Fahr einfach.

“Fuck, ich hab meinen Pass vergessen”, schreckst du hoch. Mach dir keinen Kopf, sage ich, wir fahren nur nach Tschechien, da brauchst du doch keinen mehr, da wird ja auch schon seit Ewigkeiten nicht mehr kontrolliert, oder kontrollieren sie wieder, frage ich mich und bin unsicher, weil sich da ja in den letzten Jahren so einiges getan hat, aber einen Führerschein hast du doch mit, frage ich und du nickst, es ist schon ein komisches Gefühl, dass wir wieder an einem Punkt sind, den wir vor Jahren doch schon aufgegeben hatten; dass man diese grenzenlose Freiheit verliert, die wir doch gerade erst gewonnen hatten. Als diese Geschichte von Europa noch so schön geklungen hat, als man die blaue Farbe mit den Sternen, wenn man super motiviert war, sogar noch als Button getragen hat, bevor das mit dem Mittelmeer immer mehr Aufmerksamkeit bekommen hat natürlich, dann war es plötzlich grauslich und ist nie wieder wirklich gut geworden. Weil es halt einfach nie cool sein wird, Abertausende Menschen ersaufen zu lassen, um Botschaften zu senden, weil niemand hässliche Bilder braucht, weil wir einfach versagen, tagein, tagaus und auch noch stolz darauf sind. Vieles ist beschissener geworden, sage ich zu dir und du nickst, und der Grenzübergang, der keiner mehr ist, ist nicht besetzt, vermutlich seit zwanzig Jahren nicht mehr, vielleicht seit drei, ich weiß es nicht, wir fahren weiter und du schreibst dir in deine Notizen-App, dass du dir endlich einen Personalausweis machen lassen musst, weil.

Das Autoradio knarzt und kracht, was eigentlich nicht mehr möglich sein sollte, ich drehe leiser, um in der Dunkelheit die leere Straße besser sehen zu können. Du hast deinen Kopf an deine Fensterscheibe gelegt, beinahe glaube ich, du schläfst, aber du schaust weiter in dieselbe Richtung wie ich hinein in die Dunkelheit Tschechiens.

“Glaubst du, dass das jemals wieder aufhören wird?”, fragst du mich und ich antworte dir, dass es nie wirklich aufhören wird, dass es besser wird, na gut, aber aufhören, das wird es wirklich nie. Da ist nämlich dieser Teufelskreis, dass du nicht daran denkst, selbst für ein paar Tage, du bist vollkommen unbekümmert, der Schmerz, die Trauer, diese grenzenlose Last auf dir, sie ist vergessen, hat keinen Platz in deinem Leben gerade, und wenn es dir dann auffällt, wenn du erkennst, dass sie fehlt, ist sie wieder mit voller Wucht da, bekommt wieder die Hauptrolle, den Fixplatz, die Präsidentenloge. Also aufhören kannst du von deiner Wunschliste streichen, aber besser wird es, das stimmt. Denn es gibt dann eben mal diese paar Tage, und das ist schon gut. Die muss man sich gönnen, die braucht man, das Vergessen, und es ist ja nur ein Vergessen auf Zeit, das ist nichts Schlimmes, das ist ja fast schon gesund. Gönn sie dir, diese Tage, gönn dir diese Stille im Kopf, diese Leichtigkeit, die du von früher noch kennst, sie ist gut, ja, das ist sie. Nimm sie dir, solange es geht.

Du seufzt. Das ist so eine Standardreaktion von dir, wenn ich dir erzähle, was ich denke. Ich glaube, du kritisierst mich damit nicht, vielleicht hast du einfach nur auf eine bessere Antwort gehofft, auf ein “Ja klar, gib dem Ganzen noch etwas Zeit, ein, zwei Wochen, dann ist es vorbei”, aber ich will dich ja nicht belügen. Du seufzt noch einmal, und ich merke, wie du langsam einschläfst; ich drehe das Radio lauter, damit ich es nicht tue und damit ich die Dunkelheit der leeren Straße schlechter sehen kann. 

Ich erinnere mich, wie das war, als ich dich das erste Mal mit dem Auto abgeholt habe, wie ich da im Auto saß, vor deinem Wohnhaus stand und dich anrufen hätte sollen, wenn ich da bin. Habe dir aber nur geschrieben, und irgendwann hast du dann doch rausgeschaut und bist runter zu mir und dann sind wir zum See gefahren, erinnerst du dich? Ich weiß auch noch, wie wir aneinander zerbrochen sind, zumindest das erste Mal.

“Das musst du doch verstehen, ich kann das gerade nicht”, hättest du damals sagen sollen, hast es natürlich angedeutet, das hast du, aber interpretieren war noch nie meine Spezialität. Du hast es nicht gesagt und in meiner Liebe, meiner überschwänglichen, meiner grenzenlosen, meiner völlig kaputten Liebe, da habe ich es auch nicht sehen wollen, weil ich ja gedacht hab, weil ich ja denken wollte; ich habe es dir nicht angesehen, habe dir nicht zugehört, als du es nicht gesagt hast, habe versucht, zu bekommen, was du mir zu geben nicht bereit warst, habe mich dann abgewendet, als ich es zu spät verstanden habe, habe überschritten, was für dich völlig klar war, kann mich nur entschuldigen, weil zum Verstehen habe ich Jahre gebraucht, musste ich älter werden, musste ich selber lernen, dass jeder Mensch Grenzen braucht und dass jeder Mensch Grenzen sucht; auch wenn jeder Mensch mitunter Probleme hat, diese für sich selbst einzufordern.

