Please don’t let this turn into something it’s not

Morgensonne, Nebel

„Ich habe schon lange Zeit keinen Sonnenaufgang gesehen“, sagt Hannah. „Das letzte Mal wahrscheinlich vor Jahren, als ich mal nach einer Partynacht zu Fuß den Heimweg absolvierte.“ – „Ich glaube, ich kann mich an gar keinen erinnern.“ Hannah sieht Peter entgeistert an. „Und du hast auch wirklich bisher schon gelebt? Bist du dir da sicher?“ – „Es hat sich einfach nie ergeben.“ Hannah schüttelt den Kopf. „So etwas ergibt sich auch nicht einfach, man lässt es zu. Die Sonne kommt, ob du willst oder nicht, aber du selbst musst dich entscheiden, ob du kurz Halt machst, dich niedersetzt und ihr dabei zusiehst, wie sie wieder im Himmel ihren Platz findet. Es ist ein Leben und du kannst all das entscheiden.“ Wo sie recht hat, hat sie wohl recht. Auch er war manches Mal erst in den Morgenstunden heimgekommen, aber es war nicht der Sonnenaufgang in Erinnerung geblieben, sondern einfach nur, ‚dass es schon hell wurde‘.

Der Ausblick von hier oben, die beiden sitzen immer noch vor der verschlossenen Kapelle, könnte nicht besser sein. Der Nebel wehrt den strahlenden Angriff noch mit aller Kraft ab, krallt sich im Tal fest und macht daraus eine wahre Suppe, in die man zwar irgendwann wohl wieder eintauchen wird, die aber mit etwas Distanz zwar noch schön anzusehen ist, aber plötzlich all ihre Macht verliert. „Du hast es eigentlich gut, Peter.“ – „Warum?“ Sie lächelt, als sie ihren Kopf auf seine Schulter legt. „Weil nicht viele ihren ersten Sonnenaufgang mit so einem tollen Menschen erleben können.“ Das lässt auch ihn lächeln. „Da hast du recht“, sagt er und küsst sie auf den Kopf.

Es vergehen Minuten, die die beiden nur damit verbringen, ihren Blick nicht vom immer heller werdenden Himmel abzuwenden. „Was sind wir jetzt eigentlich?“, murmelt Peter, ohne sich aus ihrer sanften Verschlungenheit zu lösen. „Hm?“
– „Naja, was ist das? Was wird das? Was sind wir?“
„Wir sind glücklich, oder?“
– „Natürlich, ja. Aber sollten wir nicht darüber sprechen?“
„Warum denn, Peter?“
– „Um uns vorzubereiten. Auf das Danach. Auf den Morgen.“
„Vielleicht. Ja.“

Hannah zieht die Knie an sich heran, schafft mit ihren Händen damit eine Ablagefläche um ihren Kopf darauf zu stützen. Sie sieht wunderschön aus, an diesem frühen Morgen, eingehüllt in die ersten, zarten Sonnenstrahlen.

„Ja, was ist es.“
– „Das ist die Frage, Hannah.“
„Was denkst du?“
– „Es ist Liebe, oder?“
„Ach nein, Peter.“
– „Nicht?“
„Nicht jede Verliebtheit ist Liebe. Nicht jeder Kuss ist Liebe. Nicht jedes Nackt-durch-einen-Bach-hüpfen ist Liebe.“

Peter zeigt sich etwas enttäuscht.

„Aber es hat das Potenzial, Peter. Tauchen wir das, was wir jetzt haben, das, was wir jetzt sind, nicht viel zu früh in einen Farbtopf, wenn wir noch gar nicht genau wissen, welche Farbe uns am besten gefällt.“
– „Da hast du vielleicht recht.“
„Natürlich hab ich recht“, sagt Hannah und lacht lauthals der Sonne entgegen. „Aber was ist das nun mit uns? Das ist eigentlich eine sehr gute Frage, Peter. Es war wundervoll, als wir unsere Gefühle offenbart haben, der erste Kuss, diese Zweisamkeit, dieses Wir. Vielleicht ist es ja Liebe, aber es wäre uns unfair gegenüber, wenn wir uns mit dieser Diagnose die wunderbare Zeit der Schmetterlinge, diese sorglose Gedankenverlorenheit namens Verliebtheit entgehen lassen würden. Die haben wir uns verdient, nach all den Jahren. Nach all den Jahren dieser Gefühle.“
– „Und sind wir nun ein Paar?“
„Waren wir das nicht schon immer?“

