zu tun, da es nur um Form und nicht um Inhalt ging, aber ich sehe das heute als eine Vorstufe zu meiner Entwicklung mit dem Schreiben.

Im Sommer 2001 lernte dann ich eine Frau kennen. Sie war 21 und ich war gerade einmal 16 Jahre alt. Ich lebte in Berlin und sie in einer anderen Stadt. Wir begannen eine Brieffreundschaft, die fast 5 Jahre anhielt, ziemlich classy. Ihre Briefe waren handgeschrieben, sehr lang und sehr persönlich. Das war das erste Mal für mich, dass ich bewusst geschrieben habe, ohne Zwang und ohne Aufgabenstellung. Inhalt statt Form. Das Briefeschreiben hat mein Interesse geweckt, Gedanken zu Papier zu bringen.

Anfang 2005 habe ich meinen ersten Text auf meinem ersten Blog veröffentlicht, ohne eigentlich zu wissen, was ich damit erreichen will. Heute weiß ich es sehr genau.

Ich schreibe, weil es der einzige Weg für mich geworden ist, Gedanken und Gefühle, die ich nicht mit gesprochenen Worten formulieren kann, zu bändigen. Das Schreiben hat mir den Arsch gerettet. Dadurch bin ich immer wieder auf die Beine gekommen.

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Was macht dich sprachlos?

Nicht viel. Was mich wirklich sprachlos macht – bis heute – ist, dass ich durch das Schreiben zu einer Frau gelangt bin, mit der ich seit einigen Jahren Herz, Bett und Schokolade teile. Ohne das Schreiben wäre das nicht möglich gewesen. Mein Leben ist seitdem eine Kurve nach oben.

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Wo befindet sich dein kreativster Ort?

Kreativität ist bei meinem Schreiben nicht ortsgebunden, sondern eher mit meiner Stimmung und mit Umständen verknüpft. Schreiben und Zeichnen funktioniert bei Dunkelheit am Schreibtisch unter einer kleinen Lampe am besten. Früher konnte ich das nur zugedröhnt. Mittlerweile reicht Ruhe öfter aus, um alles rauszulassen. Ich schreibe halt auch sehr langsam, weil ich dabei extrem viel nachdenke. Nach zwei, drei Stunden ist dieser Impuls dann meistens vorbei und es herrscht Ruhe auch in mir. Durch meinen anstrengenden Beruf habe ich nicht immer Zeit zum Schreiben, auch wenn die Impulse dazu in mir kämpfen.

Wer oder was inspiriert dich?

In der Regel baut sich meine Inspiration aus mehreren Einflüssen auf. Ideen für Geschichten und Texte entstehen durch mein Querlesen in der Kultur und der Politik. Am stärksten werde ich durch Reisen geprägt, auch wenn der Stift in dieser Zeit meistens ruht. Hier sammle ich vor allem Beobachtungen, Details, die dann später die Kulissengrundlagen meiner Geschichten bilden. Ich verknüpfe in meinen Texten meistens Autobiografisches, Beobachtungen und Fiktives aus Gedanken, Träumen und Gefühlsbeschreibungen.

Ich lese sehr viel (z.B. Christian Kracht, Willy Vlautin, Etgar Keret usw.), was sicher Einfluss auf meinen Schreibstil nimmt. Beim Schreiben an sich höre ich seit Jahren ausschließlich die Alben von Boards of Canada. Sie spiegeln musikalisch das wider, was ich ausdrücken möchte. Wenn meine Texte irgendein beschreibbares Gefühl zum Ausdruck bringen sollen, dann das Gefühl, das ich habe, wenn ich BoC höre.

Wie viele Entwürfe verstecken sich in deinem Blog?

Keine. Ich habe früher fast täglich gebloggt. Seit ich weg vom Befindlichkeits-Bloggen und der reinen Lyrik bin, sind meine Texte länger und komplexer geworden. Teilweise sind diese Geschichten bis zu 100 Seiten lang, umfassen Charaktere und einen Plot. Die liegen unveröffentlicht auf meiner Festplatte. Die Texte aus den letzten zwei Jahren sind Textausschnitte oder Abschnitte, die in den Geschichten schlussendlich doch keinen Platz gefunden haben. Liest man meinen Blog, könnte man meinen, ich sei weniger aktiv. Die Wahrheit ist, dass ich nur noch selten mein Schreiben veröffentliche. Ich schreibe in Word oder handschriftlich in meine Notizbücher. Das gefällt mir besser.

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Bist du kreativer, wenn du glücklich oder wenn du traurig bist?

Wenn ich traurig bin, fällt es mir einfacher zu schreiben, weil ich so mehr verarbeiten kann. Einer der Gründe, warum ich mit Schreiben kein Geld verdienen möchte, ist vielleicht auch, dass ich nicht permanent traurig sein will. Ich war jahrelang einfach nur traurig, weil ich entwurzelt war, uneins mit mir und nicht wusste, welchen Weg ich gehen will. Das zehrt, wie sich die meisten selbst auch vorstellen können. Traurigkeit hat jedoch leider das größte Potential etwas Großes zu Papier zu bringen. Auch für mich. Heute stehe ich im Leben. Manchmal bin ich traurig, aber größtenteils glücklich.

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Was ist dein ganz persönlicher, selbst geschriebener Herzenstext?

Tatsächlich ist das eine unveröffentlichte Kurzgeschichte, die auf wahren Begebenheiten basiert. Es geht darum, wie ich mit der schönsten Frau der Welt letzten Spätsommer durch Albanien reiste und auf dem Weg zum Kosovo einen alten Mann kennen lernte, der mit uns weiterreiste. Wie sich heraus stellte, war er Anfang der 80er Jahre beim Militär, flüchtete nach Amerika, baute sich dort ein neues Leben in der Gastronomie in Florida auf und erfand mit seinen Kollegen Ende der 80er Jahre bei einem internationalen Cocktail-Wettbewerb den „Sex on the beach“. Heute lebt er wieder in seinem Heimatdorf nahe der Grenze zum Kosovo und arbeitet dort in der Tourismusentwicklung, um den Menschen im Nirgendwo zu mehr Wohlstand zu verhelfen. Er sagte sinngemäß: „Du verlässt Albanien, aber du wirst immer wieder dahin zurückkehren.“

Welche drei literarischen Blogger möchtest du empfehlen?

  • Dana Buchzik (http://sophiamandelbaum.de)
  • Ally Klein (http://allyklein.twoday.net, leider nicht mehr aktiv, aber immer noch lesenswert)
  • To01 (http://to01.de)

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