Herr Leitner und der Rausch seines Lebens

„Eine gute Onlinereputation ist das Wichtigste!“, werden dir ungefähr 98 Prozent aller selbsternannter Social Media-Experten sagen, wenn du sie fragst, was denn so das Wichtigste sei. Partyfotos würden ja potentielle Arbeitgeber abschrecken: Ich denke da aber etwas anders: Durch den Ansatz, mit vollster Transparenz zu überzeugen, erzähle ich heute vom „Rausch meines Lebens“. Damit potentielle Arbeitgeber sehen, dass ich nicht nur arbeite, sondern auch hin und wieder Kontakt zu echten Menschen habe. (Und es sinnvoll wäre, mich mit Arbeit einzudecken und gut zu bezahlen, damit die Menschheit vor mir und meinem Kontakt geschützt wird.)

Wenn man mal einen Schluck (oder einen Viertelliter Vodka) zuviel erwischt hat, dann gibt es ja bekanntlich immer zwei Geschichten. Jene, an die man sich selbst noch erinnern kann, und jene, die einem Tage später, auf dem Walk of Shame nach und nach erzählt wird.

Ich erinner‘ mich nur mehr, wie wir die Treppe runter gegangen sind …

Wir waren bei jenem Freund, bei dem wir fast jedes Wochenende „vorglühten“. Nahe an den wenigen Fortgehlokalen, die die Stadt zu bieten hat, saßen wir auch an diesem Abend rund um einen Tisch voller Bierflaschen, Sangria, Wein und Vodka. Auch wenn ich nicht mehr weiß, warum wir das gemacht haben, hatten ein Freund und ich beschlossen, eine neue Jugendorganisation zu gründen. Vielleicht war es auch einfach nur der verzweifelte Versuch, einen Grund zu finden, sich absolut sinnlos zu betrinken. Denn infolgedessen beschlossen wir, dies jeweils mit einem halben Liter Vodka zu feiern. Natürlich hatten wir auch an Orangensaft gedacht, aber um unsere unglaubliche Coolness zu unterstreichen beschlossen wir, immer erst mal zwei Schluck Vodka zu trinken, und dann erst den Orangensaft nach. Ab da beginnt das erste Blackout in meinen Erinnerungen, die Treppe, die wir runtergegangen sind, war jene zur Straße Richtung Innenstadt. Dann ungefähr noch fünf Minuten Fußmarsch bis zum Schauplatz der zweiten Erinnerung.

… wie ich in die Bar reinging und gleich wieder raus …

Ich ging rein, gleich wieder raus – so war zumindest meine Erinnerung. In Wahrheit habe ich die Bar betreten und war mindestens eine Stunde drinnen. Eine Schulkollegin erzählte mir drei Tage später, dass ich offenbar bereits bei der Ankunft derart betrunken war, dass ich nur mehr lallte und kaum verständlich artikulierte, aber offenbar gerne und mit jedem sprechen wollte. Eine Woche später, als ich wieder in der Bar war, kam der Barbesitzer zu unserem Tisch und fragte, ob wir wüssten, wer letztes Wochenende die Seife am Männerklo am Boden verteilt habe – und aufgrunddessen mindestens zwei Leute ausgerutscht seien. Ich hab die Geschichte damals zum ersten Mal gehört, bis mir, nachdem der Besitzer wieder verschwunden war, erklärt wurde, dass der Seifenattentäteter offenbar ich selbst war. Schwerwiegende Verletzungen gab es aber glücklicherweise keine.

… dann, wie ich mit blutender Nase vorm Lokal saß …

Wenn man natürlich von meiner blutenden Nase absah. Es war keine Schlägerei gegen Rechtsradikale (auch wenn ich diese Theorie immer noch gerne vertrete). In Wahrheit war es ganz einfach die Glastür, die mir zum Verhängnis wurde. Nach meiner lallenden und eingeseiften Stunde wollte ich offenbar so rasch wie möglich das Lokal verlassen und übersah dabei das Übersehbare. (Du müsstest erst einmal die Neonazis sehen, die schauen viel schlimmer aus!)

… als ich schließlich unabsichtlich meinen Musiklehrer anrief …

Danach, wohl nach dem Ende des Nasenblutens machte ich mit meinen Freunden auf den Weg zu einem anderen Lokal. Doch nachdem ich kurze Zeit später vor dem wunderschönen Panorama des Traunsees und des Traunsteins mich oral etwas vom mich vergiftenden Alkohol erleichtert habe (und dabei auch ein kleines bisschen die Schuhe meiner besten Freundin traf – sorry!), sah ich endlich selbst ein, dass eine Heimreise am Klügsten wäre. Ich drückte auf die Wahlwiederholung, weil ich wusste, dass ich zuletzt meinen Papa angerufen hatte. Es läutete, jemand hob ab, ich rief hinein „Hallo? Hallo? Papa? Kannst du mich abholen?“, bis ich bemerkte, dass ich offenbar nicht meinen Papa, sondern meinen Musiklehrer aus dem Gymnasium angerufen hatte. Wie mir tags darauf erklärt wurde, hatten meine Freunde sich schon beim Vorglühen mein Handy ausgeliehen (keine Erinnung!), da ich der einzige war, der die Nummer von besagtem Lehrer hatte. Sie wollten ihn fragen, ob er denn auch in der Stadt sei und ob wir ihn beim Fortgehen treffen würden. (Wir hatten eine sehr freundschaftliche Beziehung zu unserem Lehrer.) Naja, wie gesagt – ich habe meinen Musiklehrer Papa genannt, gefragt, ob er mich abholt, bis ich schließlich mit meinem echten Papa telefonieren konnte.

… und mich meine Eltern abgeholt haben.

Als das große Auto meines Papas vor mir zum Stillstand kam und meine beste Freundin mich zu meinen Eltern gebracht hat, machte ich die Autotür auf, wollte mich reinsetzen und brach den Versuch erst ab, als mir jemand sagte, dass der Sitz bereits von meiner Mama besetzt war. Die Fahrt nach Hause erntete ich Kopfschütteln und Vorwürfe (die Blackouts wurden weniger!), zuhause kotzte ich dann auch noch den Rest raus und ging schlafen. Lustigerweise passierten alle Ereignisse bis zum Abholen vor 23 Uhr.

Auch jetzt, wo ich zum ersten Mal seit Jahren (!) mal wieder fortgegangen bin (und das Leben in vollen Zügen genossen habe), erzähle ich immer wieder gerne diese Geschichte. So verrückt, so zerstückelt und so großartig waren die Ereignisse. So stets an meiner Seite war meine beste Freundin (was aber wohl auch als Revanche verstanden werden kann, nachdem ich sie viel öfter „betreute“). Falls  jemand denkt, dass dies eine Warnung vor Alkohol sei, der könnte damit Recht haben, denn: Ohne Alkohol wäre mir all das nie passiert. Falls aber jemand denkt, dass das hier ein Loblied auf den Alkohol sei, der könnte damit ebenso Recht haben, denn: Ohne Alkohol wäre mir all das ja auch nie passiert.

Bildquelle: (1) kdiem1229 / Pixabay, (2) frolicsomepl / Pixabay

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