Tatsächlich waren sie lange Zeit, damals, immer nur gemeinsam aufgetreten. Nicht weil es geplant war, aber weil sie einfach so gut wie jeden Moment miteinander verbrachten. Ihr Leben teilten und den anderen teilhaben ließen. Als Freunde, die stets mehr fühlten, aber zu feige waren, es zu sagen. Vielleicht tat es gerade deshalb so weh, als sich die Wege trennten. Wenn die eine 1 fehlt, die gemeinsam mit der eigenen 1 die wundervolle Summe 2 ergibt, wenn eine derart harte Substraktion in einem Leben stattfindet, das geht einfach nicht spurlos aneinander vorbei. Aber vielleicht deshalb auch die Freude über das Wiederentdecken, über das erneute Kennenlernen. Trotz des immer noch vorhandenen Schmerzes, trotz der Enttäuschung, der Erinnerung. Hannah hatte für Peter so etwas an sich, dass ihn daran hinderte nachtragend zu sein.  Andere hätten aufgrund der Erfahrung Abstand von Hannah genommen. Aus reinem Selbstschutz. Aber sobald Hannah wieder da war, sah er es vielmehr als seine Aufgabe an, sie zu beschützen. Auch wenn sie es wahrscheinlich viel weniger brauchte, als er.

„Bitte verstehe mich nicht falsch“, wiederholt sich Hannah. „Vielleicht ist es ja Liebe. Aber lass uns aus diesem Jetzt nichts machen, was vielleicht noch gar nicht ist.“
– „Okay.“
„In Momenten wie diesen ist es oft nicht sinnvoll auf den Forward-Button zu drücken, da wäre viel eher ein Pause-Button angebracht. Es ist keine Eile angebracht.“
– „Stimmt.“
„Und wie du siehst hat es die Sonne ja auch nicht eilig mit dem Auftauchen.“

Der Himmel ist bereits in ein einzigartiges Morgenrot getaucht, als Peter eine schöne Metapher einfällt. „Wenn wir uns als Sonne sehen, so haben wir heute Nacht beschlossen, heute morgen aufzuwachen. Und während ich schon fest am Himmel stehen möchte, willst du auch den Weg dorthin erleben. Spüren. Fühlen. Und wenn ich das so sehe, Hannah, dann hat das absolut Sinn. Es ist ein Wahnsinn!“ – „Das stimmt“, antwortet sie, „Und du musst auch immer Bedenken: Am Himmel steht sie viel länger als sie auf- oder untergeht. Das sind die Highlights. Wobei wir uns jetzt erstmal auf das Aufgehen konzentrieren.“ Das hat sie schön gesagt.

Plötzlich streckt sie sich, gähnt, die Müdigkeit durchströmt ihren Körper. Und steckt dabei auch Peter etwas an. „Sollen wir uns auf den Heimweg machen?“
– „Wollen wir das?“
„Wir müssen es, Hannah.“
– „Da hast du wohl recht.“

Natürlich hat er recht. Sie helfen sich gegenseitig auf ihre buchstäblich müden Knochen, sehen sich noch für einen kurzen Moment die aufgehende Sonne an und setzen sich schließlich wieder ins Auto. „Nächster Halt?“, fragt Peter wissend. „Zuhause.“, murmelt Hannah und man merkt, dass sie von der bisherigen Ziellosigkeit viel mehr angetan war. „Dann begeben wir uns jetzt wieder zurück in die Nebelsuppe.“ Der Schlüssel wird im Zündschloss gedreht, das Auto springt etwas widerspenstig an und langsam rollen sie die Straße, die sie auf diesen Hügel geführt hat, wieder hinunter.

Alle Teile von „Drive Darling“ gibt es hier zum Nachlesen – inkl. Playlist meiner Inspirationslieder.

Bildquelle: clausheupel / Pixabay

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: