Es regnet.

Es regnet. Schon seit Stunden. Und ich sitze auch schon Stunden hier, vor diesem Blatt Papier, mit dem Stift in der Hand und manchmal zwischen meinen Zähnen und überlegte die ganze Zeit, womit ich einen Brief an dich beginnen könnte. Es regnet, weißt du? Schon seit Tagen.

Gibt es dich überhaupt noch? Ich weiß es nicht, habe doch nur mal ein bisschen rumgefragt und gegoogelt und habe irgendwann deine hoffentlich aktuelle Adresse gefunden. Vielleicht liest auch gar nicht du diesen Brief, sondern jemand ganz anderer. (Und falls es wirklich so ist: Antworten Sie mir! Ich würde mich freuen.) Aber vielleicht bist es ja doch du, vielleicht war all die Anstrengung es wert, endlich wieder einmal mit dir in Kontakt treten zu können.

Es hätte damals nicht so verlaufen müssen, weißt du. Ich war noch jahrelang sprachlos über den Verlauf der Dinge, über den Cut, über das Ende, und ich war wütend. Oh mein Gott, war ich wütend, auf dich und auf mich, auf uns. Aber mit der Zeit immer mehr auf mich, weil ich es zugelassen habe, weil ich so sehr in meinem Stolz gekränkt war, dass ich nichts daran setzte, dir zu zeigen, wie falsch du liegst. Oder wie sehr es geholfen hätte, noch ein paar Nächte darüber zu schlafen. Aber halt, das klingt jetzt alles wie eine große Anschuldigung an dich, das klingt nicht so reflektiert, wie ich gerne sein möchte.

Esregnet3

Mich trifft doch genauso viel Schuld, das weiß ich. Ich habe es dir vorher nicht leicht gemacht, habe dich wahrscheinlich zu großem Teil zu dieser Person gemacht, die dann diesen Cut vollzog. Und ich war es, der dir nicht klar machen konnte, dass wir uns nicht verlieren dürfen, weil wir uns brauchen. Stattdessen war ich wütend, traurig, verletzt und baute sie mit, die Mauer zwischen uns, mithilfe der wir uns schon bald nicht mehr sehen konnten, nicht hören und nicht spüren. Doch du warst immer da, und von all unseren schönen Erinnerungen verblieb nur der Schmerz. Und das will ich nicht mehr.

Es regnet. Schon seit Monaten. Und ich wollte dich bitten, dass du mir verzeihst. Dass wir neu beginnen, trotz der Erinnerung an das Vergangene oder vielleicht gerade deswegen. Lass uns den Schmerz gemeinsam vertreiben, lass uns neue Erinnerungen bauen, trotz all der Jahre, die wir durch uns verloren haben. Und selbst wenn du schon viel weiter bist und vielleicht gar keine Gedanken mehr verschwendest, so zeige mir doch bitte trotzdem, dass es dich noch gibt. Dass es dir gut geht. Schreib nur eine kurze Antwort. Um mehr bitte ich ja gar nicht. Sag mir, dass du mich verstehst. Und sag mir, ob es bei dir auch regnet, oder ob sich bei dir schon wieder die Sonne durchgekämpft hat. Denn hier regnet es. Schon seit Jahren.

Bildquelle: PublicDomainPictures / Pixabay

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