Springe zum Inhalt →

Der Hals der Giraffe • Judith Schalansky

Ein Buch über Verbitterung, soziale Inkompetenz und Misanthropie. Ein Buch über die Schule.

Inge Lohmark unterrichtet Biologie und Sport am Charles-Darwin-Gymnasium, irgendwo in Vorpommern, in Deutschland. Die Schule wird in vier Jahren zusperren müssen, wegen Schülermangel, so erzählt man auf den ersten Seiten. Doch in Wahrheit tut das nichts zur Sache. Der sogenannte Bildungsroman erklärt einerseits (für Biologie-Laien wie mich) so manches Wissen in diesem Bereich – doch vielmehr geht es um Lohmark, die zwar voller biologischer Fakten ist, in Wahrheit jedoch eine kaputte, gebrochene Frau ist, die für den Lehrerberuf so gut wie unbrauchbar ist.

JudithSchalansky

Judith Schalansky
geboren 1980 in Greifswald

Bisheriges Werke:

  • Blau steht dir nicht (2008)
  • Atlas der abgelegenen Inseln (2009)

Lohmark hasst so gut wie alle Kinder, die Faulen, die Störenfriede genauso wie jene, die bei jeder Frage ihre Hände nach oben reißen um bei der Lehrerin punkten zu wollen. Ihre Tochter hat sich in die USA verflüchtigt, ihr Mann ist lieber bei seinen Zuchtstraußen. Und sie nimmt uns somit mit in die verschiedensten Unterrichtsstunden, aber auch in die Busfahrten, die sie hin und wieder nehmen muss. Und immer und immer wieder hört man aus Lohmarks Worten den Hass gegenüber eigentlich allem heraus. Und so wissend sie auch im Bereich der Biologie ist, so furchtbar, so furchteinflößend und mitunter verstörend sind ihre Ansichten auf menschliche Gefühle wie Liebe oder Verbundenheit. Grundsätzlich belegt Lohmark alles, aber auch wirklich alles mit den Grundlagen der Biologie.

Dabei wird von Seite zu Seite das Verhältnis zwischen dem Leser und Inge Lohmark auf die Probe gestellt: Man hat Mitleid mit einer solch gefühlskalten Frau, möchte wissen, was sie so derart abstumpfen hat lassen. Möchte sie schütteln um ihr zu zeigen, dass sie auch noch etwas fühlen könnte. Und oft genug kommt auch der eigene Hass heraus, und das Hoffen, dass es solche LehrerInnen im echten Leben hoffentlich nicht mehr gibt.

Wirklichkeitsnäher sollte ihr Unterricht werden, wurde ihr danach empfohlen. Was für ein Schwachsinn! Wirklichkeitsnah war die Biologie doch sowieso. Die Lehre vom Leben, seinen Gesetzmäßigkeiten und Erscheinungsformen, seine Ausbreitung in Zeit und Raum. Eine Beobachtungswissenschaft, die alle Sinne ansprach. Aber das war mal wieder typisch: Erst das Tieretöten für die Sezierstunde verbieten und dann mehr Wirklichkeitsnähe fordern!

Judith Schalansky hatte wohl Lust dazu, die Abgründe eines Menschen in Form einer Lehrerin literarisch zu zeichnen. Das ist ihr eindeutig gelungen. Was das Buch jedoch zum Teil langweilig werden lässt, ist die Tatsache, dass die Geschichte sich nicht weiterentwickelt, dass die Evolution etwas aufhört. Man steht an einem Punkt, bekommt durch Lohmarks Gedanken manchmal Rückblicke, jedoch keinen Blick in die Zukunft. Beziehungsweise, wenn überhaupt, dann einen sehr düsteren, beinahe post-apokalyptischen. Die Aufmachung des Buches gefällt, vom Cover über die Zeichnungen bis hin zum Sitzplan der Klasse. Alles in allem hat mich „Der Hals der Giraffe“ jedoch nicht voll und ganz begeistert, zu sehr ärgerte ich mich schon über Lohmarks Hass auf die Menschheit.

DerHalsderGiraffe

Judith Schalansky

Der Winter tut den Fischen gut

Suhrkamp Verlag

Preis: 10,30 Euro (ebook: 9,99 Euro) (Info zu Partnerlinks)
222 Seiten
ISBN: 978-3-518-46388-8

 

Veröffentlicht in Literaturheld

Kommentaren

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

    %d Bloggern gefällt das: