Ich glaub, ich hab meine Zahnbürste vergessen.

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Verdammt.“
– „Was ist?“
„Ich glaub, ich hab meine Zahnbürste vergessen.“
– „Ist doch egal.“
„Hm?“
– „Ist doch egal. Ich mein, komm schon, nimm meine, putz dir die Zähne mit deinem Finger oder mach es heut Abend einfach nicht.“

Aber noch bevor du den Satz zu Ende sprechen konntest, habe ich bereits etwas Zahnpasta auf meinen rechten Zeigefinger aufgetragen. Früher habe ich das halbwegs regelmäßig gemacht, wenn man nach dem Ausgehen nicht zuhause geschlafen hat, sondern bei Freunden oder so. Irgendwann habe ich dann begonnen, in meiner Tasche immer eine Zahnbürste mit mir herumzuführen, weil man ja für alle Eventualitäten gewappnet sein soll und das war schließlich der Punkt, an dem alles bergab ging.

Sie fühlen sich lustig an, meine Zähne. Die vorderen, die so kleine Rillen aufweisen, und der eine links oben, der schon so glatt ist wie ein Stein im Fluss. Ich versuche, überall hinzukommen, was aber natürlich aufgrund der Beschaffenheit meines Fingers unmöglich ist. Nicht einmal Dr. Best könnte mit seinem Finger zärtlich zu einer Tomate sein. Nachdem ich mich anfangs nur über das Waschbecken gebeugt hatte, sehe ich nun erstmals auf und erblicke mich im Spiegel. Beim darauffolgenden Lachen spucke ich etwas Zahnpastaschaum auf ihn, bevor ich mich wieder runterbeuge und lachend ausspucke.

„Alles okay?“
– „Ja, voll.“

Ist es komisch, dass man sich plötzlich wieder jung fühlt, nur weil man einen Finger im Mund hat? Dass alles Ernste plötzlich so wunderbar unernst wird, nur weil man herrlich bescheuert aussieht. Ich nehme ein Taschentuch und wische die Spuren meines Losprustens weg. Aber so als würde ich aus Fehlern nichts lernen, trage ich noch einmal Zahnpasta auf, lege wieder los und blicke in den Spiegel. So möchte ich mich in Erinnerung behalten.

„Warum brauchst du so lange?“
– „Ich hab nur meinen Spaß hier.“

Beim Reden versuche ich durch das Zurückhalten des Kopfes ein weiteres schaumiges Überschwappen zu verhindern. Und wie es nicht anders zu erwarten war, erscheinst du in der Tür und lachst mit mir. Nimmst die Zahnpasta, trägst dir etwas auf den Finger auf, stellst dich neben mich und so putzen wir die Zähne wie damals im Sommer, als die Nächte nie aufhörten und das Leben in uns bebte, als es noch so viel Neues gab und wir bereit waren, allem gegenüberzutreten; und wir lachen gemeinsam in den Spiegel, weil wir es in Wahrheit nie verlernt, maximal eben nur verdrängt haben.

Als wir uns beide das Gesicht gewaschen, den Mund ausgespült und den Schaum beseitigt haben, und wir beinahe schon auf dem Weg ins Bett sind, schüttle ich den Kopf.

„Was ist los?“
– „Ich möchte gern noch raus.“
„Warum?“
– „Um die Nacht auch wieder einmal zu spüren. Spazieren, sitzen,  in den Nachthimmel schauen. Irgendetwas tun, was vielleicht nicht ganz logisch ist, und etwas dabei fühlen. Das vermisse ich ein bisschen.“

Und es wundert mich schließlich nicht, dass du keine weiteren Überzeugungsversuche brauchst. Vielleicht sollte ich von nun an immer meine Zahnbürste vergessen.

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