Wir sind dann irgendwann wieder über uns gestolpert, glücklicherweise. Und ja, ich bin dazwischen ein paar Mal an mir gescheitert, und du bist auch gewachsen, wir haben dann einfach beschlossen, wenn es denn so sein soll, ab jetzt wieder gemeinsam auf den Abgrund zuzulaufen. Und wenn ich jetzt hier, auf diesem leeren Tesco-Parkplatz um kurz nach zwei Uhr früh, auf dich schaue, wie du da am Beifahrersitz schläfst, als wäre es das Leichteste der Welt, aber auch weiß, dass du schon die letzten Tage, die letzten zwei Wochen wohl nicht mehr richtig schlafen konntest, seufze auch ich. Immer hast du geweint, hast auf mir geweint, hast geweint und geweint und geweint und irgendwann bin ich dann vor Erschöpfung eingeschlafen, während du weiter geweint hast.

“Ich habe Angst. Ich hab so eine beschissene Angst, verstehst du?”, sagst du ein paar Stunden später, ich habe uns vom Tesco ein Frühstück gekauft, übersüßten Kaffee, Kofola und diese Schulmäuse oder wie sie auch heißen, zumindest die billige Tesco-Version davon. “Manchmal denk ich mir, jetzt wär gerade der richtige Zeitpunkt, um mit dem Rauchen anzufangen”, lachst du, weil du weißt, dass ich weiß, wie sehr du Rauchen hasst. “Die Tage, an denen ich nicht mehr aus dem Bett aufstehen möchte, werden häufiger”, erzählst du weiter, “Weil alles, alles, wirklich alles mich niederdrückt, weil die Welt, weil ihr Abgrund, alles kommt näher. Ich warte nur noch auf den Tag, an dem ich nicht mehr aus dem Bett aufstehen kann. Weil mir die Kraft fehlt, weil mir der Mut fehlt, weil die Angst gewonnen hat. Wenn die grenzenlose Dunkelheit das Kommando übernimmt und ich keine Lampe mehr aufdrehen kann, keine Kerze anzünden, weil einfach nichts mehr hilft. Wie kannst du noch hoffnungsvoll in die Zukunft schauen, wie kannst du immer noch so weiter machen? Natürlich ist jetzt noch extra viel Mist passiert, dieser ganz große Scheiß, ich habe den Halt, den Boden unter den Füßen, einen Fixpunkt verloren. Aber weißt du, ich frag mich, ob es sich überhaupt noch lohnt, sich wieder aufzurappeln? Wofür denn? Immer, wenn ich es versuche, bewusst den Kopf hoch zu halten, flattert mir der Mist zu, der tägliche Mist, all der Mist. Wieso kommt es mir so vor, als würde nur ich all das sehen, als würd nur ich mir all diese Gedanken machen, als würd nur ich unter der Last dieser Gedanken zugrunde gehen? Wieso können alle anderen damit umgehen, oder dem ganzen einfach ausweichen, können die Augen verschließen, können die Scheuklappen aufziehen, damit sie weiter funktionieren, weil es ja schließlich immer weiter gehen muss. Und die auch noch wie gewohnt in ihre Büros gehen, vor dem Computer sitzen und E-Mails tippen, während draußen gerade der Dritte Weltkrieg beginnt. Weißt du, ich weiß nicht, warum nur ich diese Scheißangst in mir haben muss.”

Ich sage dir, dass ich dich verstehe und ich weiß, dass es dir egal ist. Du weißt ja selber, dass du damit nicht allein bist, du ärgerst dich nur, dass du dem ganzen nicht ausweichen kannst. Ich habe da innerlich noch diesen naiven Optimismus in mir, ich werde an ihm scheitern, das weiß ich natürlich, aber bis dahin werde ich mir einreden, dass alles gut wird. Vielleicht kann ich dich damit infizieren, vielleicht kann ich dir eine Powerpoint davon erstellen, vielleicht kann ich irgendwas ändern, aber in Wahrheit wird es vermutlich nichts helfen, was soll schon helfen, was denn?

“Wohin fahren wir eigentlich”, nuschle ich, als ich mich wieder hinters Steuer setze, die letzte Schulmaus zwischen meinen Zähnen, und sehe dich erwartungsvoll an, sehe in deine Augen, sehe in ihnen aber nur die grenzenlose Leere. Sehe kein Ziel, sondern nur Flucht. 

“Fahr einfach.”

Dein Kopf lehnt wieder am Fenster, du weinst still, wir hätten in alle Himmelsrichtungen fahren können, aber gestern Nacht wurde es Tschechien. Wir fliehen, ich bin dein Fluchthelfer, ich bin bei dir, wenn du nur möglich weit weg sein willst. Ich bringe dir Tapetenwechsel, wir können schweigen, können die Trauer, den Tod, die Angst und die Dunkelheit mit uns mitfahren lassen, aber dazwischen immer mal wieder durchlüften. Können uns von Tesco-Parkplatz zu Tesco-Parkplatz navigieren lassen und einfach nur weg sein. 

“Fahr einfach nur, bitte.”

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Seit 2005 stelle ich literarische Versuche ins Netz, seit 2013 unter der Namen Neon|Wilderness, seit 2026 versuche ich jetzt wieder, dieser Seite neues Leben einzuhauchen. Es würd mich freuen, wenn du mich begleiten würdest!