Das letzte Mal, dass du es in die Medien geschafft hast, war beim sogenannten Brückenschluss bei der Eisenbahnbrücke in Linz. Auf Seite 17 der Slideshow sieht man, wie du auf einem Klappsessel, mit einem Gucker vor den Augen zuschaust. Noch Wochen später hast du mir von diesem Brückenschluss erzählt und mir erklärt, dass es sich um ein Jahrhundertereignis gehandelt hat und ich ja gar nicht verstehen würde, was das für eine Bedeutung hätte. Womit du vermutlich recht hast, Papa. Ich habe dein Faible für Baustellen noch nie verstanden, habe noch nie meine freie Zeit damit verbracht, in große Baustellengruben zu schauen. Früher hat dich das zwar auch schon interessiert, aber inzwischen hast du dich dem Klischee des in eine Grube schauenden Pensionisten so sehr angenähert, dass ich nicht mehr weiß, ob du es wirklich magst oder es nur machst, weil du weißt, wie lächerlich ich das finde.
Vor ein paar Jahren habe ich eine Woche Urlaub von meinem Bürojob in Wien genommen, um Freunden in Oberösterreich beim Hausbauen zu helfen. In dieser Woche bist du drei Mal mit dem Moped vorbeigefahren, hast dich an den Rand der Baustelle gestellt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und den Fortschritt kommentiert. Du hast mir nie zugetraut, dass ich für körperliche Arbeit geeignet sei, womit du auch nicht unrecht hattest, aber man konnte dir ansehen, dass du ein bisschen stolz auf mich warst, weil ich mich bei dieser Arbeit am Fundament nicht vollkommen dumm angestellt habe. Auch danach bist du noch regelmäßig vorbeigefahren, bist zwar nicht mehr stehen geblieben, aber regelmäßig hast du mir erzählt, wie weit die Arbeiten bereits fortgeschritten seien. Du fragst mich zwar jetzt regelmäßig, wie dieser eine Freund eben nochmal hieße, aber von der ehemaligen Baustelle kannst du immer noch alles erzählen.
Seit zwei Jahren bauen sie jetzt schon an der Autobahnbrücke in meinem Heimatort. Meine Besuche sind seltener geworden, aber ich kann es jedes Mal wieder auf meiner Bingo-Karte ankreuzen, dass du mir ausführlich vom Baufortschritt erzählst. Es ist fast so, als hättest du den Bauplan einstudiert, als wüsstest du die bevorstehenden Meilensteine dieses jahrelangen Prozesses. Jedes Mal wieder berichtest du mir davon, manchmal die komplett identen Details, ausführlich, aber für mich völlig irrelevant. Manche Sätze kann ich schon mitsprechen und dann blickst du mich ganz überrascht an, weil du nicht mehr weißt, dass du mir schon ein, zwei Mal davon erzählt hast.
Bis du vor ein paar Jahren in Pension gegangen bist, warst du bekannt für dein Elefantengedächtnis. Es war beeindruckend, wie du alles, aber auch wirklich alles, in Erinnerung behalten konntest. Einzig die Namen deiner engsten Familie hast du schon immer im Zufallsprinzip rotiert, und auch unsere Geburtstage und deinen Hochzeitstag. Alles andere aber konntest du abrufen, wie eine gut geölte Maschine, wie eine perfekt defragmentierte Festplatte, alles hattest du im Kopf, immer warst du gefragt, warst da, wenn dich jemand brauchte. Und dann kam die Pension. Und aus all den Freiheiten, die du davor nie wirklich haben konntest, wurde vielmehr die große Ungewissheit, was du jetzt mit all dieser Zeit anfangen könntest.
Ich weiß nicht, wie es für dich ausgesehen, wie es sich für dich angefühlt hat. Aber für mich hat sich dieser Umbruch so angefühlt, als hätte man dir die dir so gewohnte Welt einfach abgebaut, um einen Brunnen daraus zu mauern. Und du warst erst einmal von der Unterforderung überfordert, und als du dann wieder etwas die Oberhand gewonnen hattest, hattest du schon keine Ahnung mehr, wie du vom Grund des Brunnens, wie du aus diesem Loch wieder entkommen könntest. Nun sieht es so aus, als hättest du aufgegeben, als wäre das Loch hier jetzt für immer.
Und von dem Loch aus, bleibt dir nur mehr die Möglichkeit, in der Ferne die ganzen Baustellen zu beobachten. Dich manchmal mit einem Klappsessel und einem Gucker auf einen Hügel zu setzen und zuzusehen, wie ein Brückenschluss stattfindet, und mir noch tausende Male zu erzählen, wie aufregend und einzigartig die Renovierung der Autobahnbrücke vonstatten gehe.
Vielleicht bist du jetzt so sehr vom Aufbau neuer Häuser oder dem Umbau von Brücken fasziniert, weil du deinen eigenen Abbau spürst. Dabei bist du körperlich verhältnismäßig noch in überraschend guter Form, aber mit jedem Mal, wenn du mir von der immer gleichen Baustelle erzählst, habe ich das Gefühl, dass ein weiterer Teil deines Elefantengedächtnisses in Pension geschickt worden ist. Ich hab Angst, dass es nicht mehr lange dauert, und eine große Pensionswelle gestartet wird, und bevor du mir dann irgendwann gar nichts mehr erzählen kannst, höre ich mir gern noch fünftausend Mal all deine Erzählungen von der Autobahnbrücke an. Und sollte es dort auch zu einem Brückenschluss oder etwas Ähnliches kommen, pack diesmal bitte zwei Klappsessel ein und auch einen zweiten Gucker.
Dann würd ich mitkommen. Nicht um selber eine Faszination für Baustellen zu entwickeln, sondern einfach im Versuch, dich ein bisschen besser zu verstehen. Das gelingt mir seit einigen Jahren immer weniger. Daran können wir noch arbeiten.

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