Selbst bei Regen.

Ein tiefer Atemzug. Schon Minuten stehen sie hier auf diesem Berg, oder Hügel, oder wie auch immer man diese Erhebung aus der Landschaft nennen mag. Sie halten sich an ihren Händen. Atmen ein, atmen aus. Sie haben es geschafft.

Als der Wind immer stärker wird, können sie nicht mehr umkehren. Sie sind gefangen, der Abstieg wäre zu gefährlich, der Aufstieg bis ganz oben unmöglich. Die ersten Tropfen, ein Donnern in der Ferne. „Wir müssen Unterschlupf suchen.“, sagen sie und beschließen, Ausschau zu halten, nach Unterkunft, nach Schutz. „Damit konnten wir nicht rechnen.“, erklären sie und sind sich einig „Damit rechnet man ja nie.“ Die Wiese um sie herum bietet von Sekunde zu Sekunde weniger Halt, die noch feinen Tropfen trägt der Wind direkt in ihr Gesicht, bis eine kleine Hütte, fast zusammengebrochen, aber doch noch halbwegs bedacht, vor ihnen auftaucht. „Lass uns eine Pause machen.“, schlagen sie vor. „Warten, bis es vorüber ist.“ Die Sommerhitze und der lauwarme Regen bieten eigentlich eine schöne Mischung, vor allem, wenn man es im Trockenen erfahren kann. „Wir müssen uns nicht zwingen.“, sagen sie, „Niemand erwartet von uns, dass wir nachher noch weiter hoch gehen. Wir können auch wieder zurück.“ Doch das ist für beide nicht die Option.

Warum soll man nun umkehren, nur weil man mit starkem Gegenwind konfrontiert ist? Wo doch der ganze Ausflug, vollgepackt mit Regenjacke und Jause, doch so schön angefangen hat. Wo doch all das so großartig angefangen hatte, perfektes Wetter, keine Gedanken. Das Brot schmeckt den beiden, die marode Hütte schafft das kleine Stück Paradies, das sie jetzt gerade brauchen, gibt ihnen Zeit zum Ausruhen, zum Sondieren. Sie sehen die Sonne, die hinter der dunklen Wolkenfront schon wieder auftaucht und lächeln. Der Wolkenbruch hält nicht lange an, ertränkt zwar die Welt, hört aber wieder rechtzeitig auf, bevor einem die Luft endgültig ausgeht. Sie warten noch etwas, Kopf an Schulter sehen sie sich das Wiedererstrahlen der Welt an.

Jetzt stehen sie oben, am Gipfel. Haben durchgehalten, weil umkehren sinnlos wäre. Weil sie niemandem etwas beweisen mussten und weil sie lachend Meter für Meter hinaufmarschiert sind, balancierend auf den nassen Wegen bis hierher. Sie atmen ein, atmen aus. „Wir hätten uns geärgert, wenn uns das Wetter vom Weg abgebracht hätte. Wenn wir das nicht gesehen hätten. Wenn wir nicht durchgehalten hätten. Wenn der Regen alles zerstört hätte. Das wäre verrückt, denn gerade der Regen trocknet doch immer wieder.“, sagen sie und, „Manchmal sollte man zur richtigen Zeit eine Pause einlegen, weil Pausen schaden nie. Und mit der richtigen Person an der Seite sind Pausen das schönste Nichtstun der Welt.“ Sie grinsen. Genießen den Blick hinab auf die Welt. Dort unten dreht sich eine Windmühle, ganz klein. An ihr sind sie vorbeigegangen, als alles erst am Anfang war, waren begeistert von ihrer Größe. Jetzt ist sie geschrumpft, so wie viele Sorgen. Jetzt ist der Gipfel erklommen, jetzt muss man innehalten. Jetzt heißt es genießen. Da sind sich die beiden einig, setzen sich, genehmigen sich einen weiteren tiefen Atemzug. Und die Windmühle dreht sich und dreht sich ohne Halt. Selbst bei Regen.

Bildquelle: Kincse_j / Pixabay

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